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Sidearm Slider - Kontrapunkt im Haifischbecken
Die Red Sox gewannen ihre jüngste World Series nicht zuletzt dank einiger kostenintensiver Verpflichtungen. Ist das die Erlösung für die Cubs?
er Krieg der Armen gegen
die Reichen wird der blutigste sein,
der je geführt worden ist.
Sprach Friedrich Engels im Jahre 1845. Und schuf ein interessantes
apokalyptisches Fundament für seine Nachkommen. Nun mag man
diskutieren, wie nahe wir Engels Endzeitszenario in unseren bisherigen
Weltkonflikten bisher kamen (Antwort: schon ziemlich nahe). Aber bis
zum finalen Endkampf dürfen wir uns weiterhin an den sporthistorischen
Arm-Reich-Fehden erquicken: Stellvertretend sei hier ein kauziger
Fußballinstruktor aus Essen erwähnt. Der grantelte einst, dass Geld
keine Tore schieße. Anschließend führte er einen Aufsteiger zur
deutschen Meisterschaft und einen krassen Außenseiter zum
Europameistertitel.
Am vergangenen Wochenende gastierten die Chicago Cubs bei den St. Louis
Cardinals zum Spitzenspiel der National League. Hier führte kein
kauziger Fußballlehrer an der Seitenlinie Regie. Es gab keine Tore zu
bewundern, schon gar nicht gegen Bezahlung. Und glücklicherweise
kämpften die Protagonisten nicht bis aufs Blut, sondern um jeden Strike
und Ball. Doch die monetären Vorzeichen erreichten rehagelsche, ja fast
schon biblische Auswüchse. Auf der einen Seite der weiß-rote David, der
seit kurzem einen Neuanfang mit jungen Spielern wagt, auf der
Gegenseite der blau-graue Goliath, die in den vergangenen zwei Jahren
500 Millionen in neue Spielerverträge pumpte.
Die Vorzeichen hätten also unterschiedlicher nicht sein können.
Dennoch duellierten sich während der vergangenen drei Spieltage zwei
Mannschaften, die sich mit verschiedenen Strategien an der Spitze
etabliert haben. Die Frage ist nun, welches Trainer-Manager-Tandem sich
nach 162 Spielen plus dem alljährlichen Oktoberwahnsinn als das
gewieftere feiern lassen darf. Im vergangenen Jahr überlebten die
kleinen Fische aus Colorado lange im Haifischbecken MLB, bis sie den
Großinvestoren aus Boston zum Opfer fielen. Warum sollten die
verfluchten Cubs also nicht von ihren ehemaligen Leidensgenossen
lernen? Sich schlichtweg freikaufen nach 100 Jahren Leidenszeit?!
In der Tat haben die 2008er-Cubs einiges mit den 2007ern-Red Sox
gemein, mal abgesehen von einem dicken Scheckbuch und einer verflucht
dramatischen Vergangenheit. Ein Vergleich:
Die Red Sox wilderten vor ihrem jüngsten Meisterstück kräftig im Land
der aufgehenden Sonne und riskierten unter anderem ein Schweinegeld, um
ihren späteren Importschlager Daisuke Matzusaka – oder besser gesagt
seinen Dolmetscher – kontaktieren zu dürfen. Chicago konterte vor
Saisonanfang mit Outfielder Kosuke Fukudome, der immerhin noch 48
Millionen Taler über vier Jahre hinweg kostet. Fukudome sieht am
Schlagmal aus wie eine Mischung aus Hideki Matsui und Ichiro Suzuki,
lässt außer seinem Dolmetscher bisher vor allem seinen Schläger
sprechen und hat überdies noch einen kräftigen Arm für spektakuläre
Spielzüge im Außenfeld.
Vielleicht sollte Lou Pinella den Legionär mit dem starken Wurf ab und
zu auf den Wurfhügel schicken. Denn den Cubs fehlt ein hochwertig
besetzter Bullpen à la TimlinOkajimaPapelbon, da sich nicht jeder
Starter so problemlos zum Closer umschulen lässt wie der irische
Stepptänzer von der Ostküste.
Nicht viel besser sieht es im Nachwuchslager aus. In einem Team voller
Dollar-Schwergewichte haben es junge Spieler immer schwer. Doch Terry
Francona verstand es zuletzt, seine Jungspunde zu tragenden Säulen
eines prachtvollen Gebäudes zu installieren. Bei Pinellas Cubs sucht
man nach ähnlichen Bemühungen bisher vergeblich.
Bisher ließen sich derartige Schwächen aber auch noch geschickt
kaschieren, da die Offensivabteilung den Sluggern aus dem Fenway Park
um wenig bis gar nichts nachsteht. Fukudome, Derek Lee, Aramis Ramirez,
Geovany Soto, Mark DeRosa, und und und – sie alle bestechen durch
Geduld an der Platte und viel Schwung, sobald sie den Schläger
schwingen. Und dann ist da ja auch noch ein Alfonso Soriano, der mit
seinen wilden Schwüngen einen interessanten Kontrapunkt setzt.
Für wie blöd halten sie mich eigentlich? - Lou Piniella
Für so
manchen Kontrapunkt sorgt auch Lou Piniella, der immer für den einen
oder anderen Ausraster zu haben ist. Anfang Mai faltete er die
versammelte Reporterschar nach einer Niederlage zusammen, als ihm die
Schreiberlinge ein paar taktische Alternativen aufzeigen wollten. Natürlich sei
er darauf schon längst selbst gekommen. „Für wie blöd halten sie mich
eigentlich?”, blaffte er in die Runde und stapfte von dannen. Terry
Francona würde wohl andere Wege einschlagen, um seinen Frust abzulassen
oder gar ein Zeichen an seine Schützlinge zu senden.
Bleibt noch das Publikum, das eine nicht ganz unwichtige Rolle spielen
dürfte. Denn Bernie Miklasz vom St. Louis Post Dispatch meint
beobachtet zu haben, dass sich die Fans der Cubs liebend gerne in der
Rolle der leidgeplagten Anhänger bemitleiden. Das erklärt auch den
Griff des Steve Bartman, der seinen Helden vor fünf Jahren das mögliche
Finalticket vor der Nase wegschnappte. Von wegen "We Believe"... .
Und die Moral von der Geschicht? Nicht der pralle Geldbeutel, sondern
die wohl dosierte Mischung macht's. Wenn das teurere Produkt also
Mängel aufweist, ist der Griff zu der billigeren, stimmigeren Lösung
nicht der schlechteste. Letztere entschied übrigens am Sonntag eine
abwechslungsreiche Baseball-Serie mit 2:1-Spielen für sich.
Verstünde unser Fußballtrainer etwas von Baseball, er wäre verzückt gewesen.
Johannes - deinen Sidearm Slider les ich mit Abstand am Liebsten und ich freue mich jede Woche aufs
Neue! Weiter so!
Johannes Knuth
Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider. Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.


Klar kann bei Hamelsmehr passieren, wenn sich Harper blöd wegdreht oder der Pitch nicht ganz dort...
(19-05-2012 06:34)Rene
Kann man doch nicht vergleichen, oder?! Nen Helm wegwerfen und einen Ball mit über 150 km/h auf
Da geht's sowieso nur um heurige Saison, da der Terminplan mit dem alten Playoffmodus gemacht wur...
(18-05-2012 17:35)Rene
Nee Joey das ist falsch, Hamels hat bewusst auf den Rücken gezielt. Da muss es schon mit dem Teuf...
(18-05-2012 13:30)Basti
Hallo Ihr Beiden, mal wieder ein sehr gelungener Podcast. Zu den Yankees. Da stimme ich euch zu,<...
(18-05-2012 11:36)Erich