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Sidearm Slider - "Tötet den Umpire!"

 
Autor: Johannes Knuth Dienstag, 18. November 2008
 

Trotz seiner bewunderswert genauen Entscheidungen ist der gemeine Umpire noch immer das Schmähobjekt Nummer eins des amerikanischen Baseballs. Da braucht es schon ein dickes Fell, um ein Leben im Abseits zu fristen.

buchstabew.jpgenn der wissbegierige Weltenbürger heutzutage nicht mehr weiter weiß, schaut er kaum noch ins Lexikon. Er schaut bei „Wikipedia“ nach. Wer war nochmal der Attentäter von John F. Kennedy? Ach ja, der amerikanische Journalist John Seigenthaler. So stand es vor drei Jahren jedenfalls vier Monate lang im Online-Nachschlagewerk. Und wenn das so einfach ist, dann sollte sich der Autor vielleicht auch dieses wunderbaren Werkzeugs bedienen. Was erzählt uns Wikipedia denn über die „Zone“? Aha, Zone bedeutet soviel wie Bereich, Areal oder Abschnitt, der sich nach einem bestimmten Kriterium von der Umgebung unterscheidet.

Nun hat der Mensch anscheinend ein elementares Bedürfnis, Bereiche, Areale oder Abschnitte einzuteilen und sich somit von anderen Menschen zu unterscheiden. Gleichheit, Brüderlichkeit und Einigkeit war vorgestern. Heutzutage mampft die Oberschicht beim Fußballspiel ihre Lachshäppchen in der Zone für ganz wichtige Persönlichkeiten, während der Anhang seine Sympathien in der Zone für Fangesänge  verkündigt. Einzig die Fußballarena in München bildet da eine Ausnahme: Dort sitzen die Lachshäppchenesser auch außerhalb der Lachszone und umlagern eine Handvoll Fans, die hinter den Toren drei Fahnen schwenken.

Es gibt aber auch Menschen, die für ein bisschen Zonenerlebnis nicht ihr Geld ausgeben, sondern gar welches verdienen. Zum Beispiel die Schiedsrichter in der amerikanischen Baseball-Liga. Diese Schiedsrichter, oder Umpires im amerikanischen Fachjargon, haben die wohl schwierigste Aufgabe auf dem Platz: ein 160-kmh-Geschoss in einer imaginären Zone  innerhalb kürzester Zeit einzuordnen. Wer blinzelt verliert, denn ein Profischleuderer unterbietet mit einem Wurf durchaus die Dauer eines Lidschlags. Und dann sind da ja auch noch die Zuschauer: Kaum haben die ausgeblinzelt, überhäufen sie die Unparteiischen mit Schmährufen wie die Chinesen den europäischen Markt mit Qualitätsware.

Wenn ich fertig bin, möchte ich auf der Tribüne sitzen, ein paar Bierchen trinken und 'Tötet den Umpire' schreien! - Eric Gregg

Die Baseballschiedsrichter befinden sich also in einem doppelten Dilemma: In ihrer Funktion als Unparteiischer gehören sie ja ex officio zur Rasse der verabscheuungswürdigen, abgeschotteten Spezies. Und jetzt besteht ihre größte Aufgabe auch noch in der Abgrenzung selbst. Egal, wie ein Umpire abgrenzt, die Abneigung ist ihm gewiss. So schlimm ergeht es höchstens noch Maria Stuart in Friedrich Schillers gleichnamigem Drama, wenn sich Maria in ihrem Machtrausch von sämtlicher Vernunft abgrenzt und diesen Fehler mit ihrem Haupt bezahlt.

Warum nimmt ein menschliches Wesen eine derart hohe Last der Verachtung auf seinen schmalen Rücken? Vielleicht braucht es ja nur ein breites Kreuz, um unter der Bürde nicht zusammenzubrechen. Dann weiß Eric Gregg bestimmt Rat. Der schwarze Schiedsrichter aus Philadelphia richtete zwei Jahrzehnte hinweg über die Bälle der Werfer, ehe er aufgrund wiederholter Gewichtsprobleme – in guten Zeiten kratzte Eric beständig an der 400-Pfund-Schallmauer – und Streitigkeiten mit den Liga-Offiziellen sein blaues Hemd an den Nagel hängen musste. Er hatte eine ganz besondere Vision, um die zahllosen Schmähungen gegen seinen massigen Körper wegzustecken: „"Wenn ich fertig bin," sagte Eric dem Journalisten Howard Altman in einem berühmten Interview Ende der 90er, "wenn ich fertig bin, möchte ich auf der Tribüne sitzen, ein paar Bierchen trinken und ‚tötet den Umpire‘ schreien.“

Der Schiedsrichter löst seine tragische Maria-Stuart-Rolle also mit einer Portion Heiterkeit und einem Augenzwinkern. Allen ausübenden und aufstrebenden Umpire sei diesbezüglich auch noch der folgende Lehrfilm wärmstens ans Herz gelegt:

 

 

 

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Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.