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Sidearm Slider - Kontrapunkt im Haifischbecken

 
Autor: Johannes Knuth Dienstag, 06. Mai 2008
 

Die Red Sox gewannen ihre jüngste World Series nicht zuletzt dank einiger kostenintensiver Verpflichtungen. Ist das die Erlösung für die Cubs?

buchstabe_copy.jpger Krieg der Armen gegen
die Reichen wird der blutigste sein,
der je geführt worden ist.

Sprach Friedrich Engels im Jahre 1845. Und schuf ein interessantes apokalyptisches Fundament für seine Nachkommen. Nun mag man diskutieren, wie nahe wir Engels Endzeitszenario in unseren bisherigen Weltkonflikten bisher kamen (Antwort: schon ziemlich nahe). Aber bis zum finalen Endkampf dürfen wir uns weiterhin an den sporthistorischen Arm-Reich-Fehden erquicken: Stellvertretend sei hier ein kauziger Fußballinstruktor aus Essen erwähnt. Der grantelte einst, dass Geld keine Tore schieße. Anschließend führte er einen Aufsteiger zur deutschen Meisterschaft und einen krassen Außenseiter zum Europameistertitel.

Am vergangenen Wochenende gastierten die Chicago Cubs bei den St. Louis Cardinals zum Spitzenspiel der National League. Hier führte kein kauziger Fußballlehrer an der Seitenlinie Regie. Es gab keine Tore zu bewundern, schon gar nicht gegen Bezahlung. Und glücklicherweise kämpften die Protagonisten nicht bis aufs Blut, sondern um jeden Strike und Ball. Doch die monetären Vorzeichen erreichten rehagelsche, ja fast schon biblische Auswüchse. Auf der einen Seite der weiß-rote David, der seit kurzem einen Neuanfang mit jungen Spielern wagt, auf der Gegenseite der blau-graue Goliath, die in den vergangenen zwei Jahren 500 Millionen in neue Spielerverträge pumpte.

Die Vorzeichen hätten  also unterschiedlicher nicht sein können. Dennoch duellierten sich während der vergangenen drei Spieltage zwei Mannschaften, die sich mit verschiedenen Strategien an der Spitze etabliert haben. Die Frage ist nun, welches Trainer-Manager-Tandem sich nach 162 Spielen plus dem alljährlichen Oktoberwahnsinn als das gewieftere feiern lassen darf. Im vergangenen Jahr überlebten die kleinen Fische aus Colorado lange im Haifischbecken MLB, bis sie den Großinvestoren aus Boston zum Opfer fielen. Warum sollten die verfluchten Cubs also nicht von ihren ehemaligen Leidensgenossen lernen? Sich schlichtweg freikaufen nach 100 Jahren Leidenszeit?!

In der Tat haben die 2008er-Cubs einiges mit den 2007ern-Red Sox gemein, mal abgesehen von einem dicken Scheckbuch und einer verflucht dramatischen Vergangenheit. Ein Vergleich:

Die Red Sox wilderten vor ihrem jüngsten Meisterstück kräftig im Land der aufgehenden Sonne und riskierten unter anderem ein Schweinegeld, um ihren späteren Importschlager Daisuke Matzusaka – oder besser gesagt seinen Dolmetscher – kontaktieren zu dürfen. Chicago konterte vor Saisonanfang mit Outfielder Kosuke Fukudome, der immerhin noch 48 Millionen Taler über vier Jahre hinweg kostet. Fukudome sieht am Schlagmal aus wie eine Mischung aus  Hideki Matsui und Ichiro Suzuki, lässt außer seinem Dolmetscher bisher vor allem seinen Schläger sprechen und hat überdies noch einen kräftigen Arm für spektakuläre Spielzüge im Außenfeld.

Vielleicht sollte Lou Pinella den Legionär mit dem starken Wurf ab und zu auf den Wurfhügel schicken. Denn den  Cubs fehlt ein hochwertig besetzter Bullpen à la TimlinOkajimaPapelbon, da sich nicht jeder Starter so problemlos zum Closer umschulen lässt wie der irische Stepptänzer von der Ostküste.

Nicht viel besser sieht es im Nachwuchslager aus. In einem Team voller Dollar-Schwergewichte haben es junge Spieler immer schwer. Doch Terry Francona verstand es zuletzt, seine Jungspunde zu tragenden Säulen eines prachtvollen Gebäudes zu installieren. Bei Pinellas Cubs sucht man nach ähnlichen Bemühungen bisher vergeblich.

Bisher ließen sich derartige Schwächen aber auch noch geschickt kaschieren, da die Offensivabteilung den Sluggern aus dem Fenway Park um wenig bis gar nichts nachsteht. Fukudome, Derek Lee, Aramis Ramirez, Geovany Soto, Mark DeRosa, und und und – sie alle bestechen durch Geduld an der Platte und viel Schwung, sobald sie den Schläger schwingen. Und dann ist da ja auch noch ein Alfonso Soriano, der mit seinen wilden Schwüngen einen interessanten Kontrapunkt setzt.

Für wie blöd halten sie mich eigentlich? - Lou Piniella  

 

 

Für so manchen Kontrapunkt sorgt auch Lou Piniella, der immer für den einen oder anderen Ausraster zu haben ist. Anfang Mai faltete er die versammelte Reporterschar nach einer Niederlage zusammen, als ihm die Schreiberlinge ein paar taktische Alternativen aufzeigen wollten. Natürlich sei er darauf schon längst selbst gekommen. „Für wie blöd halten sie mich eigentlich?”, blaffte er in die Runde und stapfte von dannen. Terry Francona würde wohl andere Wege einschlagen, um seinen Frust abzulassen oder gar ein Zeichen an seine Schützlinge zu senden.

Bleibt noch das Publikum, das eine nicht ganz unwichtige Rolle spielen dürfte. Denn Bernie Miklasz vom St. Louis Post Dispatch meint beobachtet zu haben, dass sich die Fans der Cubs liebend gerne in der Rolle der leidgeplagten Anhänger bemitleiden. Das erklärt auch den Griff des Steve Bartman, der seinen Helden vor fünf Jahren das mögliche Finalticket vor der Nase wegschnappte. Von wegen "We Believe"... .

Und die Moral von der Geschicht? Nicht der pralle Geldbeutel, sondern die wohl dosierte Mischung macht's. Wenn das teurere Produkt also Mängel aufweist, ist der Griff zu der billigeren, stimmigeren Lösung nicht der schlechteste. Letztere entschied übrigens am Sonntag eine abwechslungsreiche Baseball-Serie mit 2:1-Spielen für sich.

Verstünde unser Fußballtrainer etwas von Baseball, er wäre verzückt gewesen.

 

 

Kommentare
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EvanLongoria
(Registered) 06-05-2008 07:54
Also ohne jetzt die anderen Kolumnen schlecht machen zu wollen oder so, aber großes Kompliment
Johannes - deinen Sidearm Slider les ich mit Abstand am Liebsten und ich freue mich jede Woche aufs
Neue! Weiter so!
 
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Johannes
(Publisher) 06-05-2008 08:36
Danke, das freut mich sehr. Ich werde daran arbeiten, dass das so bleibt :)
 
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Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.