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Sidearm Slider - Fliegenschiss aus Tampa Bay

 
Autor: Johannes Knuth Mittwoch, 28. Oktober 2009
 

sliderAlle Jahre wieder im Oktober: Die Blätter färben sich golden, Franz Beckenbauer wartet ungeduldig auf die Weihnachtsfeier seines Lieblingsvereins und ganz Amerika schaut auf die Baseball World Series. Ganz Amerika?

buchstabewir befinden uns in Baden-Württemberg, so in etwa zwei Jahrtausende nach Christus. Die Lehrlinge an allen Hochschulen des Landes müssen ihren Dienstherren 500 silbergoldene Taler entrichten, um überhaupt einen Fuß in die altehrwürdigen Lehrhallen setzen zu dürfen. Alle Studenten? Nein! Eine kleine Gruppe mutiger Jünglinge in einer malerischen Neckarstadt will für  Bildung nicht blechen. Sie hört nicht auf, den Halsabschneidern Widerstand zu leisten.

Die Rebellen stiften so viele Mitstreiter wie nur möglich an, die Silbertaler lieber an einem separaten Ort zu horten. Sobald sich 4000 Mitstreiter und noch viel mehr Taler vereint haben, bestimmen die Rebellen einen Verhandlungsführer, der die böse Obrigkeit dazu überredet, den armen Bildungshungrigen den Obulus doch zu erlassen.

Doch so weit kommt es gar nicht. Es finden sich nämlich nur mickrige 1000 Studierende, die sich den Rebellen anschließen. Aber wie ruft ein wichtiges Thema so wenig Interesse hervor?

Vielleicht hilft ein Blick in die amerikanische Major League Baseball (MLB), um das Rätsel zu lösen.

Königsweihe mit Papiertüchern

In der MLB wird seit Mittwochnacht die World Series ausgespielt. Auf dem Papier ist das eine ziemlich große Sache. Erstens geht es um Baseball, das ist die Traditionssportart Amerikas, der größten Nation auf Erden. Zweitens ist es das Finale. Und das bedeutet drittens, dass der Sieger dieser World Series den Orden „beste Baseballmannschaft auf Erden“ verliehen bekommt. Während der Zeremonie schwenken Zehntausende auf den Rängen irgendwelche Papiertücher, die ihnen der Verein kostenlos in die Hand gedrückt hat. Millionen sitzen vor den Fernsehschirmen und verfolgen gebannt die Königsweihe.

Doch zu den aberwitzigen Millionenquoten kam es zuletzt gar nicht mehr. Der neue Baseball-Thronfolger, er rief bei vielen Amerikaner zuletzt kaum noch Interesse hervor.

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Alex Rodriguez in der World Series - das bedeutet viel Futter für Presse und Fernsehen                                                          CC-BY - Foto von Rubenstein

Seit der Jahrtausendwende stürzen die Fernsehquoten der World Series mehr oder minder ungebremst die Kellertreppe hinab. Der Marktanteil des New Yorker Stadtduells im Jahr 2000 lag beständig bei 20 Prozent, manche Spiele der 2002er-Auflage zwischen den Angels und den Giants wollten schon nur noch 17 Prozent schauen. Als die Boston Red Sox 2004 ihren Meisterfluch brachen, kletterten die Quoten einige Stufen hinauf, doch in den Spielzeiten darauf fielen sie schon wieder auf 17 (2005, White Sox gegen Astros) und 15 Prozent (2006, Cardinals gegen Tigers). Als sich zwei Jahre später die Phillies und das Überraschungsteam aus Tampa Rays um das Baseballzepter stritten, schlugen die Quoten dann endgültig auf dem kalten Kellerboden auf. Das entscheidende Finalspiel flimmerte nur noch über jede siebte amerikanische Mattscheibe (15 Prozent), die an diesem Abend eingeschaltet war.

Dieses Jahr alles anders werden. „Vorbei sind die Cinderella-Geschichten aus Minnesota und Colorado, weggespült von Fehlern, Pech und wenig Kraft an der Platte“, ätzte Howard Bryant von ESPN – genau, von dem Fernsehsender, der 2006 nach dem World-Series-Triumph der Cardinals über die Tigers gespottet hatte, er sei heilfroh, dass diese Trauerspiele nun endlich vorbei seien.

Dürstender Quoten-Köter

Ab Mittwoch sollen die Quoten wieder Tageslicht erblicken. Das Fernsehen lechzt wie ein dürstender Köter nach höheren Marktanteilen. Und es wird sie auch bekommen. Denn mit den New York Yankees und den Philadelphia Phillies stehen sich nicht nur zwei unverschämt gute Mannschaften gegenüber. Hier spielt eine Mannschaft mit vielen Fans und voller Superstars (Philadelphia) gegen ein milliardenschweres Imperium mit aberwitzig vielen Fans und voller Superstars (New York), das seit 2003 nicht mehr im Weltfinale des Baseballs vertreten war.

„Auf diese Serie haben wir alle gewartet“, titelte ESPN. Oder andersherum: Die anderen Serien haben uns einen Fliegenschiss interessiert.

Damit wäre auch das Rätsel der Studierenden gelöst, die sich erfolglos gegen die Erhebung von Studiengebühren rebellierten. Ein Student begründete sein Desinteresse so: „Mein Studium ist bald zu Ende.“ Was er meinte: Mich interessiert das einfach nicht.

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Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.