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Sidearm Slider - Mit Schminke, Perücke und flinken Füßen

 
Autor: Johannes Knuth Montag, 29. Juni 2009
 

Weil sich die Radsportler selbst betrügen und berauben, kehren immer mehr Zuschauer dem Sport den Rücken. Auch im Baseball wird ordentlich gestohlen. Und die Zuschauer sind begeistert.

buchstabees gibt diese Geschichten auf Seite drei des Lokalteils, die den Leser jeden Morgen vor eine Zerreißprobe stellen. Soll er mit der 73-jährigen Rentnerin mitfühlen, der auf so dreiste Art und Weise ihr Erspartes von einem fiesen Trickbetrüger abgeluchst wurde? Oder soll er doch  lächeln über die pfiffige Idee des Kleinkriminellen, ja, am Ende sich gar mit ihm im Geiste verbunden fühlen und darüber sinnieren, wie achtlos und gutgläubig manche Menschen doch sind?

Was aber macht uns eigentlich zu Sympathisanten des kleinkriminellen Gaunertums?  Man könnte der Antwort ein soziologisch Kleid anziehen und den natürlichen Instinkt des Menschen ins Spiel bringen, wonach ein friedfertiges Individuum stets vom Gegenteil seiner Ansichten fasziniert ist, also per natura eine Faszination für die dunkle Seite empfinden muss. Doch dies ist als Erklärung für ein Phänomen von der dritten Lokalseite mindestens so unpassend wie der erste (und letzte?) Anzug eines 13-jährigen Milchbubi bei der Konfirmation.

Es müssen wohl die raffinierten Methoden der Verbrecher sein, die uns ein Schmunzeln entlocken. Nicht in diese Kategorie fallen die schamlosen Versuche der Gauner, die ihre Opfer einfach nur ablenken, während ein Komplize zuschlägt. Nein, wir reden hier von richtig originellen, sauber ausgearbeiteten Schurkereien.

In diesem Zusammenhang sei das schauspielerisch-kriminelle Talent des 49-jährigen New Yorkers Thomas Perkins kurz erwähnt. Perkins erschien jahrelang mit Strickjacke, Perücke und reichlich Schminke im örtlichen Sozialamt und gab sich als seine längst verstorbene Mutter aus. 110 000 Dollar an staatlichen Zuschüssen flossen so durch seine Langfinger. Perkins erhielt sogar einen neuen Führerschein, ausgestellt für die 77-jährige Mrs. Perkins. Erst vor Kurzem durchschauten die Behörden das falsche Spiel des Betrügers.

Bei aller Faszination des Betrügertums – spätestens vor den Toren des Sports ist für die Schurken endgültig Schluss, so will es zumindest das Regelwerk. Wer seinen Gegnern den Sieg dank unerlaubter Pillen klaut, wird gesperrt und muss dem Unterlegenen den Sieg überlassen, es sei denn derjenige und viele weitere waren ebenfalls mit unlauten Mitteln unterwegs – dann versinkt der Sport schnell mal von der Bildfläche. Überhaupt ist Diebstahl im Sport nicht gerne gesehen. Seit rund einem Jahrhundert rauben zum Beispiel die titellosen Baseballer der Chicago Cubs ihren Fans regelmäßig die Nerven, was ihnen in der Fachwelt den lästigen Status „verflucht“ eingebracht hat (siehe dazu auch „englischer Fußball“ und „Elfmeter“ sowie „Franziska von Almsick “ und „olympische Goldmedaille“).

Apropos Baseball. Baseball ist eine der wenigen Sportarten, die Stehlen und Rauben ganz ausdrücklich erlaubt. Wenn ein flinker Läufer geduldig wartet, bis der Pitcher seine Aufmerksamkeit dem Catcher zuwendet, nutzt er meistens die Gelegenheit, zum nächsten Base zu sprinten. Wie im wahren Leben gibt es auch hier die Standard-Raubzüge, bei denen  Brett Gardner gegen Tim Wakefield ein Base raubt. Und es gibt die fiesen, ausgetüftelten Raubzüge, die uns faszinieren.

Vergangenen Sonntag war die  Major League Baseball wieder Zeuge einer dieser gewieften Diebstähle. Raub-Oberstratege Mike Scioscia von den Los Angeles Angels hatte sein Beuteopfer, Arizonas Pitcher Max Scherzer, drei Durchgänge lang ausgespäht und bemerkt, dass Scherzer seine Wurfbewegung mit einem kleinen Hüpfer verlangsamte. Also veranlasste Scioscia seinen Komplizen Gary Matthews Junior, sich bis zum dritten Base durchzuschlagen und dann das Home-Mal zu stehlen. Matthews Jr. schlug sich erst durch und dann zu. Während Scherzer seinem Catcher Miguel Montero seine Aufmerksamkeit schenkte, rannte der Gauner los. Montero bemerkte den Diebstahl, doch Matthews Jr. wich Monteros Hechtsprung aus und entkam ungestraft.

Die größte Anerkennung für ihren Beutezug erhielten die Angels anschließend vom Opfer höchstpersönlich. „Ich habe schlichtweg gepennt“, gab Arizonas Pitcher Max Scherzer zu. Die Angestellten im New Yorker Sozialamt, die Thomas Perkins jahrelang mit Mrs. Perkins verwechselten, werden kurz aufgestöhnt haben.

Kommentare
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Willitouch
(Registered) 30-06-2009 10:08
Göttlich!

Wie immer die mit Abstand unterhaltsamste und literarisch anspruchsvollste Kolumne.

(Den Podcast vielleicht mal ausgenommen, aber der nutz ja auch ein anderes Medium)
 
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Basti
(Publisher) 30-06-2009 12:15
Johannes! YOU GOT SOME ENTERNAINMENT VALUE INSIDE!!

Immer wieder herrlich Deine Kolumne zu lesen. Du solltest den Text immer in ein Mikrofon sprechen
und den Beitrag als Podcast online setzen. Ich glaub ich würd mich beim Auto fahren immer kaputt
lachen und keiner weiss wieso (passiert des öfteren wenn ich Simmons oder anderen Podcasts
zuhöre...).

Grüße,
Basti
 
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Michel
(Publisher) 30-06-2009 17:37
Wieder mal toll geschrieben! Da fällt mir auch noch der Raub von Marco Scutaro gg die Phillies ein,
als er nach einem Walk einfach zur 2. Base rannte, da Utley, Rollins und Blanton pennten. So
entkommt man der Polizei problemlos, wenn sie nicht aufmerksam sind
 
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Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.