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Sidearm Slider - Meister und Lehrling

 
Autor: Johannes Knuth Dienstag, 22. April 2008
 

Einst leerten die Baseballvereine ihre Minor-League-Kader, um sich einen teueren Superstar anzulachen. Die Kräfteverhältnisse haben sich seit neuestem verschoben.

buchstabe_copy.jpgie jungen Menschen von heute haben es schwer. Entweder sie schlagen hochmotiviert eine akademische Laufbahn ein und schaffen es dann ins Fernsehen, als Generation Praktikum in der Warteschleife. Oder sie wählen den genau umgekehrten Pfad, nämlich denjenigen, der geradewegs auf die schiefe Bahn führt. Dann erscheinen sie auch im Fernsehen, nämlich als prügelnde Randalierer in Fußballstadien und französischen Vororten. Nur wie konnte es so weit kommen? Auf der Internetseite der österreichischen Handelskammern steht doch zu lesen:


„Die jungen Menschen von heute sind das Potenzial der Gesellschaft und der Betriebe von morgen.”


Während die jugendliche Sturm und Drang-Phase in europäischen Gefilden also ad absurdum geführt wird, weiß man im Profibaseball das Potenzial der jungen Wilden wieder zu schätzen. Seit einiger Zeit ködern die MLB-Clubs die vermeintlichen Helden von morgen mit langfristigen, hoch dotierten Verträgen, als halte man ein Superstar-Casting ab.


Am achten April diesen Jahres schwor Arizona-Outfielder Chris Young seinem Unternehmen für fünf Jahre die Treue. Wenn es ihm gefällt, reicht die Treue sogar für eine weitere Spielzeit. Nur zwei Tage später überboten die Indians die Diamondbacks mit einem Sieben-Jahres-Vertrag für Kraftschleuderer Fausto Carmona, allerdings sind von sieben nur die ersten vier für Carmona verpflichtend. Beide Jungspunde – sowohl Young als auch Carmona zählen 24 Lenze – spielen erst seit zwei Jahren für ihre Vereine. Anfang Januar belohnten die Colorado Rockies ihren Shortstop Troy Tulowitzki für sein einjähriges Betriebsjubiläum sogar mit einer sechsjährigen Festanstellung, die ihm 31 Millionen Dollar garantiert. Und vor vier Tagen setzten die Tampa Bay Rays dem Ganzen dann die Krone auf: Infielder Evan Longoria, 22, überhäuft von Vorschusslorbeeren und erprobt in sechs (6!) Major-League-Spielen, wird für mindestens sechs, viellecht sogar neun Jahre für maximal 44 Millionen Dollar das Trikot des jungen Franchises tragen. Vor nicht allzu langer Zeit spielten Tulowitzki und Longoria noch gemeinsam für die California State-Universität in Long Beach. Dort schätzten die Talentspäher ihr Können, aber die wenigsten wussten, dass sie zwei 75-Millionen-Schwergewichte begutachteten.

 

Ich will nichts erstmal meine erste Saison überstehen. Ich will nichts überstürzen.           - Justin Upton

 

 

 

Fassen wir die Herleitung nun zu folgender Gleichung zusammen: Je jünger und umso weniger erfahren ein Nachwuchsspieler derzeit ist, desto größer ist sein Talent, desto üppiger fällt sein Vertrag aus. Da geriet die Nachricht aus Arizona, dass Outfielder-Greenhorn Justin Upton nun nicht auch noch einen Millionenvertrag erhalten könne, zur unrühmlichen Ausnahme. Upton erklärte fast entschuldigend, dass er „erstmal seine erste Saison überstehen” wolle und „nichts überstürzen” werde. Es wäre aber auch schwierig gewesen, den 20-jährigen noch länger an die Wüstensöhne aus Arizona zu binden: Er ist bereits mit einen Vertrag bis 2013 ausgestattet.


Wie kommt es nun, dass manche Clubs ihren unerfahrenen Neulingen mehr Geld versprechen, als manche Vereine jährlich für ihr Spielerpersonal aufwenden?


Zum Einen wollen viele Clubs ihre Hoffnungsträger nach kurzer Zeit nicht mehr so einfach dem freien Markt preisgeben. Zudem scheint die Finanzmanager und Sportdirektoren der Vereine eine regelrechte Torschlusspanik ergriffen zu haben, um noch gerade rechtzeitig auf den Mode-Zug mit dem neuesten Major League-Trend aufzuspringen. So viel mäzenhafte Dummheit hat sich aber noch nicht einmal die ehemalige Führung der Dortmunder Fußballer erlaubt.


Viel wichtiger erscheint daher die Tatsache, dass viele Vereine ihre jungen Spieler mittlerweile nicht mehr blindlings als willkommenes Tauschkapital für den nächsten Mega-Transfer missbrauchen. Seit neustem gilt als gesichert, dass auch junge Baseballer Titel gewinnen können: Dem jüngsten Meisterschaftskader der Boston Red Sox gehörten mit Dustin Pedroia und Jacoby Ellsbury auch zwei Küken an, die in den Finalserien die Gegner wie alte Hasen narrten. Am vergangenen Sonntag gönnte man Pedroia sogar einen freien Tag, wie ihn eigentlich nur die schlachterprobten Veteranen genießen. Für Pedroia spielte natürlich ein weiteres Talent: Jed Lowrie, 24, vielseitiger Infielder, mit besten Zukunftsaussichten und fünf RBIs (Runs Batted In) in 16 At-Bats anno 2008.


Der Rest des Feldes versucht das Meisterschaftsrezept nun zu kopieren. Die Yankees setzen neuerdings auf junge statt teure Arme, bisher mit sehr gutem bis mäßigem Erfolg. Die Diamondbacks, Rays und Rockies statten ihre Talente sicherheitshalber mit halben Rentenverträgen aus. Die Konkurrenz dürfte da nicht lange untätig zuschauen. Womit wir wieder beim altbekannten Modetrend wären.


Natürlich birgt dieses Vorgehen für beide Parteien einige Risiken. Sollte sich Evan Longoria in den nächsten Jahren als der künftige Rich Harden entpuppen, werden die Rays auch weiterhin in südlichen Tabellengefilden dahindarben. Beerbt er dagegen die Red-Sox-Rookies, hätte er bei seinem Potential jede Menge Schotter liegen gelassen. Nur: Es hat sicherlich noch keinem Lehrling geschadet, seinem alten Meister ein wenig die Treue zu halten. Vor allem, wenn sie derart fürstlich entlohnt werden.


Die österreichischen Handelskammern können sich ihre Jugendprojekte also getrost sparen. Sie sollten ihrem Nachwuchs lieber einen Baseballschläger in die Hand drücken.

 

 

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Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.