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Sidearm Slider - Männlichkeit, Weisheit, Konsumgeilheit

 
Autor: Johannes Knuth Dienstag, 12. August 2008
 

Mit der Hymne "Auferstanden aus Ruinen" huldigte die ehemalige DDR einst ihren Arbeiter- und Bauernstaat. Für ein paar Wochen ließ unlängst auch ein Spieler des Baseball-Rekordmeisters eine alte (Bart-)Zeit auferstehen.

buchstabe.jpger männliche Bart ist mehr als eine ungeordnete Ansammlung feiner Haarstoppeln. Er ist ein Symbol von Männlichkeit, die Eintrittskarte des Halbstarken in die Männerwelt. Das sieht man an den Metamorphosen aller jungen amerikanischen Schauspieler, vom ersten Teenie-Film bis zum ernsten Polit-Drama. Er ist die Visitenkarte des souveränen Herrn, die personifizierte Weisheit in der Visage. Ein besonders hübsches Beispiel ist die „Schifferfräse“ des Abraham Lincoln, der sein oberes Profil von einem dichten Wuschebart einrahmen ließ, an der Oberlippe und den Wangenpartien jedoch so jungfräulich aussah wie ein amerikanischer Schauspieler in seiner ersten Teenie-Rolle. Er steht für Freundlichkeit und Gemütlichkeit eines Weihnachtsmannes. Das macht sich nicht zuletzt die Werbebranche zu Nutze, wenn sie uns alle Jahre wieder mit lauter falschen Weihnachtsmännern in freudige Konsumlaune versetzen will. Allzu dick aufgetragen gibt sich der Bartträger jedoch der Lächerlichkeit preis. So klaute Charlie Chaplin einem deutschen Diktator einst den Schnurrbart (oder war es andersrum?) und machte sich über ihn lustig. Manche Frauen sind anscheinend derart in das männliche Aushängeschild verschossen, dass sie sich wie die mexikanischen Zeichnerin Frida Kahlo auf ihrem Selbstportrait mit einem leichten Oberlippenflaum abbilden. Der Bart-Kult hat mittlerweile so große Dimensionen erreicht, dass Menschen aus aller Welt alle zwei Jahre bei der offiziellen Bart-Weltmeisterschaft um die Wette barteln. Wobei eine interkontinentale Meisterschaft wohl kaum als Auszeichnung für das männliche Haarwerk herhalten darf. Es gibt nämlich  auch Weltmeisterschaften im Kirschkernweitspucken und Handyweitwerfen, und da stehen Männlichkeit, Weisheit oder Konsumgeilheit nur bedingt im Vordergrund.

Nun gibt es wieder Neuigkeiten vom Bart. Es geht das Gerücht um, dass ein wohlgetrimmter Bart magische Kräfte bereithält, die seinen Träger im jeweiligen Metier in den Stand eines großen Meisters hieven. Allerdings ging auch schon wieder das allerneuste Gerücht um, dass diese Kräfte irgendwann erschöpft seien und sich schleunigst in negative Schwingungen umwandelten. Glaubt man den allerallerneusten Gerüchten, hat ein Baseballspieler namens Jason Giambi diese Gerüchte in die Welt gesetzt.

No more hits! - Jason Giambi 

Vor knapp einer Woche entledigte sich besagter Baseballprofi seines kräftigen Schnauzers. Seine Begründung: „No more hits!“ Der Bart habe keine Hits mehr intus. Die Vorgeschichte: Giambi legte sich seinen David Wells-Gedächtnisbart zu, als er Anfang Mai kaum einen Ball mit dem Schläger traf. Wenn er dann doch mal einen traf, strahlte der Ball mehr Gefahr für die Zuschauer hinter dem Schlagmal aus als für die Verteidiger im Feld. Und siehe da, je mehr Haarstoppeln sich über der Oberlippe versammelten, desto weiter flogen die Bälle wieder. In die richtige Richtung wohlgemerkt. Nun mussten sich wieder die Zuschauer hinter dem Outfield-Zaun in Acht nehmen.

Einen Monat lang ging dieses Spielchen munter weiter, ehe der kräftige Schlagmann der Yankees wieder in den Trott verfiel, in dem er im Frühling schwermütig aus den Startlöchern gekrochen war. Ganze zwölf Hits verbuchte Giambi im Juli, ehe er den magischen Schnurrbart entzauberte. Prompt schaffte er allein drei Hits als frisch rasierter Babypopo. Seine Teamkameraden waren hochentzückt.

Bis auf „First-Base-Coach“ Tony Pena. Der rangiert mit seinem Schnauzer irgendwo zwischen Catfish Hunter und Don Mattingly in Bart-Bestform.

 

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Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.