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Sidearm Slider - Jauchzen und Weinen

 
Autor: Johannes Knuth Montag, 31. März 2008
 

Seit vorgestern fliegen die Lederbälle wieder durch die amerikanischen Baseballstadien. Für Spieler, Trainer und Fans endet eine lange Leidenszeit. Für manch andere geht das Leid weiter.

Frühlingszeit ist Aufbruchzeit. Das lässt sich Jahr für Jahr aufs Neue beobachten, ist gleichfalls jeodoch auch ein altbekanntes Phänomen. So dichtete schon ein ergriffener Joseph von Eichendorff im 19. Jahrhundert: „Horch! Was hör ich draußen klingen / Wild verlockend wie zur Jagd? / Ach, das Herz möcht mir zerspringen / Wie es jauchzt und weint und klagt.”  

Baseball ist an sich ein Sport, in dem vieles seine Zeit braucht. Plötzlicher, klagender Herzschmerz hatte bis vor kurzem eigentlich nur die Anhänger der Boston Red Sox überfallen, wenn Babes' Bomer ihre Titelhoffnungen mal wieder zerstört hatten. Aber dieses Spektakel fand wohlgemerkt stets im melancholisch-tristen Herbst statt. Es  ist der Frühling, der sogar die Rivalen von der Ostküste in ihren überbordenen Gefühlen eint: Dann, wenn Amerikas Pasttime dem Lockruf des Jagdhorns folgt, das den Aufbruch in eine neue Spielzeit verkündet.

Der Hall des Horns dauerte im diesen Jahr – wie vieles im Baseball – mal wieder etwas länger: Nach dem obligatorischen Frühlingstraining im sommerlichen Florida eröffnete eine Vorhut der Red Sox und Athletics am 25. März die neue Saison im Hallenstadion von Tokio. Erst eine knappe Woche später flogen die ersten Lederbälle auf amerikanischem Boden und in der neuen Heimat der Washington Nationals. Gestern durften dann auch endlich die verbliebenden Jäger ins Geschehen eingreifen.                                                                                         

                                                                                            

Welcher Sport in der Welt kann überhaupt schöner sein als Baseball?! - MLB.com  

                                                                                                                    

Kaum jemand aber dürfte dem Saisonstart ähnlich entgegengefiebert haben wie die treuen Anhänger. Tage- und nächtelang wurde allerorten erörtert, abgewogen und antizipiert: Die Aufstellugen für die zahllosen Fantasy-Ligen, die spektakulären Wechsel der Superstars und das Abschneiden der eigenen Lieblingsteams. Die Begeisterung schlug sich auch beim Ticketverkauf nieder: 19 Millionen Tickets wurden bereits über die offizielle Internetseite der Major League Baseball (MLB) verkauft. Ein „mörderisches Rekordtempo”, findet MLB.com. Über 115'000 Fans sahen die Geburtstagsparty der Los Angeles Dodgers gegen die Boston Red Sox. Was wiederum MLB.com folgern ließ: „Welcher Sport in der Welt kann überhaupt schöner sein als Baseball?!” Ach, das Herz möcht mir zerspringen, wie es jauchzt...

...und weint und klagt. Denn so schön der Saisonanfang in der nordamerikanischen Profiliga auch ist: Bei all den Dopinganschuldigungen, die sich Senatoren, Betreuer, Aktive und Ehemalige seit der Veröffentlichung des Mitchell-Reports an den Kopf werfen, bekommt man den Eindruck, dass die MLB den Saisonstart regelrecht herbeigesehnt hat. Die kurzen Abstecher nach China und Japan ähnelten schon ein wenig einer Flucht vor dem Chaos im eigenen Lager. Jetzt, wo die unsinnigen Auslandsreisen eine Woche vor dem Amerikastart überstanden sind, lenkt man den Blick dankbar auf das Geschehen auf dem Platz.

Trotz aller Bedenken: Die Verantwortlichen haben die Problematik auch weiterhin auf dem Schirm. Der Mitchell-Report hat erste Löcher in die Mauer des Schweigens getrieben. Und Bud Selig hat angedeutet, dass er sein Imperium keineswegs kampflos den Dopingsündern preisgeben will und wird. Aber der Fall des Larry Bigbie zeigt, dass der Baseballsport seine Probleme weiterhin verdrängt. Für seine Kooperation mit den Mitchell-Reportern fiel Bigbie in Athletenkreisen in Ungnade und floh nach Japan zu den Yokohama Bay Stars. Brian Roberts (Orioles) und Jack Cust (Athletics), die der Nestbeschmutzer verraten haben soll, sind weiterhin bei ihren Vereinen gefragt. Was bleibt, ist ein fader Beigeschmack. Und natürlich die Fragen nach Barry Bonds, Roger Clemens und Brian McNamee und Konsorten. Jene Fragen werden seit gestern übertönt vom „Play Ball” der Schiedsrichter.

Für alle Beteiligten gibt es wohl kaum etwas Schöneres, als den fordernd-fröhlichen, ernst-ermunternden Ruf des Umpires erklingen zu hören. So schön, dass mein Herz mir zerspringen möcht, wie es jauchzt und weint, jauchzt und weint, jauchzt und weint...

 

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Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.