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Ball Nummer 756*

 
Autor: Thomas Kuhnert Freitag, 07. März 2008
 

Interessant ist das deshalb, weil Bonds vergangenen September gesagt hatte, dass er die Baseball-Ruhmeshalle boykottieren würde, sollten sie den gebranntmarkten Ball tatsächlich ausstellen. Man mag sich fragen was denn nun lächerlicher ist: Die ganze übertriebene Aktion des Herrn Ecko oder das kindische Verhalten von Barry Bonds? Die Antwort: Das Verhalten der Hall of Fame. Jeff Idelson, der Vizepräsident für Öffentlichkeitsarbeit und Bildung der Hall äußerte nämlich, dass der Ball zwar ausgestellt werden wird, die einhergehende Texttafel jedoch nur auf den Moment des Home Runs und den Weg des Balls nach Cooperstown eingehen wird. Ferner relativierte er die Brisanz des Themas indem er sagte, dass das Sternchen lediglich das Gefühl der Fans zur Zeit der Abstimmung widerspiegelt, aber nicht zwangsläufig die heutige Einstellung zu dem Ball. Das Sternchen stünde genauso für die Verdächtigungen, die Bonds zur Zeit der Rekordjagd anhafteten. Wohlgemerkt: Es ist nur die Rede von Verdächtigungen, nicht aber von der nachgewiesenen Einnahme illegaler Mittel. Außerdem solle Bonds durch die Markierung des Balles mit nichts in Verbindung gebracht werden und es sei die Aufgabe eines jeden einzelnen sich eine Meinung darüber zu bilden, nicht aber die der Hall of Fame den Leuten eine Meinung vorzugeben. Schließlich lud Idelson Bonds noch ein den Text persönlich abzusegnen bevor er der Öffentlichkeit präsentiert wird.

Mal wieder hat die MLB, zu der ich die Hall of Fame dazurechne, die Chance verpasst ein Zeichen zu setzen. Man hätte einmal deutlich machen können, dass Betrug am Sport und am Fan nicht auch noch durch Würdigungen belohnt wird. Ich persönlich war bisher nie ein Befürworter des Sternchens auf dem Ball und glaube auch nicht, dass man Bonds’ Namen von der Spitze der Home-Run-Liste streichen sollte. Man kann diese Home Runs, von denen man nie genau sagen können wird wie viele „sauber“ geschlagen wurden, nicht einfach aus den Büchern streichen, wenn die Spiele zu deren Ausgang sie beitrugen nicht annulliert werden. Diese Home Runs gehören zur Geschichte der Liga wie alle anderen auch. Der Hintergrund des Rekords muss aber offen angesprochen und auch im Museum dargestellt werden. Aber warum ist man selbst jetzt so besorgt darüber Barry Bonds auf den Schlips zu treten? Warum tut man selbst von offizieller Seite noch immer so, als gebe es Zweifel an der Art des Zustandekommens des Rekords?

Auch ich glaube, dass Bonds den Rekord niemals ohne illegale Hilfsmittel erreicht hätte. Dafür ist Bonds Leistungsanstieg im Alter einfach zu enorm. Viele Leute sagen, dass man Hand-Augen-Koordination und Schlagschnelligkeit nicht durch Doping verbessern kann. Das stimmt zweifelsohne, und es besteht auch kein Zweifel an Bonds außergewöhnlichen Fähigkeiten und Leistungen vor der Einnahme von Steroiden. Allerdings ist auch unbestreitbar, dass mehr Kraft auch zu mehr Home Runs führt. Bonds schlug 285 Home Runs – nach Vollendung seines 36. Lebensjahres! In den ersten 14 Jahren seiner Karriere erzielte er dreimal mindestens 40 Home Runs in einer Saison, dabei nie mehr als 46. In den fünf darauffolgenden Jahren schlug er 49, 73(!), 46, 45 und 45 Home Runs, und das, obwohl er während dieser Jahre im Durchschnitt nur 425 At Bats pro Saison hatte; in den drei genannten Jahren davor waren es durchschnittlich 530. So eine Leistungsentwicklung lässt auch dem vertrauensseligsten Fan nur den Schluss zu, dass Bonds massiv gedopt haben muss und sich das auch deutlich auf seine Statistiken ausgewirkt hat. Und jeder, der immer noch Zweifel hat, soll sich bitte Fotos von Bonds’ Kopf vom Anfang der 90er Jahre und von heute anschauen: Entweder der Mann ist schwer krank oder er hat Steroide genommen – seine Leistungen deuten auf Letzteres hin.

Aber wie ich gesagt hatte: Da die Home Runs allesamt in offiziell gewerteten Spielen erzielt wurden, muss man den Rekord zumindest rein formell anerkennen. Doch warum erfährt dieser Rekord nur eine derartige Würdigung von der Hall of Fame, ohne dass auch nur mit einem Wort auf dessen Makel einzugehen? Das Sternchen war mir egal, denn ich hielt es eigentlich für unwichtig. Viel wichtiger ist wie mit dem Rekord umgegangen wird. Idelson verwies darauf, dass das Hall of Fame Museum lediglich über den Rekord und den Ball informieren und erzählen wolle. Wie aber soll das geschehen ohne das die Rede von Doping und Betrug sein wird? Man kann nur hoffen, dass Bonds seine Boykottandrohung nie wahrmachen muss – nämlich weil er gar nicht in die Ruhmeshalle gewählt wird. Aber bei dem hier gezeigten Umgang mit dem Thema muss man das Schlimmste befürchten.

Es ging nie um das Sternchen auf dem Ball, sondern um das was es symbolisieren sollte, nämlich die Tatsache, dass der wahrscheinlich größte Rekord im Baseball auf unsaubere und eines Sportlers unwürdige Weise gebrochen wurde. Man hätte zeigen müssen, dass unehrlich erzielte Leistungen keine Würdigung finden, nicht aber, dass am Ende nur der Erfolg um jeden Preis zählt. Insofern verdanken wir Marc Ecko immerhin, dass die Leute, die nur zu gerne über die Realität hinwegsehen würden, in Zukunft immer an den Makel des Balles Nummer 756 erinnert werden.

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Thomas Kuhnert

 
thomas65x90 Thomas Kuhnert ist 29 Jahre alt und seit Beginn an Mitglied der Redaktion von MLBInsider.de. Zusammen mit Michael Koch moderiert er regelmäßig den seiteneigenen Podcast MLBI-Report.
Seine Magisterarbeit schrieb er über die Bedeutung Jackie Robinsons für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung und schloss 2008 das Studium der Neueren und Neuesten Geschichte und Amerikanistik an der Universität Tübingen ab. Bei den Stuttgart Reds spielte er acht Jahre lang aktiv Baseball. Ursprünglich aus Stuttgart stammend wohnt er derzeit in Tübingen.