Banner
Banner
 

Umfrage der Woche

 
In welches Team passt Roy Oswalt am besten?
 
 
 

Wer ist online?

 
Kein Insider online
Gäste: 48
 
 

Neue Kommentare

 
 
 

Neuester Insider

 
 
 

Sidearm Slider - Märchenstunde

 
Autor: Johannes Knuth Montag, 07. April 2008
 

In der Ära der krachenden Fastballs plagt sich so mancher Pitcher mit seinem schwachen Arm herum. Ein Blick in die deutsche Märchenliteratur schafft Abhilfe.

buchstabee.jpgs ist erstaunlich, wie viel Wahrheitsgehalt sich doch immer wieder in den alten Märchengeschichten eines berühmten Bruderpaares finden lässt. Gemeint sind heute ausnahmsweise mal nicht die Gebrüder Bonds und Clemens, sondern die Märchenonkel Jacob und Wilhelm Grimm. Ihre Werkesammlung ist beachtlich an Größe und Inhalt, doch die Botschaft ist stets dieselbe: Mit List und Tücke erreichen die fiktiven Helden schier Unmögliches. Man denke nur an Hänsel und Gretels Flucht aus den Fängen der alten Hexe, an den listigen Kater in den roten Schlappen, an den krummbeinigen Igel, der dem pfeilschnellen Hasen im Querfeldeinlauf ein Schnippchen schlägt...„ja, ja, wo rohe Kräfte sinnlos walten”, seufzen die Mütter mahnend zum Abschluss der Gute-Nacht-Geschichte.

Es gibt sie auch im Baseball, diese Pitcher, die ihre Opfer am Schlagmal mit List und Tücke erlegen. Anscheinend sind sie die einzigen Kenner deutscher Märchenkunde im Mutterland des Baseballs. Denn das amerikanische Publikum bezeichnet die Meister des krummen Balles etwas abfällig als „Junkballer”. Im Zeitalter des Strikeout-durch-den-krachenden-98-Meilen-Fastball haben es die Müllmänner auf dem Mound mit ihren krummen Waffen eben schwer. „Heutzutage ist härter, schneller und stärker halt besser. Das kann ich mit meinen Pitches nicht vollbringen”, bedauert Seattles Knuckleballer R.A. Dickey. Wo rohe Kräfte sinnvoll walten.

So ist es wenig verwunderlich, dass manch einer bei dem Blick auf den Geschwindigkeitstacho verzweifelt, sollte der nicht das gewünschte Ergebnis anzeigen. Neuestes Opfer ist Barry Zito. Der 29-jährige, 126 Millionen Dollar schwere Pitcher der San Francisco Giants gab vor kurzem zu, dass ihn sein mittlerweile bis zu 81 Meilen langsamer Fastball arg verärgere. Während seines ersten Saisonauftritts am Montag schwangen die gegnerischen Schlagmänner ganze vier Mal an Zitos Kullerbällen vorbei. Bei 87 geworfenen Pitches darf man das getrost als magere Ausbeute verbuchen. Zitos Giants unterlagen den Dodgers aus Los Angeles mit 0:5. 

 

Wenn ein Fastball nicht so hart geworfen wird, bewegt er sich mehr. -Dave Righetti

 

Nun sei jedoch eine kleine Anmerkung über die Art von Kullerbällen erlaubt, über die wir und San Franciscos Pitcher hier spotten und verzweifeln. 81 Meilen sind ungefähr gleichbedeutend mit 130 Stundenkilometern, so schnell wirft keiner der deutschen Handball-Weltmeister. Ginge es nach Dave Righetti, dem Pitching-Trainer der Giants, sollte Zito die Radarkanone hinter dem Backstop sogar ganz vergessen. „Wenn ein Fastball nicht so hart geworfen wird, bewegt er sich mehr. Gleichzeitig ermüdet man nicht so schnell und wirft somit besser”, rechnete er Zito zwei Tage nach dessen Auftaktniederlage vor.

Gäbe es doch nur mehr Trainer vom Format eines Righetti. Der 49-jährige hat in seiner Karriere schon viele Talente erlebt, die von der Schnelligkeit ihrer Würfe verzückt waren. Doch wer in jungen Jahren den Schlagmännern die 100 Meilen-Fastballs um die Ohren donnert, riskiert nicht selten eine schwere Verletzung des Wurfapparats, bevor er überhaupt ins beste Pitchingalter aufsteigt. So geschehen mit Jason Schmidt, der so lange an der magischen 100er-Schallmauer kratzte, bis ihm seine Schulter einen Strich durch die Rechnung machte. Andere Pitcher, die von vornherein nicht für ihre Wurfstärke bekannt sind, fügen sich oftmals nur murrend ihrem Schicksal als „Junkballer”. So geschehen mit Kirk Rueter, der es dann aber vollbrachte, sein vielfältiges Arsenal optimal einzusetzten. Trotzdem stehen viele Manager dem langsamen Ball skeptisch gegenüber. Denn wenn Wakefield und Co. einen schlechten Tag erwischen, werden sie ihrem abfälligen Spitznamen ausnahmsweise gerecht.

Nun sollte jeder Profi-Pitcher an sich in der Lage sein, die Anzahl seiner misslungenen Auftritte dank ausreichender Übungseinheiten wirkungsvoll zu reduzieren. Und er sollte lernen, nicht zu überdrehen und zu gewinnen „mit dem was er hat” (Righetti), sei es noch so krumm und schief. Dann ist er in der Lage, die Anforderungen eines jeden Baseballtrainers zu erfüllen: Einen Profi-Schlagmann auszumachen. Also, liebe Talente, Wurfgranaten, Geschwindigkeitsbesessene, alternde Routiniers und Veteranen im Dugout: Habt Mut zu List und Tücke. Denn die (Märchen)-Geschichte lehrt uns, dass man sich auch mit Grimmschen Tugenden aus den unmöglichsten Situationen befreien kann. Dass hat Märchenonkel John Farrell von den Red Sox übrigens auch seinem Schützling Josh Beckett geraten. Als Beckett in seiner ersten Spielzeit an der Ostküste immer wieder die gegnerischen Bälle um die Ohren flogen, sagte Farrell: „Benutz deinen Slider und deinen Curveball, um dich aus allen Kalamitäten zu befreien!” Eine Saison später führte das texanische Kraftpaket seine Mannschaft zur Meisterschaft.

Wo rohe Kräfte sinnlos walten.

 

Kommentare
RSS
avatar
freshprince85
(Registered) 08-04-2008 14:08
Sehr schöner Artikel der einen zum Schmunzeln bringt. Weiter so!
 
avatar
Johannes
(Publisher) 08-04-2008 19:39
Danke, das freut mich ;)
 
Huff
(84.176.95.xxx) 09-04-2008 17:39
Sehr genial geschrieben...auf so etwas muss man erstmal kommen! Super! :)
 
Nur registrierte Benutzer können Kommentare schreiben!

Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.