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Sidearm Slider - Spaßkonsum im Kindergarten

 
Autor: Johannes Knuth Dienstag, 14. Juli 2009
 

Es war ein Erdbeben, das die Welt des kleinen runden Lederballs erzittern ließ. Ein Ausbruch an offensiver Schlagkraft, den bisher noch kein Spieler erreicht hatte. Und es regnete Emotionen heiß wie Feuer und Lava. Vor kurzem jährte sich der Ausbruch zum ersten Mal.


BuchstabeKaum ein Fachmann hatte vor einem Jahr noch zu träumen gewagt, dass  ein Spieler innerhalb nur eines Durchganges, und sei es nur eine eigentlich bedeutungslose Statistik,  einen kleinen Hartlederball derart oft über die Spielfeldbegrenzung kloppen würde. Sicherlich, der besagte Profi hatte schon früh in seiner Karriere zahlreiche Meriten gesammelt. Aber sein großer Durchbruch, das Ausrufezeichen in doppelt- und dreifach gefetteter Schriftgröße hinter seinen Vorschlusslorbeeren, die ließen dann doch eine Weile auf sich warten.

Immer wieder stand er sich selber im Weg, hinzu kamen diese lästigen Verletzungen, die kommende Superstars gerne erleiden, wenn sie in ihrer Kindheit hemmungslos für die spätere Karriere zurechtgetrimmt werden. Umso schöner war besagter Moment im vergangenen Mittsommer. „Unglaublich, fantastisch“, brachte der Spieler nach seiner famosen Offensivleistung hervor, „ich habe den Ball immer besser gesehen und habe einen tollen Rhythmus gefunden.“ Keiner wollte ihm widersprechen, ihm, dem englischen Cricketspieler Graham Napier, der gerade 16 Home Runs oder auch „Sixes“ innerhalb eines Spielabschnittes für Essex im Twenty20-Spiel gegen Sussex erzielt hatte – Weltrekord.

Ein Jahr nach Napiers Wundertat ist die Zeit gekommen, ein wenig über Sinn und Unsinn dieser Offensivjagd zu philosophieren. Just ging ja erst das ähnlich veranlagte „Home Run Derby“ der Major League Baseball zu Ende, wie jedes Jahr mit zahlreichen Diskussionen in ebenso zahlreichen Internetforen, worin denn eigentlich der Sinn eines, nun, besseren Schlagtrainings bestehe.

Doch Obacht liebe Sportphilosophen! Es ergibt kaum Sinn, sich dem Sport mit allzu tiefgründiger Philosophie zu nähern, schließlich ist der Sport an sich schon sinn- und zweckfrei genug. Wer würde sonst ernsthaft danach streben, einen Hügel mit einem Sessellift zu erklimmen und dann mit Brettern unter den Füßen an seinen Ausgangspunkt zurückzuwedeln? Oder im 400-Meter-Lauf schlimme Wadenkrämpfe riskieren, um am Ende genau so weit zu sein wie vor dem Start?

Und so verhält es sich auch mit dem Home-Run-Hauen und seinen Geschwistersportarten. Sobald wir ein Stadion oder eine anderweitige Sportsstätte betreten, erfordert der gepflegte männliche Sportsgeist, einen Gegenstadt mit roher, sinnloser Kraft wegzudreschen und dabei mit lauten Schreien, die jeden Elch während der Paarungszeit vor Neid erblassen lassen würden, auf uns aufmerksam zu machen. Dazu gehören zum Beispiel Baumstamm-Weitwurfwettbewerbe, Handy-Weitwurf-Weltmeisterschaften oder die Duelle in der guten alten Sendung „American Gladiators“, in denen zwei Kontrahenten auf zwei Podesten mit übergroßen Wattestäbchen aufeinander einprügelten, bis einer vom Podest fiel. Und darunter fällt natürlich auch das sogenannte „Home Run Derby“, bei denen schlanke und weniger schlanke Menschen kleine Hartlederbälle bis zu 150 Meter weit fliegen lassen.

Der Sinn steckt in der Sinnfreiheit. Alle Beteiligten, Fans (manchmal auch Journalisten) wie Spieler sehnen sich danach, abseits des sinnbeladenen Lebens ein wenig sinnfreie Unterhaltung zu konsumieren. Letztlich ist ein jedes Sportstadion nichts anderes als ein großer Kindergarten, in dem wir für wenige Stunden in unsere Vergangenheit eintauchen.

Und manchmal lässt ein Spieler dabei auch ein Stück Vergangenheit hinter sich. Wie Josh Hamilton, der rekordhafte 28 Home Runs in einem Durchgang des alljährlichen „Home Run Derby“ erzielte und somit ein weiteres Ausrufezeichen hinter seinen Abschied von den Drogen dieser Welt setzte. Auch dieses Ereignis jährte sich vor kurzem zum ersten Mal.

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Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.