My Insider
Neue Kommentare
Sidearm Slider - Leichte Brise in Albuquerque
Baseballfans sind derzeit so ungeduldig wie ein sechsjähriger Knirps kurz vor Heiligabend. Doch keine Angst, die Zeit der Bescherung ist fast gekommen.
ie Zugverspätungen unserer Bundesbahn sind ein heikles Thema. Einerseits möchte man den ewigen Nörglern ja zurufen: „Haltet ein und seid doch mal mit dem Service zufrieden!“ Wo auf der Welt esset ma mittags Spätzle mit Rostbrade und trinket a Halbe dazu, setzt sich dann in ein weiß-rotes Gefährt und trudelt lächerliche vier Stunden später gerade rechtzeitig in heimischen Gefilden zum Abendbrot mit Stullen und einem Glas Mineralwasser ein? Für den Luxus darf auf dem Weg dahin auch mal die eine oder andere Weiche klemmen.
Andererseits färbt sich die Stimmung des Bahnkunden auch mal schnell so düster wie ein Tunnel zwischen Kassel und Fulda, wenn er über den wahren Grund der manchmal doch beachtlichen Verspätungen sinniert. Schuld sind nämlich nur diese Uhren auf den Bahnsteigen, die aussehen wie eine Trommel eines Musikanten im Heeresmusikcorps, die man an das Bahnsteig-Dach gehängt hat (die Trommel natürlich, nicht den Trommler).
Griff an den Hosenlatz
Jede dieser Uhren hat einen kleinen Zeiger für die Stunden, einen großen Zeiger für die Minuten und einen hauchdünnen roten Zeiger, der rhythmisch wie ein Soldat an den sechzig Strichen auf dem Uhrenblatt entlangmarschiert. Doch jedes Mal, wenn der rote Zeiger nach einer Minute den sechzigsten Strich besucht, passiert es. Der Zeiger bleibt plötzlich stehen, ruht sich auf dem Strich aus wie ein adipöser Jogger nach zwei Minuten Dauerlauf, wackelt und zappelt wie ein Kleinkind, das man mit festem Griff am Hosenlatz vorm Weglaufen hindert, um sich dann – aber wirklich erst nach einer halben Ewigkeit – auf die nächste Runde zu begeben. Wehe dem Lokführer, der sich nach einer derart trägen Uhr richtet.
Nun ist es für den Menschen natürlich nicht verkehrt – Uhren und Bahnführer ausdrücklich ausgenommen – ab und zu mal innezuhalten, um die kommenden Aufgaben dann wohlerholt in Angriff zu nehmen. Vor allem Hochleistungssportler müssen aufpassen, wenn ihr Körper über die zu hohe Belastung meckert. Das gilt für Marathonläufer genauso wie für Baseballspieler, auch wenn Letzteren von sportlichen Halbexperten ja gerne ein latenter Hang zur Faulheit nachgesagt wird.
Das ist natürlich Quatsch. Die Angestellten im größten amerikanischen Baseballunternehmen MLB haben jetzt fast 160 Saisonspiele hinter sich und ein Päuschen zweifellos verdient. Zum Leidwesen mancher Fans und vieler Funktionäre, die auf ein stets knalliges, funkelndes Hochglanzprodukt angewiesen sind, strotzt die derzeitige Pause der Profis aber vor Lethargie wie die Rast des Uhrzeigers auf dem Bahnsteig.
Kaum Euphorie beim Vorverkauf
Das mag auch daran liegen, dass der sonst so heiße Kampf um die wenigen Plätze in der Meisterschafts-Endrunde in diesem Jahr ähnlich viel Trubel entfacht wie eine Böe der Windstärke zwei. Die Topfavoriten auf den Titel, die New York Yankees, haben ihre Eintrittskarte für die Playoffs schon seit geraumer Zeit im Vorverkauf erworben. Nach der Partie, die ihnen das Ticket sicherte, versprühten sie in etwa so viel Euphorie wie nach einem Testspiel-Sieg gegen die Albuquerque Isotopes.
Und ihre Erzfeinde aus Boston? Die warten seit sechs Spielen auf ein Erfolgserlebnis. Bei der Endrunde dürfen sie trotzdem mitmachen, weil der einzig verbliebene Konkurrent aus Texas auch nur sieben seiner vergangenen 20 Spiele gewann.
Die Anhänger müssen sich für den Moment also mit der Weisheit trösten, dass auch die größte Flaute irgendwann einmal vorbei ist. Das voraussichtliche Aufgebot für die Endrunde verspricht jedenfalls sturmflutartige Duelle. Und spätestens wenn die Saison den Zielbahnhof erreicht hat, werden sich die meisten schon gar nicht mehr daran erinnern, dass unterwegs mal eine Weiche geklemmt hat.
MLB.TV-Player auf meinem Laptop zu starten und die letzten Spannung vereißenden Begegnungen
(Min@Det und später Col@Mil) zu verfolgen.
Johannes Knuth
Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider. Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.


Klar kann bei Hamelsmehr passieren, wenn sich Harper blöd wegdreht oder der Pitch nicht ganz dort...
(19-05-2012 06:34)Rene
Kann man doch nicht vergleichen, oder?! Nen Helm wegwerfen und einen Ball mit über 150 km/h auf
Da geht's sowieso nur um heurige Saison, da der Terminplan mit dem alten Playoffmodus gemacht wur...
(18-05-2012 17:35)Rene
Nee Joey das ist falsch, Hamels hat bewusst auf den Rücken gezielt. Da muss es schon mit dem Teuf...
(18-05-2012 13:30)Basti
Hallo Ihr Beiden, mal wieder ein sehr gelungener Podcast. Zu den Yankees. Da stimme ich euch zu,<...
(18-05-2012 11:36)Erich