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Sidearm Slider - Nur zu Besuch

 
Autor: Johannes Knuth Montag, 01. Dezember 2008
 

„Dies ist das beste Jahr seit langer Zeit  für einen Closer auf dem freien Markt zu sein“, frohlockte Jim Thurman kürzlich. Thurman vertritt einen Spieler, der zur neuen Gattung goldschürfender Baseballer gehört – und dabei nicht gerade bescheiden auftritt.

buchstabew.jpgas habe ich mich früher immer gefreut, wenn sich die Verwandtschaft ankündigte. Natürlich kannte ich die Geschichten von den nervigen Tanten, die ihre Enkel abschmatzen wie ein hormongetriebener Golden Retriever seine Herrchen, aber diese besondere Spezies – die sabbernden Tanten, nicht die sabbernde Hunderasse – hat sich in meiner Familie glücklicherweise nie wirklich durchgesetzt. Mir war bei den Worten „…ach, übermorgen kommen übrigens Onkel Andreas und Tante Gudrun“ schon eher wie ein hormongetriebener Golden Retriever zumute. Bei jedem Besuch machte meine Mutter nämlich diese Quarkbutterteigtaschen, deren Teighüllen den Schinken oder die Erdbeermarmelade im Inneren wie ein paar hauchdünne Herbstblätter bedeckten. Und im Sommer gab es Rhabarbertorte, deren Rhabarberstücken in einem See aus Quark und Sahne planschten. Dann plauderte ich mit den Gästen auf der juliwarmen Terrasse und freute mich über die Geschenke zu meinem elften Geburtstag,  den ich ein halbes Jahr zuvor gefeiert hatte.

Meistens bekamen aber nur die Kinder so tolle Sachen wie die Carrerabahn mit zwei Loopings, Schrägkurven und bunten Werbebanden, die der nette Onkel praktischerweise dann auch gleich aufbaute und für eine Stunde in Beschlag nahm. Die Eltern gingen zumeist leer aus. Das war jedoch wenig verwunderlich, denn jede Weinflasche hatten sie ja stets mit einem „…aber das war doch jetzt nicht nötig“ empfangen. Irgendwann hatte sich der Besuch diesen Rat wahrscheinlich zu Herzen genommen.

Der Baseballspieler Brian Fuentes, genauere Berufsbezeichnung „Closer“, wird den New York Mets in den kommenden Tagen ebenfalls einen Besuch abstatten. Es ist nicht bekannt, ob Omar Minaya, General Manager der Mets, seinem Gast ein paar schinkengefüllte Quarkblätterteigtaschen serviert und ob Brian Fuentes den Gastgeber mit einer Carrerabahn beehrt. Als gesichert gilt, dass Fuentes seinem Gastgeber mit zwei knallgrünen Dollarzeichen in seinen Sehschlitzen gegenübertreten wird. Denn der 33-jährige Fuentes verlebte ein erfreuliches abgelaufenes Jahr in Colorado (30 Saves, 47 Hits in über 600 Durchgängen bei 82 Strikeouts und 22 Walks) und würde sich seine imposanten Statistiken nun gerne vergolden lassen. Da die Finanzabteilung seines alten Unternehmens Fuentes‘ Gehaltserhöhung aber vor lauter Schreck in einen zufällig nahe stehenden Shredder fallen ließ, bietet sich der Kalifornier nun auf dem freien Markt an, wo die Unternehmen derzeit händeringend nach Closern japsen wie ein trockengelegter Fisch nach frischen Salzwasser.

Einer dieser Fische ist Omar Minaya, der dringend einen Ersatz für seinen verletzten Closer Billy Wagner sucht. Doch als Minaya unlängst von Fuentes Gehaltsvorstellungen erfuhr, blieb ihm der Fisch vom Mittagessen in der Kehle stecken. Fuentes würde sich mit 11 Millionen Dollar pro Saison bei einer Laufzeit von drei bis vier Jahren zufrieden geben. Viel zu viel, antwortete Minaya, der dem rekonvaleszenten Billy Wagner noch 13 Millionen Dollar plus Reha-Spesen schuldet und dafür nicht ein Pflichtspiel als Gegenleistung bekommen wird. Viel eher wird Minaya versuchen, seinem künftigen Gast ein kleines Gastgeschenk in Form von etwas mehr Genügsamkeit abzuringen. Der GM ist jedenfalls guter Dinge, seinen finanziellen Handlungsspielraum zu erweitern. Vor vier Jahren pokerte er Carlos Beltrans 200-Millionen-Dollar-Vertrag auf den Schnäppchenpreis von 119 Millionen herunter.

Dennoch gibt es klare Indizien, dass Fuentes in New York nur kurzfristig zu Besuch sein wird. Zwar hat Minaya bei seiner Suche nach einem hochdekorierten Closer lediglich die 75-Millionen-Variante Francisco Rodriguez in der Hinterhand, doch viele Klubverantwortliche halten den sechseinhalb Jahre jüngeren Rodriguez anscheinend für die potentere Wahl. Minaya wird eher unglaublich viel Geld für ein qualitativ hochwertiges Produkt ausgeben als sehr viel Geld für ein Stück mit der Aufschrift „Gebraucht, aber wie neu.“

Der  Besuch von der Verwandtschaft aus Colorado wird in New York also nur wenig Freude auslösen.

 

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Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.