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Tomatensuppe auf dem Jackett

 
Autor: Johannes Knuth Mittwoch, 27. Januar 2010
 

sliderVielleicht war es nur eine Randnotiz. Ein kleines Feuer, das kurz aufflackerte, kaum bemerkt, um dann wieder leise zu erlischen. Vielleicht aber war es auch der Beginn von etwas Großem. Vom Comeback eines großen Baseballspielers.

buchstabe_henry Maskes letzter Einmarsch in den Boxring ist perfekt. Der Ringsprecher ruft ihn herein, mit einer Stimme, die klingt wie eine Sirene bei Fliegeralarm im zweiten Weltkrieg.  "Hääääänreeeeeeeeeeeeeeeeeeeeemaskaaaaaaaaaaaaaaaaaaa.....". Jubel. Blaue Lichtkegel stürzen wie Fallbeile auf das Publikum herab, verschwinden. Die Halle ist dunkel.

Auf der Videowand erscheint ein Film. Maske nach seinem letzten Kampf. Das schwarze Haar klebt an der nassen Stirn, er blickt auf den Boden, schüttelt den Kopf, wandert auf und ab wie ein Tiger in einem viel zu kleinen Käfig. Er hat den Kampf, mit dem er als ungeschlagener Champion abtreten wollte, verloren. Maske weiß das, nur wahrhaben will er es nicht. Sprechchöre. "Heenry, Heenry, Heenry."

Bilder vom Kampf. Maske und Virgil Hill. Der Deutsche schlägt, der Amerikaner weicht aus, der Schlag geht ins Leere. Aus den Lautsprechern erklingt Maskes Stimme, er kommentiert seine eigene Niederlage. Dann der Gong. Das Urteil, der Sieger..."VirgiiiiiiiiiiiiiiilQuicksiiiiiiiiiiiiiilverHiiiiiiil." Maske sackt zu Boden, kniet, er weint.

Maschinengewehr im Boxring

Schnitt. Zurück in der Halle. Die Leinwand zeigt Maske in seiner Kabine, die pechschwarze Kapuze weit über den Kopf gezogen, wie er auf und abtapert, der Tiger im viel zu kleinen Käfig, da ist er wieder. Dann darf er los, raus in den Ring. Sein Trainer folgt ihm, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, als sei er nur ein Spaziergänger, der sich zufällig in der Kabine verirrt hat und den großen Boxer jetzt ein paar Meter begleitet. Beide gucken auf den Boden. Die Einlaufmusik hat eingesetzt. Die Schlagzeugrhytmen peitschen wie Maschinengewehrsalven durch die Arena....dadadadat....dadadat....dadadadat... .

Maske kommt in die Arena. Jubel brandet auf, sein Blick haftet auf dem Boden. Die blauen Lichtkegel sind zurück, schwirren durch die Arena wie Laserstraheln in einem Tresorraum einer Bank. Scheinwerfer stürzen sich auf den Kämpfer, sein schwarzer Overall erstrahlt im gleißenden Licht. Im Ring richtet sich sein Haupt zum ersten Mal auf. Er wartet auf seinen Gegner, Viiiiirgiiiillquicksilverhiiiiiiiiiiiiiiill. Der, der ihm vor zehn Jahren seine einzige Niederlage zugefügt hatte.

Wie bei der Bescherung

Zwölf Runden später, nachdem sich die beiden Boxer belauert, betanzt und kaum berührt haben, erklingt das Urteil. "Hääänriiiiiiiiiiiiiiiiiimaskaaaaaaaaaaaaaaaaaa!". Der Sieger jubelt, lacht wie ein Kind, das sein Weihnachtsgeschenk unter dem Tannenbaum auspackt.

Schilling07Parade
Oops, we did it again...und Schilling (rechts)? Macht er es auch nochmal? (CC-BY - Foto von greenmelinda)

Zehn Jahre hatte Maske damals gewartet, bis er in den Ring zurückkehrte, mit 43 Jahren. Eingerostet, lautete das vernichtende Urteil der Beobachter, sein Gegner Virgil Hill werde ihm den Hosenboden versohlen, das stand fest. Eigentlich sei dieser Kampf ja großer Unsinn, Maske wolle eh nur im Rampenlicht stehen und nochmal so richtig abkassieren, spotteten sie alle.

Sie verstanden leider nicht, dass der Perfektionist Henry Maske einfach nur eine Niederlage ausmerzen musste, die wie Tomatensuppe auf einem blütenweißen Jackett klebte. Dafür riskierte Maske, der Perfektionist, sehr viel. Und er gewann.

Zwischen dem Boxer Henry Maske und dem Baseballspieler Curt Schilling gibt es nur wenige Parallelen, und doch muss man sich in diesen Tagen die Frage stellen, wie viel Henry Maske eigentlich in Curt Schilling steckt. Mit Schilling ist das nämlich so: Der mittlerweile 43-Jährige (wie Maske damals) hat in seiner Karriere so ziemlich alles erreicht und gewonnen, was sich in seinem Beruf erreichen und gewinnen lässt (wie Maske).

Wie bei Maske

Einen kleinen Makel gibt es jedoch (wie einst bei Maske). Schilling leierte seinem letzten Arbeitgeber, den Boston Red Sox, einen Einjahresvertrag für die Saison 2008 aus dem Kreuz, verpasste die gesamte Spielzeit aufgrund von Schulterproblemen, stritt sich mit den Red Sox über seine Rehamaßnahmen und gab im März 2009 schließlich sein Karriereende bekannt. Sein eigener Körper fügte ihm damals eine Niederlage zu, die er nur auslöschen würde, sollte er ein (erfolgreiches) Comeback geben (wie...ihr wisst schon).

Folgender Eintrag Schillings per Internetdienst Twitter nährte jetzt die Spekulationen über eine Rückkehr des 43-Jährigen: “Working out again…..not sure I can add anything to that other than I feel it in every fiber of my being, every step I take….” Schilling setzt seinen Körper, der ihn damals im Stich gelassen hatte, also wieder größeren Belastungen aus. Der Boston Globe hakte sofort nach:

"Heißt das also, du kommst zurück."

"Nein."

"OK, hätten wir das auch geklärt."

Schilling kehrt also nicht zurück? Das ist alles andere als perfekt.

Kommentare
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Basti
(Publisher) 27-01-2010 16:59
Ob das bei Schilling auch geht ;) Wie soll sowas aussehen....

Maske hat ja damals in einem Non-Titel-Match seinen alten Rivalen Virgil Hill bezwingen können.
 
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Johannes
(Publisher) 27-01-2010 19:42
Muss ja kein Non-Title-Match sein. Er kommt einfach ne Saison zurück. Oder Mitte der Saison, wie
Clemens bei den Yankees. So abwegig ist das mal gar nicht.
 
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Basti
(Publisher) 28-01-2010 08:50
Dann wohl eher Mitte der Saison als Flyer, mal sehen ob er es noch bringt:

Aber interessant, dass er sich zum Jahresbeginn wieder vorbereitet und mit dem Training beginnt.

Für die Red Sox kann man nur hoffen, dass sich ein Szenario ala John Smoltz mit Schilling nicht
wiederholen wird.
 
Thomas
(Registered) 02-02-2010 11:46
Wenn man's genau nimmt, haben Schilling und Maske tatsächlich nur das Alter gemeinsam. Ist hier zwar
sicherlich nicht der Rahmen für eine ausufernde Boxdiskussion, aber der Artikel ist ja auch etwas
boxlastig, deshalb:



Zu sagen, dass Maske in seiner Karriere alles erreicht und gewonnen hätte, ist wahrscheinlich nur
die Meinung von Veronica Ferres und den anderen RTL-Zuschauern von damals. Maske hat konsequent
jeden gefährlichen Gegner umsegelt (z.B. Roy Jones jr., Michalczewski) und gegen einen, der als
echte Weltklasse angesehen wurde (V. Hill) prompt verloren (Hill wiederum verlor unmittelbar danach
gegen Michalczewski).

Während seiner gesamten Karriere galt Maske nicht ein einziges Mal ...
 
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Johannes
(Publisher) 02-02-2010 12:15
Es ist aber auch nicht so, dass dieser Mann ein durchschnittlicher Boxer war. Angefangen als Amateur
(160 Siege in 180 Kämpfen, Olympiasieger, Weltmeister) hat er als Profi einen wahren Box-Boom
entfacht (natürlich mithilfe von RTL, aber ohne Erfolge wäre das auch nicht passiert). Dass ihm sein
defensiver Konterboxstil das Prädikat des Drückebergers oder Feiglings einbrachte, gerade auch von
den Amis, finde ich etwas ungerecht. Wer da wen umschifft hat aus welchen Gründen ist von außen
immer etwas schwer zu beurteilen, gerade bei großen Vereinigungskämpfen. Da stecken auch die
Interessen der jeweiligen Verbände drin. Einem gefährlichen Gegner wie Rocchigiani hat er sich nach
umstrittenen Hin- zum Rückka...
 
Thomas
(Registered) 02-02-2010 13:06
Durchschnitt keinesfalls - Weltklasse aber eben genauso wenig. Maske war ein sehr guter Boxer, der
zu wenige Kämpfe gegen ernsthafte Gegner bestritten hat, um "groß" zu sein.



Das er den Box-Boom entfacht hat, ist sicherlich unbestreitbar. TV-Magneten müssen aber nicht immer
mit überragender Qualität verbunden sein (siehe Axel Schulz - der war nämlich Durchschnitt). Wenn
man sich anschaut, was heutzutage auf ARD und ZDF unter Weltklasseboxen verkauft wird (werden kann)
- Brähmer, Beyer, Valuev und Co. - dann scheint es so, dass nicht unbedingt der Blick der anderen
auf die deutschen Boxer, sondern der der Deutschen auf ihre eigenen/hier ansässigen getrübt zu sein
scheint.



Mas...
 
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Johannes
(Publisher) 02-02-2010 13:23
Das mit dem langsamen Reden fand ich auch immer komisch, aber teilweise analysiert er ganz gut, wie
ich finde. Für das "Drückeberger"-Verhalten wie gesagt tue ich mir schwer, das ihm alleine
in die Schuhe zu schieben. Ich denke du hast Recht, dass man beide Sportler qualitativ nicht ganz
auf eine Stufe stellen kann. Aber allzu groß ist der Abstand auch nicht.

Und sicherlich ist Maske besser als vieles, was ARD/ZDF völlig zu Unrecht als Weltklasse verkaufen,
das steht fest!
 
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Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.