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Esel zwischen den Heuhaufen

 
Autor: Johannes Knuth Dienstag, 30. März 2010
 

sliderDie diesjährige Ausgabe der großen deutschen Technik-Messe CeBIT ist schon wieder Geschichte. Das macht aber gar nichts, schließlich erfreuen die New York Yankees die Baseballfans mit dem neusten Technik-Schrei. Oder ist es doch nur Technik-Schrott?

buchstabeihr Name klingt wie ein Sportwagen: S9110, das erinnert irgendwie an ein Produkt des einschlägig bekannten schwäbischen Sportflitzer-Herstellers. Und irgendwie will es das auch sein, das Samsung 9110, der neue, kleine Flitzer unter den Handy-Riesen.

Das besondere am S9110: Es ist Armbanduhr und Handy in einem. Eine Handy-Uhr. Ihr Bildschirm misst vier mal sechs Zentimeter, nicht viel mehr als ein handelsübliches Passbild. An der Bug- und Heckpartie hat der Hersteller einen weichen Lederstreifen angeklebt, so dass man(n) sich das kleine Gerät tatsächlich um das Handgelenk schnallen kann.

Und telefonieren lässt sich mit dem teueren Gelenkschmuck (450 Euro) auch. Die Telefonnummer gibt der Nutzer über den berührungsempflindlichen Bildschirm (neudeutsch: Touchscreen) oder per Sprachbefehl ein. Anschließend kommuniziert er mit seinem Gesprächspartner über Lautsprecher oder über Bluetooth-Headset, mit dem der Nutzer auch seine Lieblingsmusik stets im Ohr hat. Internettauglich ist das Teil auch noch.

Metzger oder Baseballer

So viel zur tollen neuen Technik. Auf den zweiten Blick fällt das Handgelenks-Handy dann doch in die Kategorie "Technik-Spielzeug, das (fast) keiner braucht". Schick und elegant sieht sie ja aus die Handyuhr, allerdings nur bei Metzgermeistern und kräftigen Baseballern – Menschen mit kleinen Handgelenken heftet die Uhr am Knochen wie ein zu großer Sturzhelm auf der Bürzel. Der Lautsprecher zum Telefonieren? In lauten Umgebungen viel zu schwach, ständig muss man sich die Uhr an den Mund halten und hineinschreien. Der Stereo-Kopfhörer? Unterstützt gar kein Bluetooth, daher nur auf Umwegen mit dem Handy vernetzbar. Die Internetverbindung? Eine lahme GPRS-Leitung.

Manchmal sollte man sich vielleicht doch auf das Grundsätzliche konzentrieren.

Recht ähnlich verhält es sich mit dem neusten Spielzeug von Joe Girardi, Manager der New York Yankees. Er könne es kaum erwarten, das Ding endlich auszuprobieren, sagte Girardi vor einigen Tagen, so klingt sonst höchstens ein Kirps wenige Stunden vor der Weihnachtsbescherung.

Codename Krake

Girardis Nachwuchs-Laboratorien basteln seit rund zwei Jahren an einer kleinen Techniksensation: Markenname: Pat Venditte. Technische Infos: 24 Jahre, und – Achtung – beidhändiger Schmeisser: bis zu 93 Meilen mit rechts, 80 Meilen und ein knackiger Slider mit links, spezieller Fanghandschuh mit zwei Daumentaschen und zwei Fangnetzen. Erste Referenzen: 22 Saves anno 2009 in diversen Class-A-Ligen. Codename: El Pulpo, spanisch für "Krake".

Die Vorteile liegen auf der Hand: Venditte vermeidet durch seine Versalität einseitige Wurfarmbelastungen, steht seinem Manager also weit öfters und schneller wieder zur Verfügung. Und schließlich attackiert der Relief Pitcher wirklich jeden Schlagmann von der Seite, die der Hitter nicht wirklich mag.

Dies führte vor zwei Jahren zu einem Dick-und-Doof-Gedächtnismoment, als der beidarmig werfende Venditte auf den beidseitig schlagenden Ralph Henriquez traf und beide minutenlang abwechselnd die Seiten tauschten, ehe der Schiedsrichter die Nase vollhatte (wir berichteten). Einen Monat später zog die Major League Baseball nach und veränderte die Regeln, jetzt muss Venditte vor jedem At-Bat deklarieren, welchen Wurfarm er einzusetzten gedenkt.  

Doppelt so viele Hausaufgaben

Wo liegen also die Nachteile? Die sind bisher noch nicht wirklich offensichtlich. Alles deutet darauf hin, dass Girardis neues Spielzeug tatsächlich auch von großem Nutzen ist. Allerdings steckt der Venditte-24-Prototyp noch mitten in der Testphase. Wie schlägt er sich langfristig im Verkauf? Wie geht er mit der Doppelbelastung um, ständig an mehreren Pitches mit beiden Armen zu arbeiten? Venditte muss ja ständig doppelt so viele Hausaufgaben erledigen wie seine Mitschüler. Dass er nicht nur Regelbücher, sondern auch Rekordbücher in der Major League Baseball ändern kann, das muss er erst noch unter Beweis stellen.

Und irgendwie erinnert Venditte den Autor dieser Zeilen an den berühmten Esel, der sich nicht zwischen den berühmten zwei Heuhaufen entscheidet und schließlich verhungert.

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Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.