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Sidearm Slider - Von Kalviervirtuosen, Dressurpferden und Saunahassern
Über die Jahre hat der Kommerz nicht nur das Baseballspiel, sondern auch viele Baseballprofis verändert. Kein Wunder, dass sich manch einer nach den guten alten Zeiten sehnt.
eulich in Indianapolis: Die Melone schmeisst Äpfel und Zwiebeln auf den Muffin. Schwungvoll befördert das Gebäck einen Apfel mit seinem Weidebaum in Richtung eines Vagabunds, der beinahe im Humus landet. Doch der Scout hat aufgepasst und pustet dem toten Spieler Ingwer ins Gesicht. Huzzah!
Jetzt bezahlen die Amerikaner wohl für ihre liberale Politik bei der Züchtung genmanipulierter Pflanzen, möchte man meinen. Das ist aber nur bedingt der Fall! Denn wenn man das lebendige Kochrezept entschlüsselt, erhält man folgende Botschaft: Der Pitcher schmeisst den Baseball in Richtung eines ehrgeizigen, wenn auch untalentierten Schlagmanns. Dieser schlägt den Pitch schwungvoll mit seinem Schläger Richtung Shortstop, der beinahe einen Fehler begeht. Doch sein Teamkamerad im Outfield hat aufgepasst und macht den Schlagmann mit einem gelungenen Spielzug aus. Hurra!
Es ein Häufchen nostalgischer Recken, die mit derart ausgefallenem Vokabular ihre Lieblingssportart zelebrieren. Sie spielen Vintage Base Ball (so wurde es früher tatsächlich buchstabiert!), die altmodische Variante des Baseballs, im Stile des 19. Jahrhunderts. Die Anzahl der historischen Vereine ist klein: Lediglich 100 authentische Vereine in 20 US-Staaten sind bekannt, jedes Team bestreitet 30 Spiele innerhalb einer Saison. Doch die Liebe zum altmodischen Detail sorgen seit einiger Zeit für Aufmerksamkeit: Die Akteure tragen Trikots aus Wolle, Foulballs zählen nicht als Strikes und schützende Handschuhe sucht man meist vergebens, wie übrigens auch den Ehrgeiz der Spieler: An oberster Stelle stehen Fairness und nobles Auftreten.
Wir reproduzieren nicht nur einen alten Zeitvertreib, wir transportieren auch eine Botschaft. - John Tottle
„Vintage Baseball ist das Spiel der Gentlemen und kein Um-jeden-Preis-in-der-Welt-gewinnen-müssen. Wir reproduzieren nicht nur einen alten Zeitvertreib, wir transportieren auch eine Botschaft”, betont John Tottle von den Ohio Village Muffins. Große Worte sind das, doch wenn man die zumeist älteren Herren in den modischen Hüten und aufgeplusterten Hosen beobachtet, möchte man ihnen Glauben schenken. Sie sind Schauspieler einer längst vergangenen Zeit, in der ihre Ur-Urgroßväter einem Spiel ohne Millionenverträge, Massenmedien und Megastadien frönten.
Die Sehnsucht nach dem historischen Geist einer Sportart, die wie kaum eine andere ihre Geschichte regelrecht vergöttert, hat mittlerweile auch die Baseball-Offiziellen erfasst. MLB.com, das massenmediale Spielzeug der Major League Baseball (MLB), veröffentlichte im vergangenen Jahr einen Videoclip über Vintage Baseball, in dem ein Geschichtsschausteller wettert: „Keine Batting-Gloves, keine Helme, keine Hals- und Armbänder, kein Küssen von Schmuck, keine Wortgefechte mit dem Umpire, einfach nur Baseball zum Teufel!”
Gestern in Boston: Die Worte des John Tottle und des anonymen Baseballpuristen erstrahlen in gleißendem Licht. Für Schlaghandschuhe, Armbänder und Schmuck scheinen die Millionäre der Boston Red Sox jede Menge übrig zu haben. Für Fairness weniger, dafür sind sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Davon zeugen die finalen Momente unserer Primadonnas vor einem At-Bat:
Julio Lugo löst angestrengt seine Schlaghandschuhe und festigt sie wieder. Hastig fixiert er seinen Schläger, schwingt ihn hinter sein nervöses Gesicht und trommelt mit seinen Fingern auf ihm herum, als meistere er ein wildes Klaviersolo.
Dustin Pedroia klemmt erst seinen Schläger zwischen die Oberschenkel, löst seine Handschuhe und schließt sie wieder, löst sie, schließt sie, erst dann tritt er bestimmt in die Batters Box ein. Schwungvoll rotiert er den Schäger um seine linke Hand, einmal, der Pitcher löst sich aus seiner Starre, zweimal, der Pitcher holt aus, dreimal, der Ball fliegt und Pedroia schwingt brutal an ihm vorbei.
David Ortiz scheint Dustin Pedroia als Vorbild gedient zu haben, jedenfalls ähnelt sich die Abläufe der beiden verdächtig. Der einzige Unterschied besteht darin, dass Ortiz zuerst kräftig seine Handschuhe befeuchtet und dieses Kunststück anschließend wie ein kleines Kind beklatscht.
Manny Ramirez hat sich natürlich etwas Besonderes ausgedacht: Erst wandert er munter an die Platte und wieder zurück und wenn er seine kleine Wanderung endlich beendet hat, muss er zunächst den verrutschten Helm festdrücken. Daraufhin streichelt er das Schlagmal liebevoll mit seinem Schläger, richtet letzteren dann auf den Pitcher - „genau da servierst du mir gleich deinen Pitch”- und verleiht seiner Forderung Nachdruck, indem er in dieser Stellung verharrt. Freilich nur so lange, bis er den bestellten Wurf ordnungsgemäß über das grüne Monster nach New Hampshire befördert.
Kevin Youkilis steht Ramirez in puncto Schlagkraft und Extravaganz kaum nach. Nach seiner kleinen Wanderung streckt er am Schlagmal sein Hinterteil genüsslich gen gegenrisches Dugout, als wolle er seine Kontrahenten provozieren oder gar zu einem makaberen Spässchen animieren. Und als ob das noch nicht genug wäre, wuchtet er zusätzlich noch den Schläger hinter seinen Schädel und massiert ihn gewissenhaft mit seiner rechten Hand.
J. D. Drew fällt ebenfalls durch ein dezent durchgestrecktes Hinterteil auf, das er im Gegensatz zu Youkilis allerdings vor seinen Kameraden zur Schau stellt. Ansonsten besticht er durch eine bemerkenswerte Ruhe, die urplötzlich verfliegt, wenn er wie ein Anfänger am ersten Pitch vorbeischwingt und den zweiten ins Outfield und manchmal sogar darüber hinaus kanoniert.
Jason Varitek trabt mit der monotonen Frequenz eines Uhrwerks ans Schlagmal. Gründlich gräbt er sich, pardon, seine Stollen in die rote Asche, plustert die Backen auf und wartet auf den Wurf, während sein rechter Fuß wie bei einem nervösen Rennpferd im Rotgrant scharrt.
Wenn Varitek das Rennpferd in der Batters Box ist, dann ist Sean Casey ein alterndes Dressurpferd. Bedächtig schlendert er heran, festigt sorgfältig die Schlaghandschuhe und rotzt humorlos Richtung Dugout. Nachdem er sich vergewissert hat, dass ihm der Helm in der Eile noch nicht abhanden gekommen ist, fixiert er endlich den Pitcher und hebt abwechselnd das linke oder rechte Bein, wie es die Dressurgäule der deutschen Reiter nicht langsamer ausführen könnten.
Coco Crisp beschließt das Ganze mit etwas Religion und Musik. Nach den obligatorischen Handschuhbefestigungs- und Schlägerbeschwörungsritualen bekreuzigt er sich von Helm bis Kinn und verschafft sich eine bequeme Aussicht auf das Geschehen, indem er seinen Kopf über seiner Schulter eingräbt. Nur sein Schläger ist jetzt noch in Bewegung, er pendelt dem Umpire wie ein Metronom im gemütlichen Andante-Tempo vor der Bürzel.
Eines dürfte mittlerweile relativ klar sein: Wenn sich die Spieler der zur Zeit weltbesten Baseballmannschaft der Welt wie Klaviervirtuosen, Rennpferde, Dressurgäule und Hobbydirigenten verhalten, schlagen sie mitunter arg über die Stränge. Bei allem Verständnis für ihren Aberglauben oder für das eine oder andere Prozent an Leistungszuwachs durch eine immerwährende Schlagroutine verstehe ich jene Nostalgiker, die sich nach der Reinform eines einst unkomplizierten Spiels sehnen. Und im Wollpulover bei sengender Hitze knallhart geschlagene Lederbälle mit der bloßen Hand fangen.
Ein beliebtes Ritual der modernen Gladiatoren gehört übrigens auf der Stelle verboten: Nämlich die Unsitte, nach jedem, und wirklich jedem Pitch die Batters-Box zu verlassen, als sei dies eine Doktor-Eisenbart-Sauna, in der man es nur für kurze Zeit aushält. Ohne die halben Weltreisen, die manche Spieler dadurch innerhalb einer Partie zurücklegen, würde die Dauer derselbigen nämlich bedeutend gekürzt. Dann ließe sich ein Baseballspiel auch endlich einem nicht-baseballbewanderten Publikum verlustfrei servieren. Und das wäre schließlich im Sinne aller.
In diesem Sinne: "Huzzah!"
verzerren. Haben sie damals etwa nicht gewinnen wollen? Ich glaube, das so etwas im Nachhinein immer
schöner dargestellt wird als es war. Außerdem war es früher beispielsweise auch "schöne"
Tradition den "Neger" in seiner eigenen Liga spielen zu lassen. (Sorry, habe wegen des
Jackie Robinson Day etwas zuviel zum Thema gelesen)
Aber eines stimmt ganz sicher: Viele Schlagmänner machen das Spiel zu langsam, manche Pitcher auch.
Aber das verlassen der Batter's Box ohne Grund (z.B. HbP) sollte mit einem Strike geahndet werden.
Da soll man sein Kettchen halt in der Box küssen, dafür aber nicht eine qua...
Minors getestet. So hat ein Pitcher nun nur noch 12 Sekunden Zeit, bei leeren Bases wohlgemerkt,
seinen Pitch auszuführen. Rafael Betancourt wurde dafür im letzten Jahr schon einmal mit einem Ball
bestraft.
Ähnliches ist für den Batter vorgesehen, der nicht mehr so einfach "Time" sagen kann, bzw.
das vom Umpire genehmigt bekommt. Zudem sollen die Beratungen zwischen Spielern und dem Pitcher auf
dem Mound begrenzt werden. So darf in Zukunft nur noch ein Fielder zum Pitcher laufen.
Allerdings sind die letzten beiden Dinge noch nicht in der MLB umgesetzt worden, das wird sich aber
...
wenig Bauchschmerzen. Aber das war ja kein Baseball-Phänomen sondern ein gesellschaftliches. Was die
Negro-Leagues natürlich trotzdem nicht rechtfertigt!
@Phil: Von einer Zeitbeschränkung halte ich auch nichts, aber ich kenne die eigentlich nur aus
dem Jugendbereich. Wenn es schon Beschränkungen geben sollte, dann höchstens ein Limit für maximale
Runs in einem Inning pro Mannschaft (5-Run-Rule). Überall, wo die Leistungsunterschiede groß sind,
ist das sogar gar nicht so dumm. Nur das Regelwerk war bisher etwas undurchsichtig, zumindest in
Niedersachsen.
@all: Danke fürs Feedback!
dem siebten Inning bei mehr als zehn Runs Unterschied abgebrochen wird.
Und bei uns in der Verbandliga gibt es (war zumindest bis zur letzten Saison so) eine Ten-Run-Rule
für jedes Inning. D.H. das danach gewechselt wird, egal ob schon drei Outs da sind oder nicht.
Zudem wurden nun neue Richtlinien für die Umpires bei uns eingeführt. Darüber will ich mich aber
nicht auslassen, was das für ein Quatsch ist. ;-)
sogar die Mercy-Rule (Schluss nach 20 Runs, frühestens nach dem 5. Inning). Das Problem ist oft,
dass die Regeln zu schwammig sind bzw zu ausgefallen, so dass viele Umps unzureichend informiert
waren. So war bei der Five-Run-Rule pro Inning zum Beispiel das Inning erst zu Ende, wenn der
Spielzug NACH dem Erzielen des 5. Runs abgeschlossen war. Bei Bases Loaded und vier erzielten Runs
würde ein Grand Slam also 8 Punkte reinbringen. Oder ein Schlagmann schlägt den fünften Run nach
Hause, die Defense trabt vom Platz, aber er rennt immer weiter, da der Spielzug noch nicht
abgebrochen ist - kommt er unbeschaded ...
mal, aber wohl nur noch im Softball. Im Juniorenbereich gabs bei uns auch ein 2,5-Stunden-Limit,
nicht aber bei den Erwachsenen. Von Run-Limits pro Inning halte ich aber gar nichts, dann lieber
mercy-rule nach einem Inning. Das alles nur in Deutschland wohlgemerkt.
In der MLB würde ich mir die speed-up-rules wünschen: Zeitlimit auf Pitches, Verbot die Batter's Box
zu verlassen. Wenn ein Spiel dann 4 Stunden dauert - ok. Aber der Durchschnitt sollte deutlich unter
3 Stunden gebracht werden.
Johannes Knuth
Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider. Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.
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Dann mal gute Nacht Mets, sollten die es wirklich so doll treiben. Aber selbst die werden kein Ge...
(09-02-2012 18:28)Nico
Solche "Bad contract swaps" a la Milton Bradley gegen Carlos Silva gibt's normalerweise n...
(09-02-2012 16:24)Rene
Es branden immer mal wieder Spekulationen auf, wonach die METS Jason Bay für Burnett traden könnt...
(09-02-2012 15:54)USSFSteeler
Ich glaub so einfach geht das gar nicht
(09-02-2012 09:09)Basti
wegen mir kann er nach japan
(09-02-2012 08:59)wordass