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Zwischen Hamburgern und Kaugummi

 
Autor: Johannes Knuth Donnerstag, 11. Februar 2010
 

sliderWie äußerte sich Tim Lincecum doch einst zu seinem bevorstehenden, mit Brisanz behafteten Gehalts-Schiedsverfahren? "Whatever!" Na denn. Aber da gibt es noch eine Sache, die Tim wohl ziemlich egal ist.

buchstabeen Trophäenschrank im Anwesen des erfolgreichen Spitzensportlers muss man sich in etwa folgendermaßen vorstellen.

Nachdem die gußeiserne Pforte an dem mit Stacheldraht berankten Eingangstor aufgeschwungen ist, die Plastikskulptur der römischen Gottheit einem den Weg über den kalkweißen Kies, vorbei am Aston Martin mit den Mahagony-Furniereinsätzen und am Springbrunnen im Trevi-Look Richtung Haustür weisen, schreitet man durch die Tür, nein besser: durch das Tor, um sogleich die korintischen Säulen und den Marmorfußboden (der komischerweise so künstlich knarzt) in der Eingangshalle zu bewundern.

Und dann steht er da.

Gott strahlt

Die offene Stelle über dem Atrium lässt gerade so viel Sonnenlicht in die Trophäenhalle, dass der Schrank erleuchtet, als strahle ihn der liebe Gott selbst freudentrunken an. Im Inneren trohnen die Medaillen auf edlem Glas, das so ist dünn wie ein vertrocknetes Herbstblatt, und funkeln im Licht, so dass der Betrachter die funkelnden Stücke nur durch eine geschwärzte Glasscherbe betrachten kann, ohne dabei völlig zu erblinden. Ja so ist er, der Trophäenschrank.

Dachte ich zumindest immer.

Leise Zweifel an meiner romantischen Trophäenvorstellung erklangen, als der mittlerweile pensionierte Fußballprofi Thomas Linke in einer Fragerunde mit Sportschreibern irgendwann erwähnte, er wisse gar nicht so genau, wo er seine Champions-League-Goldplakette (die Medaille für den so ziemlich tollsten Fußballerpreis des Universums, Anm.!!!) verstaut habe.

CrispWorldSeriesTrophy

Die Zweifel wurden lauter, als Triathlet Jan Frodeno in einer anderen Fragenrunde bekannte, er trage sein olympisches Gold immer in seiner Hosentasche bei sich. Moment, in der ausgebeulten Hosentasche? Zwischen Handy, zerknitterten Kaugummistreifen, scharfkantigen Schlüsseln und leeren zerknitterten Kaugummistreifen? Naja, Triathleten halt, die geben ja selber zu, dass sie einen an der Waffel haben.

Graf Dracula nach der Chemo

Doch seitdem Tim Lincecum, junger, preisgekrönter Schmeisser der San Francisco Giants, der aussieht wie Graf Dracula nach der Chemotherapie, also spätestens seit Graf Timculas jüngstem Bekenntnis, er bewahre seine Schmeisser-Preise auf dem Rücksitz seines Autos auf – auf dem Rücksitz, zwischen Fast-Food-Verpackung, zerknitterten Faltplänen und Fast-Food-Hamburgerkrümeln!!! – spätestens da zerbröselte mein Bild vom edlen Trophäenschrank wie eine alte römische Skulptur.

Nachdem ich die Scherben weggekehrt hatte, war mir klar, dass hinter all diesen flegelhaften Verstaugewohnheiten etwas Tiefsinnigeres stecken musste. Und tief trifft es tatsächlich ganz gut. Denn je tiefer Jan Frodenos Medaille in der Hosentasche oder Tim Lincecums Cy-Young-Plakette in der Ritze der Autobezüge ruht, desto besser.

Alle Jahreszeiten wieder

Schließlich stellen die Athleten so sicher, dass ihre Errungenschaften ganz nahe bei ihnen sind, aber, und das ist wichtig, ihnen nie vor der Nase rumbaumeln. Je länger sich ein Athlet an seinen Medaillen ergötzt, desto mehr verliert er sein Herz an längst vergangene Triumphe, die ihn umklammern und daran hindern, mit frischem Tatendrang die Zukunft anzupacken. Es ist ein beruhigendes Gefühl, die Medaillen in seiner Nähe zu wissen, aber meistens stören sie dann doch – so wie die Eltern, bei denen man schon längst ausgezogen ist und die man höchstens alle Jahreszeiten wieder mal besucht.

Und wenn der Athlet gar nicht anders kann, dann baut er sich eben doch einen Trophäenschrank. Aber bitte irgendwo auf dem staubig-modrigen Dachboden. Oder im Keller. Bei den Eltern.

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Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.