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Sidearm Slider - Sportwirtschaftskauderwelsch

 
Autor: Johannes Knuth Mittwoch, 27. August 2008
 

Während im altehrwürdigen "Yankee Stadium" andächtig die Abschiedsmesse gelesen wird, greift die Vorfreude nach dem neuen Stadium still und heimlich um sich. Aber nicht alle Stadien, seien sie alt oder neu, strahlen so viel Anziehungskraft aus.

buchstabe_h.jpgeimat. Ein Wort, unzählige Bedeutungen, Gedanken, Gefühle. Welchem Werk sollen wir also vertrauen, wenn es um die Definition unsere Heimat geht? Eine große Internet-Enzyklopädie macht folgenden Vorschlag: „Das deutsche Wort Heimat weist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum.“ Da jauchzt das Herz des empirischen Forschers. Alle anderen Heimatverbundenen langweilen sich zu Tode. Die Enzyklopädie trifft dabei aber nur geringe Schuld, schließlich ist es ja ihre Aufgabe, lebendige Dinge auf den kleinsten theoretischen Nenner zu bringen. Die Lyriker verfahren glücklicherweise genau andersrum.

Am kühlen Bache, wo ich der Wellen Spiel,
   Am Strome, wo ich gleiten die Schiffe sah,
      Dort bin ich bald; euch traute Berge,
         Die mich behüteten einst, der Heimat

So erinnerte sich Friedrich Hölderlin melancholisch an seine Heimat. Ihr merkt, wie vertraut sie ihm ist, wie sie ihn einst behütete und er sich ein Stück dieser Wärme für sein adoleszentes Dasein wünscht. Ja, so ist die Heimat.

Vor ein paar Tagen wurde mein neugewonnenes Heimatideal auf die Probe gestellt. Ich las eine interessante Diskussion einiger Baseballfans, die sich die Kommentarfunktion unter einem Blog der New York Mets zu Nutzen gemacht hatten. Der Stein des Anstoßes war der finale Satz des Bloggers, der schrieb: „Daraus lernen wir: Je eher Shea [Stadium] abgerissen wird, desto besser. Nostalgie hin oder her, die Mets spielen derzeit im schlechtesten Stadion der Major Leagues.“ 

Anscheinend beschleichen manche Baseballfans arge Beklemmungen, wenn sie an ihre sportliche Heimat denken. Mit Wärme und Geborgenheit hatten die folgenden Kommentare im Mets-Blog jedenfalls nur noch peripher etwas zu tun:

Anonymer Benutzer: Ist [Shea] echt das schlimmste Stadion? Das glaub ich kaum.

Benutzer Jason: Also bitte, das schlimmste Stadion ist Dolphins Stadium, wo die Marlins spielen. Das ist ein furchtbar trister Ort…und überhaupt klingt „Citi Field“ für ein New Yorker Team viel besser als beispielsweise „US Cellular Field.“

Anonymer Benutzer: Es gibt so viele schlimme Stadien: Auch „Fenway Park“.  Ja, ihr habt richtig gehört! Wenn ihr einen Hot Dog bestellt, wird er erst von 15 Leuten begrapscht, bis ihr ihn endlich in den Händen haltet. Und natürlich „Yankee Stadium“. Die Sitze auf den höheren Rängen sind furchtbar eng zusammen und keine Spur vom Sicherheitsdienst. Klasse!

Benutzer kj: Macht ihr Witze? Fragt mal die Fans in Tampa und Minnesota! Tropicana Field und der Metrodome sind wohl zwei der tristesten Orte auf dieser Erde.

Baseballfans verbinden mit Heimat also durchaus auch negative Erlebnisse. Wobei noch zu klären ist, ob die Anhänger trotz (oder gerade wegen) schlechter Sitzplätze, unfreundlicher Wachposten und veralteter Bauten ihre Ersatzheimat erst recht lieben. Immerhin erreichten die Protestwellen durchaus hochwasserwürdige Züge, als die Baseballbesitzer vielerorten ihre neuen Stadionkonzepte vorstellen. Business Lounges, perfekter Sichtkomfort und weniger Sitzplätze waren nur einige Schlagwörter aus den Entwürfen. „Wir wollen die Nachfrage verstärken“, begründete beispielsweise Mets-Co-Eigentümer Jeff Wilpon die um 12 000 Plätze kleinere neue Heimat seines Vereins. So viel Sportwirtschaftskauderwelsch verärgert viele hartgesottene Anhänger. Fast scheint es so, als wäre ihnen ein halbvolles Stadion da viel lieber. Dann ist die Konkurrenz beim Ballfangen und Um-den-Ball-kämpfen-der-grad-unter-den-Sitz-gekullert-ist auch nicht so groß.

Übrigens: Es gibt auch amerikanische Baseballvereine, deren heimische Zuschauerränge meist proppevoll sind. Das sind die Teams, die ständig gewinnen.

 

Kommentare
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Patrick Krämer
(84.59.221.xxx) 28-08-2008 13:33
Klasse geschrieben!
 
avatar
Johannes
(Publisher) 28-08-2008 21:49
Dankö!
 
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Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.