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Sidearm Slider - Walt Disney im Sonnenscheinstaat

 
Autor: Johannes Knuth Donnerstag, 19. Juni 2008
 

Was haben fleißige Nougatcreme-Esser und Joe Cocker mit den Fans der Tampa Bay Rays zu tun? Eine Menge, wie der aktuelle Höhenflug der Rays zeigt! 

buchstabe_copy_copy.jpgor einigen Wochen, als das Fußballfieber langsam und unbemerkt in die deutschen Knochen zu kriechen begann, fand ich einen kleinen Zettel in meinem Briefkasten. Folgendes stand darauf  geschrieben:

An alle ZENSIERT-Esser (Es sei angemerkt, dass hier der Name einer bekannten Nougatcreme erwähnt wurde. Nennen wir sie mal aus Fairness gegenüber den Konkurrenzprodukten Tunella)!

Ich heiße Konrad, bin 6 Jahre alt und wünsche mir den Tunella-Fußball! Dafür brauche ich 60 Tunella-Fanpunkte und muss 30 Tunella-Gläser bis Ende Juni essen. Das schaffe ich nicht alleine! Wenn Ihr auch Tunella esst und die Punkte nicht selbst braucht, könnt ihr sie mir vielleicht schenken. Bitte einfach in unseren Briefkasten werfen.... Danke,

Konrad


Der kleine Konrad in unserem Wohnheim hatte eins begriffen: Wenn ich schon durch übermäßigen Nuss-Nougatcremegenuss dick werde, dann sollen wenigstens alle daran teilhaben. Oder: Mit ein bisschen Unterstützung meiner Mitbewohner geht vieles einfacher.

Unterstützer – oder auch Fans genannnt – spielen im Sport eine nicht unwichtige Rolle. Grundsätzlich verhält es sich so, dass die erfolgreichen Mannschaften über einen größeren Unterstützerpool verfügen. Und der macht dann auch nicht selten den entscheidenen Unterscheid aus. Das wusste auch schon Joe Cocker, der einst das beliebte Lied „With a little help from my fans” sang. Oder so ähnlich.

Neuerdings müssten eigentlich auch die Spieler der Tampa Bay Rays jede Menge Unterstützung von den eigenen Rängen erhalten. Denn die Rays haben einen kometenhaften Start in die diesjährige Spielzeit erwischt. Am Samstag feierten die Südstaatler bereits ihren 40. Saisonsieg im 68 Saisonspiel. Keine schlechte Bilanz für einen jungen Verein, der in elf Spielzeiten bisher nur einmal nicht Letzter in seiner Division wurde.

Und dennoch mühen sich derzeit im Schnitt knapp 18,000 Zuschauer ins Tropicana Field. Anscheinend honorieren die Sportfans im Süden keinen erfolgreichen Baseball.

Die Wahrheit ist natürlich eine andere.

Zum einen haben die Tampa Bay Rays in ihrer jungen Geschichte die Fans aus dem Umland nicht gerade mit Spitzenbaseball verwöhnt. Ein Verein, der seine Heimspiele in der schnuckeligen 250'000-Einwohner-Stadt  Sankt Petersburg (Florida) austrägt, deren handvoll sportbegeistere Einwohner ihr Herz bereits an andere Vereine verschenkt hat, baut sich auf diese Art und Weise nur bedingt eine solide Fanbasis auf. Die Geschichte der jungen Baseballunternehmen – man nehme den zweifachen Weltserienmeister Florida Marlins – hat außerdem gezeigt, dass ein Team vor allem während der Playoffs fast durchweg mit ausverkauften Rängen kalkulieren darf. Die baseballinteressierten Sankt Petersburger waren mit Playoff-Baseball aber bisher so vertraut wie Marylin Manson mit klassischer Opernmusik.

Womit wir beim eigentlichen Fanproblem der Rays werden, was gleichzeitig auch ein US-sportspezifisches ist. Im amerikanischen Riesenreich ist der Sport ein Geschäft, in dessem Kosmos die Vereine sich als Firmen in die jeweiligen Ligen einkaufen. Die Zuschauer sind – so lange sie nicht seit 200 Jahren verflucht sind – zahlende Kunden, die ihre Familie gemütlich ins Stadion zerren und sich dort berieseln lassen. Sie hätten sich genauso gut den neusten Walt Disney im nahegelegenen Kino ansehen können.

Bei so viel  Kommerzialisierung ist es wenig wunderlich, dass sich im amerikanischen Sport eine Fankultur ausgeprägt hat, die kaum etwas mit der europäischen gemein hat. Beinharte Fans, die mit ihrem Verein durch dick und dünn gehen und beim wochenendlichen Pöbeln auf dem Platz wahlweise in eine  Ersatzreligion oder in eine Ersatzgesellschaft eintauchen, sucht man in den amerikanischen-Stadien vergeblich. Wie soll dies auch funktionieren, wenn der amerikanische Fan das größte Leid, das einen Fan so sehr an seine Liebe bindet, gar nicht erleben kann? US-Teams sind unabsteigbar. Bis zu den Meisterschaftsendrunden ist Langeweile vorprogrammiert.

Zum Glück müssen sich die Rays bald nicht mehr mit derart lästigen Querelen herumschlagen. Denn ihre Werfer werfen mittlerweile superb, ihr Outfield ist schnell, die Infielder sind gefestigt und mit Evan Longoria hat man eine potentielle Gallionsfigur langfristig an sich gebunden. Seine Nachfolger lauern dank des exzellenten Nachwuchssystems schon in den Startlöchern. Bis es so weit ist, vertrauen die Trainer ihrem Kollektiv, aus dem derzeit anscheinend jeder in der Lage ist, auf Knopfdruck ein Spiel mit einem Walk-Off-Hit zu entscheiden. Sonnige Aussichten sind das im Sonnenscheinstaat Amerikas.

Die Rays-Besitzer sind da allerdings noch etwas zurückhaltend. Sie rechnen anscheinend nicht mit einer rapide wachsenden Fangemeinde, gefüttert durch die zukünftigen Erfolge einer hungrigen Spielermeute. Ihr neues Stadion wird 34'000 Zuschauern Platz bieten, so wenigen wie in keinem anderen Profi-Stadion. 

 

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Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.