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Sidearm Slider - Von den Wogen geschüttelt...
Die 80 Siege seien durchaus in Reichweite. Das werde aber noch nicht genügen, um die großen Drei anzugreifen. So mutmaßten wir in unserer Saisonvorschau auf mlbinsider.de. Nun, die Tampa Bay Rays haben nicht nur uns ein wenig überrascht.
nsere französischen Nachbarn haben schon immer große Philosophen hervorgebracht. Den aufklärenden und erleuchtenden Voltaire, dem sie in Frankreich ein ganzes Jahrhundert gewidmet haben (Anm. der Red.: das 18.). Den gewieften Pädagogen Jean-Jaques Rousseau, der seine erzieherischen Ideale durch die Augen eines Kindes verkündete (siehe „Émile ou de l’éducation“). Oder den schlitzohrigen Franck Ribéry, der ohne viele Worte Brücken der Verständigung zwischen Deutschen, Italienern und Franzosen schlägt. Das haben sämtliche seiner Vorgänger zusammen nicht vollbracht!
Bei der Masse an Meistern des wohlüberlegten Wortes verwundert es nicht, dass unsere lieben Nachbarn die bewegte Geschichte ihrer capitale mit einem wunderbaren Bildnis in dessen Stadtwappen festgehalten haben: „Fluctuat nec mergitur“, heißt es da feierlich. Diese Sprache verstehen freilich nur zwei Gruppierungen: Lateiner oder Menschen, die jeden Asterix-Band in- und auswendig kennen. Ich gehörte – mit leichten Abstrichen – schon immer der zweiten Gruppe an.
Es begibt sich also im achten Band, 48. Seite des Abenteuers „Asterix bei den Briten“, dass Asterix und sein treuer Freund Obelix den Ärmelkanal schnellen Paddels überqueren. Die beiden sind nach tagelangen Balgereien mit aufdringlichen Römerpatrouillen, listigen Wagendieben und knochenharten Rugbyspieler völlig kampfesmüde und sehnen sich nun nach der Ruhe und Wärme des kleinen gallischen Dorfes. Als sie auf das Boot ihrer Lieblingsprügelknaben, die trotteligen Piraten, treffen, lassen sie also Gnade vor Hauerei ergehen. Der Piratenkapitän unterdessen ahnt von seinem Glück recht wenig. Er hat schon längst die Flucht ergriffen und sein Schiff geradewegs auf dem nächstgelegenden Strand geparkt. "Ich bin gestrandet, aber untergekriegt haben sie mich nicht“, jubelt er ausgelassen. Woraufhin der alte Pirat Dreifuß routiniert mit einer lateinische Redewendung kontert: „Fluctuat nec mergitur.“ Zu Deutsch: „Von den Wogen geschüttelt, wird es doch nicht untergeh’n!“
Vor zehn Jahren schickte eine Investorengruppe um Vincent Naimoli ein Baseballunternehmen aus im sonnigen Florida auf eine stürmische Wettfahrt. Die raue See nagte kräftig an der unerfahrenen Mannschaft. Trotz des einen oder anderen gestandenen Seefahrers gelang es dem Kapitän nicht, die Kogge in sanftere Fahrwasser zu lenken. Bis zu Beginn der diesjährigen Saison. Man hatte die Mannschaft stark verjüngt und segelte jetzt unter neuem Namen und neuer Flagge. Aber dass die Flotte der Tampa Bay Rays, auch in diesem Jahr von stürmischen Wogen geschüttelt, vor drei Tagen den sicheren Hafen der Meisterschafts-Endrunde erreichte, erstaunte selbst gestandene Seefahrer.
Kaum jemand hatte dem guten Start der Rays im Frühjahr allzu viel Beachtung geschenkt. Das werde sich schon wieder einpendeln, wenn die Red Sox und Yankees erst einmal in Fahrt kämen. Doch während die Südstaatler ein Spiel nach dem anderen dank ihrer starken Werfer, schnellen Läufer und nervenstarken Verteidiger gewannen, kam der amtierende Meister nur schwer in Tritt, während der amtierende Rekordmeister zu keiner Zeit zu seinem Rhythmus fand. Die zwischenzeitliche Divisonsführung vor dem „Allstar-Game“ waren die Red Sox schneller wieder los, als sie „Allstar“ sagen konnten.
Bei niedrigen Zielen besteht die Gefahr, dass man sie erreicht. -Joe Maddon
Dann kamen die Verletzungen von Carl Crawford und Matt Garza und das Ende aller Endrundenträume. So dachte die Fachwelt. Schließlich würde die Aufholjagd der Ostküstenrivalen jeden Moment losgehen. Die wilde Jagd verpuffte kläglich, weil die Ersatzspieler der Rays ihre kranken Kameraden blenden vertraten, jedes Mitglied der jungen Werferriege im August seinen zehnten Saisonsieg einfuhr und die Rays somit 21 von 28 Spielen in dieser Zeitspanne gewannen. Vor allem in heimischen Gewässern dominierten die Garzas und Kazmirs nach Belieben. Trotz halbleerer Ränge, die sich nicht selten fest in den Händen der gegnerischen Anhängerschaft befanden.
Eine letzte Welle türmte sich im September vor dem Playoff-Hafen auf: Ein langer Auswärtstrip über Boston und New York, der die müden Werfer vor eine echte Feuerprobe stellen würde. Doch obwohl die Mannschaft diese Monsterwelle nicht ganz ungeschoren durchquerte, meisterte sie die Herausforderung mit Bravour. Der einen oder anderen Ohrfeige der Red Sox stand der erste Gewinn einer Spielserie im Fenway-Park seit 1999 gegenüber.
Kapitän Joe Maddons hat es also tatsächlich geschafft. Seine junger Seemannshaufen hat vielen Wellen getrotzt und dem Unternehmen die erste siegreiche Spielzeit beschert. Mit einer weiteren soliden Woche würden sie sich sogar mit einem Divisionstitel belohnen. Doch ein überraschender Divisionstitel zählt wenig, sobald der raue Playoff-Wind einsetzt. Erwischt Maddons Flotte auch im Oktober eine flotte Brise?
Der Käpitän hat in der Hinsicht einen klaren Standpunkt: „Schon Michelangelo hat sich immer hohe Ziele gesteckt. Bei niedrigen Zielen besteht die Gefahr, dass man sie erreicht. Also setzten wir uns keine niedrigen Ziele, sondern hohe und schauen, was passiert.“
Das hätten auch die französischen Philosophen nicht viel besser formuliert.
Johannes Knuth
Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider. Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.
Klar kann bei Hamelsmehr passieren, wenn sich Harper blöd wegdreht oder der Pitch nicht ganz dort...
(19-05-2012 06:34)Rene
Kann man doch nicht vergleichen, oder?! Nen Helm wegwerfen und einen Ball mit über 150 km/h auf
Da geht's sowieso nur um heurige Saison, da der Terminplan mit dem alten Playoffmodus gemacht wur...
(18-05-2012 17:35)Rene
Nee Joey das ist falsch, Hamels hat bewusst auf den Rücken gezielt. Da muss es schon mit dem Teuf...
(18-05-2012 13:30)Basti
Hallo Ihr Beiden, mal wieder ein sehr gelungener Podcast. Zu den Yankees. Da stimme ich euch zu,<...
(18-05-2012 11:36)Erich