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Sidearm Slider - "Wenn's mal wieder etwas länger dauert..."
Das 79. Allstar-Game ist Geschichte. Geht es nach den Beobachtern, darf man das ruhig wörtlich nehmen. Allerdings waren nicht nur die sportlichen Leistungen geschichtsträchtig...
nter der schier erdrückenden Masse von Webespots gibt es tatsächlich ein Sammelsurium an Werbefilmchen, das auch Jahre nach der Erstausstrahlung in bleibender Erinnerung geblieben ist. In einem Spot eines bekannten Schokoriegelherstellers suchte damals ein stämmiger Eishockeyspieler den Beichtstuhl einer Kirche auf. Verschüchtert begann er aufzuzählen, wie er seine Gegner beim vergangenen Spiel malträtiert hatte, doch nach wenigen Sekunden löste sich seine Anspannung und seine Missetaten sprudelten nur so aus ihm heraus. Als dem anwesenden Priester im Anbetracht der ausschweifenden Erzählungen langsam die Augenlieder schwer wurden, wagte er einen flüchtigen Blick durch das Guckloch im Beichtstuhl und war plötzlich wieder hellwach: Der reuiger Hockeyspieler hatte anscheinend seine gesamte Mannschaft mitgebracht, die verschüchtert in einer langen Schlange auf eine Audienz wartete. Da half nur der Biss in den besagten Schokoriegel – „wenn‘s mal wieder länger dauert…“
Die Schokoriegel-Werbefüchse waren ihrer Zeit anscheinend weit voraus. Denn wer hatte damals wie heute schon Zeit für ausschweifende Erzählungen? Oder gar Kirchenbesuche!? Eigentlich sind solche Späße ja gar nicht mehr möglich, seitdem in unserer Gesellschaft alles rationalisiert und ökonomisiert wird. Wahrscheinlich hatten die Riegel-Werber ein paar gut ausgebildete Soziologen in ihrer Agentur herumhocken. Die müssen prognostiziert haben, dass selbst den größten Hektikern das Gefasel von „Zeit ist Gold“ irgendwann selbst zum Halse raushängt und sich die Menschen künftig wieder mehr Zeit für ihre Tätigkeiten nehmen werden.
Nur so ist jedenfalls zu erklären, was in der vergangenen Woche beim 79. Allstar-Game der Major League Baseball (MLB) passiert ist.
Eigentlich begann alles schon Monate früher, als MLB.com die Stimmzettel für die öffentliche Wahl der Startaufstellungen elektronisch freischaltete. Während jeder Inningpause flimmerte der Aufruf zur 25-fachen Stimmabgabe über die Mattscheibe des hauseigenen Senders, jeden Tag, mehrere Wochen, unaufhörlich. Dann ist es eigentlich auch kein Wunder, wenn die Mannschaft mit dem größten Anhang plötzlich sogar mit ihrem kriselnden Catcher vertreten ist.
Drei Tage vor dem Höhepunkt ging es dann richtig los. Und viel später hätte man bei dem Mammutprogramm auch nicht anfangen dürfen. Am Sonntag spielte „die Welt“ gegen „Amerika“ im Duell der zukünftigen Superstars vor einer Handvoll Fans, die jeden Spieler einer Red Sox-Nachwuchsmannschaft gnadenlos ausbuhten und den Yankees-Nachwuchs frenetisch feierten. Am Abend duften die Stars und Sternchen nach Herzenslust bei einem gemütlichen Softball-Spielchen herumblödeln und für ihre neuen Produkte werben.
Einen Tag später durften zwei Sponsoren zwei weitere Ereignisse subventionieren: das Schlagtraining und das Homerun-Derby. Bei letzterem schlug Josh Hamilton mit Abstand die meisten Bälle in die Zuschauerränge, verlor aber trotzdem gegen Justin Morneau, dem sein Sieg fast ein wenig peinlich war. Abseits des Stadions tummelten sich Eltern und Sprösslinge beim „FanFest“, wo die Eltern ihre Kinder zu diversen Attraktionen schleppten, um in Wirklichkeit selbst wie kleine Kinder herumzutollen.
Das ist die Show des Jahres - Dan Farrell
Und dann kam endlich der große Allstar-Dienstag, der mit einer zünftigen Parade eingeläutet wurde. Die kam dem Empfang eines World-Series-Gewinners erstaunlich nahe. Die New Yorker Organisatoren wollten die Gelegenheit wohl nicht verstreichen lassen. Schließlich ist man seit der letzten Siegerparade ein wenig aus der Übung gekommen.
Ach ja, Baseball wurde auch noch gespielt, und das gar nicht mal so schlecht: Immerhin lieferten sich beide Auswahlmannschaften ein Kampf auf Biegen und Brechen, der bis in die Morgenstunden andauerte.
Eins hat die Dramaturgie des Allstar-Wochenendes jedoch verdeutlicht: Die Inszenierung und die zeitlicher Streckung eines (beinahe) unbedeutenden Sportereignisses nimmt so langsam absurde Formen an. Mit chirurgischer Präzision schlachten die MLB-Strategen ein einziges Spiel aus, bis nur noch ein verkrüppeltes Gerüst von ihm übrig bleibt. Oder: Bei so vielen Nebenschauplätzen wird das Hauptereignis langsam zur Nebensächlichkeit. ESPN erreichte mehr als sechs Millionen Haushalte am Abend des Homerun-Derbys, so viele wie bei keiner anderen Kabelsendung in diesem Jahr.
In St. Louis bereitet man sich derweil schon auf das nächstjährige Spektakel vor: „Das Allstar-Spiel ist um einiges größer als eine World Series. Das ist die Show des Jahres, vor allem für die Sponsoren“, berichtete Dan Farrell, Marketingbeauftragter der gastgebenden Cardinals. Matthew Leach von MLB.com sprach vom „größten Spektakel des Baseballs.“ Und sein Kollege Mark Newman dichtete unterdessen von den nimmermüden Wanderschuhen des Baseballspiels, die für eine Woche geruht hatten unter dem Empire State Building, um das Spektakel aufzusaugen.
Vielleicht ging es ja aber doch nur um ein Baseballspiel.
Johannes Knuth
Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider. Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.
Klar kann bei Hamelsmehr passieren, wenn sich Harper blöd wegdreht oder der Pitch nicht ganz dort...
(19-05-2012 06:34)Rene
Kann man doch nicht vergleichen, oder?! Nen Helm wegwerfen und einen Ball mit über 150 km/h auf
Da geht's sowieso nur um heurige Saison, da der Terminplan mit dem alten Playoffmodus gemacht wur...
(18-05-2012 17:35)Rene
Nee Joey das ist falsch, Hamels hat bewusst auf den Rücken gezielt. Da muss es schon mit dem Teuf...
(18-05-2012 13:30)Basti
Hallo Ihr Beiden, mal wieder ein sehr gelungener Podcast. Zu den Yankees. Da stimme ich euch zu,<...
(18-05-2012 11:36)Erich