www.amazon.de
buch.de - einfach schnell
 

Wer ist online?

 
 

Neue Kommentare

 
 
 

Neuester Insider

 
 
 

Sidearm Slider - Mittelalterliche Expertenhilfe

 
Autor: Johannes Knuth Freitag, 04. Juli 2008
 

Trotz Fantasy-Kennern, statistischen Vorhersage-Formeln und den altbewährten Expertenprognosen - es gibt sie noch, die Überraschungen im Baseballsport. Sidearm Slider stellt eine von ihnen heute vor.

buchstabew.jpgo viel Schatten ist, muss auch irgendwo ein Sonnenstrahl die Gemüter erhellen. So hatte auch das dunkle und dreckige Mittelalter seine Sonnenscheinzeiten, auch wenn diese wohl eher von kurzer Dauer waren. Doch wer sich einmal auf die Suche nach den verborgenen Artefakten des „Dunklen Zeitalters“ macht, fördert nach hartnäckiger Suche wahre Schätze zu Tage.

Da wären zum Beispiel die linguistischen Schätze. Stellen wir uns dazu doch einmal den mittelalterlichen Stadtbewohner Siegfried vor, der nach einem harten Arbeitstag in der Schmiede das örtliche Wirtshaus aufsucht. Zufrieden über sein Tagwerk beschließt er, sich heute Abend jede Menge Gerstensaft zu gönnen. Wie es sich für einen gefügigen Stadtbewohner gehört, kramt er vorsorglich gleich ein paar Taler für den Wirt heraus. Während er ungeduldig auf sein Gesöff wartet, fällt sein Blick plötzlich auf die Prägungen auf der Münze. Auf der einen Seite findet er den Zahlenwert des Goldstücks, auf der anderen den Kopf seines cholerischen Herrschers. „Ha“, feixt er genüsslich, „dem Alten zimmer ich jetzt mal gehörig eins auf den Schädel.“ Und haut sein Geld auf den Kopf.

So einfach ließ sich unsere Sprache damals formen. Jemand fand ein passendes Bildnis für eine Begebenheit und Schwupps, ein Sprichwort oder eine Redensart war geboren. Die mündliche Überlieferung dieser Sprachschätze funktionierte anscheinend sehr gut. Bis heute sind sie omnipräsent in unserem Sprachbau, der sich sonst wie kaum ein anderer neuen Sprachschöpfungen aus Übersee öffnet. Eigentlich ist das höchst fahrlässig, heben die Redewendungen von damals den Sportinteressierten von heute doch in den Stand eines gewieften Fachmannes. Nämlich wenn sich beispielsweise der Baseballfan fachmännisch zum Erik Bedard/George Sherrill-Tausch äußert: „Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt!“

Der reichlich diskutierte Tausch vor dieser Spielzeit hält drei Überraschungen parat: Erstens hat sich das Tauschgeschäft bisher nur für die Baltimore Orioles ausgezahlt, die nicht zuletzt dank George Sherrill eine außerordentlich ansprechende Spielzeit absolvieren. Zweitens sind die Mariners derzeit ungefähr so weit von den erwünschten Playoff-Plätzen entfernt wie ein deutsches Boulevardblatt von einer seriösen Berichterstattung. Und daraus resultiert drittens  – aus den Baseballern, nicht dem Boulevardblatt – der wohl interessanteste Wettstreit der Saison, den wohl auch der kühnste Fantasy-Baseball-Experte im Frühjahr als zu fantastisch abgetan hätte: Die Anzahl der Saves von George Sherrill (derzeit 27) gegen die Saisonsiege der Mariners (derzeit 33). 

Nun wurde der Orioles-Mariners-Spielertausch vor der Saison generalstabsmäßig mit zwei Zielen fixiert: Die Orioles würden die Chance zum totalen Neuaufbau erhalten und erstmal in den Niederungen der Tabelle verschwinden, während die Mariners das fehlende Teil in ihrem Oktoberpuzzle bekommen sollten. Wenn so pingelig geplant wird, muss ja zwangsläufig etwas schiefgehen. Auf beiden Seiten.

Die Verantwortlichen der Mariners hätten dem katastrophalen Saisonauftakt vielleicht noch entgegenwirken können. Nach den Abgängen von Jose Guillen, Adam Jones und Ben Broussard lechzte die Offensive nach Verstärkung. Und die Starterformation war auch nach der Verpflichtung Bedards chronisch unterbesetzt. Stattdessen vergeudete man seine Munition für einen einzigen Spieler, im Glauben, damit seien auch die restlichen Probleme gelöst.

Für derartig überhastete Erfolgsspekulationen lässt sich übrigens eine weitere Redensart aus einer Fabel anführen. Letztere geht so: Einst spazierte ein Mädchen namens Perette mit ihren Milchkrügen gen Markt, um die Ware gewinnbringend zu verscherbeln. Frohen Mutes malte sie sich bereits aus, was sie mit dem lieben Geld anstellen würde, als sie plötzlich stürzte und die Milch verschüttete. Der Gewinn war dahin, die Milchmädchenrechnung war geboren.

Sidearm Slider begibt sich nach dieser Ausgabe in eine kurze Sommerpause. Ende Juli geht es dann wie gewohnt weiter!

 

Kommentare
RSS
Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben!

Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.