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Sidearm Slider - Schöne und hässliche Wahrheiten

 
Autor: Johannes Knuth Dienstag, 07. Juli 2009
 

Nackt, das war in der Major League Baseball zuletzt höchstens der Briefkopf der Chicago Cubs in der Spalte "Meisterschaften der letzten Jahre". Doch mit etwas poetischem Spürsinn lassen sich auch im Nationalsport des prüden Amerikas freizügige Tendenzen messen.

buchstabeein wesentliches Anliegen des literarischen Naturalismus war es, dem Ungeschliffenen, Ungehobelten, ja, dem Natürlichen eben, einen Platz in der Kunstwelt zu verschaffen. Kaum ein Dichter verbreitete diese Kunde besser als der deutsche Poet Arno Holz. Holzes Meisterwerk ist der Gedichtband „Phantasus“, darauf haben sich die Literaturkenner weitestgehend geeinigt. Es war quasi sein größter Hit, ein echter Verkaufsschlager, dessen dämmernde, hungernde Stimmung anscheinend genau den Nerv der damaligen Generation traf.

Wie so viele Künstler komponierte Holz neben einigen Nummer-Eins-Hits aber auch zahlreiche gelungene Zeilen, die man sonst nur als Lied 14 von 16 auf irgendeiner mittelmäßigen CD findet denn in den Charts, die aber dennoch durch ihre Pfiffigkeit oder Schönheit bestechen. Da wäre zum Beispiel die böse Anmache an „Neunundneunzig von Hundert“ Gelehrten, in der Holz dichtet:

Ihr schwatzt befrackt hoch vom Katheder
Von alter und von neuer Kunst,
Von Fleischgenuss und Sinnenbrunst,
Und gerbt nur Leder, altes Leder!

Ihr lasst um jede Attitüde
Ein weissgewaschnes Hemdchen wehn,
Denn um die Schönheit nackt zu sehn,
Sind eure Seelen viel zu prüde!


Man beachte Holzes Plädoyer für die natürliche Schönheit der Sache, die erst durch ihre bloße Nacktheit in ihrer ganzen Pracht erstrahlt. Kleider, wie die Fracks der Lehrmeister auf ihren hohen Stühlen, oder die weißen Hemden, die die wunderschöne, nackte Meinung verschleiern, sind seiner Meinung nach völlig überflüssig. 

So richtig scheint sich Holz mit seinem Ansatz dann aber doch nicht durchgesetzt zu haben. Ein Blick in die jüngsten Schlagzeilen der Klatschpresse genügt, um festzustellen: Der post-naturalistische Mensch lässt seine Hüllen aus Stoff nur dann fallen, wenn er nach Provokation oder Aufmerksamkeit lechzt.

Da wären zum Beispiel die nackten Stewardessen der Fluglinie „Air New Zealand”, die für ein Video mit Sicherheitshinweisen ihre Uniformen bloß auf der nackten Haut aufgemalt tragen, um die Aufmerksamkeit der Fluggäste zu erlangen. Oder die Aktivisten der Tierschutzorganisation PETA, die nackt und mit roter Farbe beschmiert auf dem Marktplatz im spanischen Pamplona gegen die Stierjagd protestierten. Oder das Rugbyspiel auf der neuseeländischen Insel Dundine, bei der die Spieler nackt sind und die Flitzer angezogen über das Feld stürmen.

Auch die Major League Baseball schwankt grad zwischen exhibitionistischer Provokation und aktvoller Schönheit. So steht dem Beobachter das nackte Entsetzten ins Gesicht gemeißelt, sobald er die x-te Aufforderung erhält, jetzt auch noch über den x-ten Ersatzspieler beim All-Star-Spiel seinen Daumen zu senken oder zu heben. Und er bekommt eine wunderschöne Gänsehaut, wenn er den nackten Augenblick erlebt, in dem sich die Anhänger der Boston Red Sox und ihr verlorener Sohn Nomar Garciaparra nach fünf Jahren im Fenway Park wiedertreffen, sich einfach nur gegenüberstehen und bewundern.

Um abschließend das neuseeländische Nackt-Rugby nochmals aufzugreifen: Eine derartige Kleiderordnung hätte auch in der MLB durchaus Vorteile. So ließen sich etwaige Dopingverstöße aufgrund markanter Nebenwirkungen am Körper des Täters schon rein optisch nachweisen. Womit auch die dritte Forderung des Poeten Arno Holz erfüllt wäre – der Wunsch nach Einbeziehung des Negativen, des Hässlichen.

Kommentare
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Markus_Kampschnieder
(Registered) 08-07-2009 15:53
uiuiui. der letzte satz: ganz großes kino!
 
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Johannes
(Publisher) 08-07-2009 17:04
B)
 
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Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.