Banner
Banner
 

Umfrage der Woche

 
In welches Team passt Roy Oswalt am besten?
 
 
 

Wer ist online?

 
Kein Insider online
Gäste: 43
 
 

Neue Kommentare

 
 
 

Neuester Insider

 
 
 

Sidearm Slider - Schweißgebadet in der Achterbahn

 
Autor: Johannes Knuth Mittwoch, 16. Januar 2008
 
Roger Clemens ist das Gesicht des Mitchell-Reports - zu Unrecht. Dem 45-jährigen und
seiner Zunft steht eine wilde Achterbahnfahrt bevor.
 

 

Ängstlich, beinahe panisch flackern die Augen durch das Bild. Sein Gesicht ist bleich, glänzt gespenstisch im dunklen Licht. Nervös wischt sein Finger über die schweißgebadete Stirn. Verzweifelt redet er sich Mut an: “Ich bin zu alt. Ich habe einfach nicht mehr das Potenzial.” Plötzlich gibt die Kamera den Blick auf die Umgebung frei, zeigt unseren verstörten Darsteller in einer Achterbahn, Sekunden vor dem Abschuss. Der kleine Junge neben ihm blickt zu ihm auf, er wirkt wie ein Winzling verglichen mit dem Muskelprotz an seiner Seite. „Ist ja gut, Paps“, piepst er. “Ich schaffe das”, erwidert Paps trotzig, „ich habe doch sieben Cy Young Awards gewonnen! Ich bin THE ROCKET!“


Ein schweißgebadeter Roger Clemens in der Achterbahn? Einer der besten Pitcher des Baseballgeschäfts geplagt von Selbstzweifeln und Angst?


Tatsächlich macht Clemens in dieser Szene derzeit Werbung für eine Baseballveranstaltung des US-Senders ESPN im Disneyland. Entschlossen zählt er seine zahlreichen sportlichen Erfolge vor seiner gelangweilten Familie auf, um sich Selbstbwusstsein für die dramatischen Sekunden vor der bevorstehenden Achterbahnfahrt einzureden.


Seit Mitte Dezember wirft der 409-seitiger Bericht des US-Senators George J. Mitchell ein noch viel dramatischeres Licht auf Clemens und sein Aufreten in der Öffentlichkeit: Clemens wird beschuldigt, um die Jahrtausendwende mehrmals Steroide von seinem persönlichen Trainer Brian McNamee verabreicht bekommen zu haben.


Stand eine vom Ehrgeiz getriebene Baseballlegende also damals verzeifelt vor dem Spiegel und sagte sich: “Ich bin zu alt, ich habe nicht mehr das Potenzial!?” Und griff daraufhin zur Spritze? Clemens dominantes, selbstbewusstes Auftreten, sein krachender Fastball im hohen Baseballalter - das Produkt einiger Winstrolspritzen in den Allerwertesten?


Schon jetzt steht fest: Clemens und seiner Sportart stehen eine wilde Achterbahnfahrt bevor. Eine Fahrt, die, sollten sich die Verantwortlichen nicht bald mit der derzeitigen Problematik ernsthaft auseinandersetzten, im kolossalen Unglück enden wird.


Doping wurde im amerikanischen Profibaseball lange Zeit geduldet. Erst gab es keine Kontrollen, dann lasche Tests. Erst als Barry Bonds mit zunehmendem Alter plötzlich auch zunehmend größere Schuhe tragen musste, wurden kritische Stimmen laut. Nun steuert man mit voller Kraft dem Abgrund entgegen. Ein Notfallbremssystem wurde nie installiert. Umso wichtiger ist es, den riesigen Flächenbrand so schnell wie möglich einzudämmen. Zu viel Kredit wurde bereits verspielt.


Es bleibt zu hoffen, dass dabei nicht ein prominenter Fehler der Dopingbekämpfung begangen wird: Nämlich der Fehler, Doping als Verfehlung einzelner Athleten zu sehen. Leider unterwirft sich der Mitchell-Report dem alten Muster der Einzelfallbehandlung, indem er vorrangig Namen anstelle von Strukturen nennt. Clemens' Gesicht ist mittlerweile das Gesicht des Mitchell-Reports. Die Presse stürzen sich munter auf die angeblichen Sünder wie die Geier auf verwesenes Aas. Doch wer Doping individualisiert, hat nicht nur das Problem verkannt, sondern erschwert die Dopingbekämpfung zusätzlich. Doping ist, wie der Darmstadter Sportsoziologe Karl-Heinrich Bette treffend beschreibt, “das Ergebnis des Zusammenwirkens unterschiedlichster Interessen aus Wirtschaft, Politik, Massenmedien und Publikum am Spitzensport.” Für die Sportler bedeutet dies laut Bette, dass sie sich “unversehens in einer eskalierenden Anspruchsspirale befinden, aus der es kein einfaches Entrinnen gibt.”


Der Sportler ist demnach das schwächste Glied in der Kette. Das korrupte Dopingnetzwerk nun direkt zu belangen ist schwierig, da es so gut geölt läuft wie die Achterbahnen im Disneyland. Aber die Medien haben viel zu lange den Fokus auf die Verfehlung einzelner Athleten gelegt und sich damit in das malade System eingefügt. Die Fans unterdessen haben dieses Spiel viel zu lange mitgespielt, indem sie das alte Lied von Helden und Rekorden jahrelang mitsangen und ihre Ohren bei der leisesten Erwähnung des bösen Wortes Doping auf Durchzug stellten. So lange die Personalisierung des Dopings in den Medien, auf den Zuschauerrängen und vor dem Fernseher anhält, wird sich an der Dopingproblematik nichts ändern.


Bleibt die Frage nach Roger Clemens, dem schwächsten Glied in der Kette. So gänzlich schwach präsentierte er sich nach der Enthüllung des US-Senators dann doch nicht: Er sei zu keiner Zeit mit leistungssteigernden Substanzen in Kontakt gekommen, ließ der 45-jährige durch seine Anwälte bei diversen Anlässen kämpferisch verlauten. So klingt niemand, der Einsicht zeigen möchte, ja sogar bereit wäre, auszusagen.


Den deutschen Beobachtern dürften solche juristischen Spielereien nicht erst seit dem Fall eines gewissen Jan Ullrich bekannt vorkommen. Der Baseballsport scheint jedoch eine historische Chance vergeben zu haben: Die Asche eines großen Flächenbrandes – wie jener, der gerade in der Baseballszene wütet – bietet nach dem Feuersturm stets die fruchtbare Grundlage für neues Leben. Allerdings nur für kurze Zeit.


Kommentare
RSS
Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben!

Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.