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Wer liebt, der spielt

 
Autor: Johannes Knuth Mittwoch, 05. Mai 2010
 

sliderDer Schmerz ist Leben, hat Friedrich Schiller einmal gedichtet, und jeder der einmal erlebt hat, wie lebhaft Menschen agieren, sobald sie Schmerzen verspüren, der stimmt dem alten Schiller sofort zu. Allerdings birgt Schmerz auch Gefahr. Zum Beispiel für die Philadelphia Phillies, deren Saisonziele nach einem schmerzhaften Ausrutscher leicht in Gefahr sind. 

buchstabefür den gepflegten Ausraster sieht das Phrasenlexikon der Sportberichterstattung folgende Termini vor: "Ein Zeichen setzen", zum Beispiel für das herzhafte Umsäbeln des Gegenspielers, wenn die eigene Mannschaft saft- und kraftlos einem Rückstand hinterherirrt. "Die Mannschaft aufrütteln", für den Manager, der mit einem Gesicht, glühend wie eine Herdplatte, in die Kabine stürmt und seine erfolglosen Kicker so lange zusammenstaucht, bis er heiser ist. Oder einfach nur "Dampf ablasssen", wie es einst ein italienischer Fußball-Lehrer in Diensten einer süddeutschen Fußballhegemonialmacht vor versammelter Journalistenschar tat, was ihm ein lebenslängliches Abonnement an Wiederholungen in Jahresrückblicken und auf Internet-Videoplattformen bescherte.

Ansonsten sind die postiven Auswirkungen des gepflegten Ausrasters – zum Beispiel die "Trotzreaktion der Mannschaft" (in: Phrasenlexikon der Sportberichterstattung, S. 254) – erfahrungsgemäß aber sehr kurzweiliger Natur. Wissenschaftler haben jetzt sogar herausgefunden, dass schlechte Gefühle auch ganz schlechte Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben.

Deprimierte Knochen

Die Ergebnisse in geballter Form: Angst und Stress lassen das Blut zäher und dicker fließen, führen zu Herpes, Hautausschlägen und Schuppen. Depressive Menschen sterben nahezu dreimal so oft an Herzinfakt wie Nicht-Depressive. Wer oft ausgiebig streitet, hat ein größeres Schlaganfall-Risiko. Deprimierte Menschen leiden viel öfters an Rückenbeschwerden und brechen sich eher die Gräten.

Und vor allem: Das ausgiebig gepriesene "Dampf ablassen" richtet im Körper fast nur Schaden an. Die Wissenschaftler haben beobachtet, dass bei Partnern, die im Streit fluchen und sich anschreien, die Entzündungsfaktoren im Blut noch am Morgen nach dem Streit am Anschlag sind. Oder überspitzt formuliert: Wer sich liebt hat, wird auch irgendwann das Zeitliche segnen – nur nicht so früh.

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Madsons Ausraster bringt auch seinen Boss Ruben Amaro in die Bredouille (CC-BY-SA - Foto von ElCapitanBSC)

Ryan Madson muss sich noch keine Gedanken über seinen Abgang von dieser Welt machen, schließlich ist Madson mit 29 Lenzen im besten Alter, seinen Beruf als Pitcher der Philadelphia Phillies auszuüben. Allerdings saß auch Madson jüngst dem Irrtum auf, seine Probleme im Beruf mit dem Allheilmittel "Dampf ablassen" zu behandeln.

Es war ein gewöhnlicher Montagabend im April. Der 29-Jährige sollte den knappen Vorsprung seiner Phillies gegen die San Francisco Giants verteidigen, doch weil Madson schlecht verteidigte, drehte San Francisco das Spiel. Das ärgerte Madson fürchertlich, und weil gerade kein Gegenspieler (Stichwort "Zeichen setzen") oder Mikrofon (Stichwort "Trappatoni") in der Nähe war, trat Madson kräftig gegen den nächstbesten Stuhl.

Ein schmerzhafter Tritt. Nicht nur für Madson, der sich in seiner Rage den rechten Zeh brach und jetzt für mindestens acht Wochen krankgeschrieben ist. Madsons Verletzung bringt seinen Arbeitgeber in kolossale Schwierigkeiten. Der 29-Jährige diente ja bereits als Krankenvertretung für den etatmäßigen Closer Brad Lidge, der sich nach einer Ellenbogenoperation erst wieder an die Major League herantastet.

Leere Speicher

Weil auch die Schmeisser Joe Blanton und J.A. Happ pausiert haben oder dies immer noch tun, ist die Werferabteilung der Phillies jetzt sehr stark ausgedünnt. Gut möglich, dass Philadelphias General Manager Ruben Amaro Jr. die kostbaren Nachwuchsspieler, die er im Winter gegen Pitcher Cliff Lee getauscht hatte, um die Talentspeicher wieder aufzufüllen, gegen kurzfristigen Ersatz für Madson eintauschen muss.  

"Das tut uns enorm weh", kommentierte Amaro Madsons Verletzung, und er meinte sicherlich nicht sein Mitgefühl für Madsons körperliche Schmerzen.

Oder überspitzt formuliert: Wer sich und seine Zehen lieb hat, pitcht länger.

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Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.