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Sidearm Slider - Ein Spiel, tausende Welten

 
Autor: Johannes Knuth Dienstag, 23. Juni 2009
 

In der vergangenen Woche erschien keine Ausgabe von Sidearm Slider. Das lag hauptsächlich daran, dass der Autor sich im Großraum Boston herumtrieb. Natürlich schaute er dabei auch im Fenway Park vorbei. Und musste an den Baseballsport in seiner Heimat denken.

buchstabewer einem Heimspiel der Boston Red Sox im Fenway Park beiwohnen möchte, der sollte die grüne Metrolinie nehmen – das Parkticket am Stadion kostet mindestens 30 Dollar  - frühzeitig einsteigen, am besten an der North Station, um sich nicht in einen der engen, völlig überfüllten Waggons reinzwängen zu müssen, und dann in der maroden Haltestelle Kenmore aussteigen, die ihre beste Zeit gehabt haben muss, als der Fenway Park zum ersten Mal seine Pforten öffnete. Kurz vor dem Ausgang weist ein Plakat mit Jason Varitek den Weg. Zum Fenway Park im Jahr 2009.

Sobald man dem Untergrundverlies entflohen ist, betritt man die Welt der Rotsocken. Menschen mit Trikots aller Arten („Ich mag zwei Teams, die Red Sox und alle Yankees-Besieger“), mit Baseballmützen aller Arten (aber nur einer Mannschaft) und Fahnen (siehe Baseballmützen) strömen aus allen Richtungen in eine Richtung. Der breite Fußgängerweg auf der Brücke zur Brookline Avenue ist prächtig gefüllt. Ein Straßenverkäufer bietet kostenlose, aufblasbare Plastikbaseballschläger feil und wird ebenso ignoriert wie die Ticketverkäufer vor dem Cask’n’Flagon, vor dessen Eingangstür die Menschen in der Warteschlange den Türsteher flehend anschauen. Sie werden ignoriert wie ein lästiger Straßenverkäufer. 

Da das Flagon überfüllt ist, muss ein Steak von einem Verkäufer vor Gate B her. Der Verkäufer ist Afro-Amerikaner, zwischen 40 und 60 Jahren alt, trägt ein weißes Jackett mit einem billigen blauen T-Shirt darunter, eine übergroße Sonnenbrille, einen knallroten Cowboyhut  und ist auf der gesamten Ipswich Street vor dem Einlasstor zu hören. „Step up, step it up, step it up…“, brüllt er und schlägt mit seinem Tamburin gegen seinen Gehstock (!). Für ein Steakbrötchen so groß wie eine 0,5-Liter-Colaflasche knöpft er mit 9 Dollar ab. „Jedes Trinkgeld ist willkommen“, singt er mir vor. Er ist kein Einzeltäter. Ein halber frischgezapfter Liter Bier im Stadion kostet sieben Dollar und fünfundzwanzig Cent.

Die Belohnung für alle Mühen erwartet den Besucher im Innenraum des Fenway Park. Die Holzsitze, deren blauer Lack nur noch an wenigen Stellen schimmert, sind spartanisch, doch der Ausblick ist phantastisch. Die Abendsonne spiegelt sich auf dem perfekt getrimmten Rasen und den Mützen der 40‘000 Zuschauer. Vor dem Spiel bedecken mehrere Rasensprenger das Infield, dann präparieren Mitarbeiter auf kleinen Wagen den Rotgrant. Die Fans erfreuen sich am Wetter und am Spiel. Ihre Red Sox gewinnen mit 8:2 gegen die Florida Marlins und David Ortiz, der mächtige Slugger der  Gastgeber, platziert den zweiten Pitch, den er sieht, im Bullpen des Gegners (dem ersten hatten nur zwei Meter zum Home Run gefehlt). Immer wieder schwappt die La-Ola-Welle durch das enge Stadion, ertönen Fangesänge und herzhafte Schmähmelodien, adressiert an die Rivalen aus New York. Ganz Boston feiert sich selbst in seinem Baseballtempel.

Wer einem Heimspiel der Tübingen Hawks, Baseballverein der zweiten deutschen Baseballliga, beiwohnen möchte, der muss sich zunächst per Fuß, Fahrrad oder Auto an die entlegene Ortsausfahrt nach Stuttgart schlagen. Ein Schotterweg führt den Besucher zum maroden Vereinsheim, vorbei an der BMX-Anlage, dem Boule-Klub und welligen Blechbänken, die ungelenk an der zerbröckelten Mauer des Klubhauses lehnen. Das Baseballfeld versteckt sich ein wenig zurückgesetzt hinter den Umkleidekabinen und dem Batting Cage, der an Metallpfosten mit dicken schwarzen Kabeln befestigt ist, was ein wenig an Straßenbahnoberleitungen aus den Anfangszeiten des Baseballs erinnert. Der Rasenpfad zu den Tribünen ist wellig und von tiefen Furchen durchzogen. Auf den wackeligen Metalltribünen waren mehrere hundert Zuschauer in den 90er Jahren einst Zeuge des Baseball-Booms in Tübingen und Deutschland. Nun beobachten ein paar dutzend Gäste, wie ihre Heimmannschaft gegen den Abstieg in die Niederungen der Regionalliga ankämpft.

Zwischen den beiden Schauplätzen liegen mehrere tausend Kilometer und mindestens genauso viele Welten. Während in Deutschland die ersten Blüten der erfolgreichen Baseballära verblühen, erfreut sich der Sport in weiten Teilen Amerikas weiterhin ungebrochener Beliebtheit. Natürlich wird Baseball in Deutschland nie den Status der National Pastime, des liebsten Zeitvertreibs erlangen, doch so langsam wäre es an der Zeit, der Absteigersportart Baseball in unseren Breitenkreisen zu helfen.

Und das dürfte eigentlich nicht so schwerfallen. Schließlich ist Baseball ja nichts anderes eine etwas modifizierte Form des Brennballspiels. Sobald man das jungfräulich-weiße Mal mit einer fünf mal fünf Meter großen Weichbodenmatte ersetzten würde, die man erst durch einen herzhaften Trampolinsprung erreicht, würde der Wiedererkennungswert bei vielen Deutschen mit hoher Wahrscheinlichkeit exponentiell ansteigen. Es müssen ja nicht gleich derart viele Zuschauer zu den Spielen strömen, dass ein Parkticket im vereinseigenen Parkhaus 30 Euro kostet.

Kommentare
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Benni
(Registered) 24-06-2009 02:13
Schöner Bericht! Umso schöner für mich, da ich ein Tag nach dem 8:2 der Sox gegen die Marlins im
Fenway Park war. Beim 6:1 Sieg! Und ich hab eben beim Lesen des Artikels nochmal das Red Sox Feeling
bekommen. Ich habe mir auch so ein Fleischbrötchen mit Kraut und wasweißichwasnoch reingezogen.
Natürlich vollkommen übeteuert! ;) Aber was solls! Bin zwar seit 1997 mit Herz und Seele Jays Fan
und hab mittlerweile schon einige Ballparks besucht (sowas gehört im Amerika Urlaub einfach dazu! ;)
), aber der Fenway Park ist definitiv einer der schönsten Ballparks der USA! Und die Stimmung ist
eigentlich so ünerhaupt nicht Baseballtypisch. Aber im positiven Sinne!
Als kleiner Tip noch von mir bezüglich Ballparks:...
 
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Johannes
(Publisher) 24-06-2009 09:13
Danke Benni, was mich an der Stimmung auch fasziniert hat war, dass sie ganz "natürlich"
passiert, ohne Jingles und Videobotschaften auf den Videowänden, in die Hände zu klatschen o.ä.. Und
die Stadt Boston kann ich auch nur jedem empfehlen (Geheimtipp: Bootstour auf eine der vielen
Hafeninseln)!
 
giantsswitzerland
(Registered) 24-06-2009 19:10
Toller Artikel! Da kommt das Stadionfeeling hoch! Habe auf meinen jährlichen Baseballreisen bis
jetzt Boston noch nicht geschafft (dieses Jahr war ich in Dallas und Houston), wer aber
US-untypische Fans sehen will und spontane La Ola Wellen sowie grosse Grillpartys auf dem grossen
Stadionparkplatz, dem kann ich einen Abstecher nach Milwaukee empfehlen! Bin zwar ein
leidenschaftlicher Giants Fan, Milwaukee hat mich rein von den Fans her bis jetzt jedoch am meisten
überzeugt!
 
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Benni
(Registered) 24-06-2009 22:04
Allerdings. Normalerweise muss das Publikum immer wieder angeheizt werden, aber in Boston war
einfach schon die Grundstimmung da. Was ich noch vergessen habe zu erwähnen. Nach dem 8 Inning (oder
8ten Halbinning, weiß nicht mehr so genau), wurde Sweet Caroline von Neil Dimamond eingespielt und
der ganze Ballpark hat mitgesungen. Gänsehautfeeling!
 
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Johannes
(Publisher) 24-06-2009 22:54
Bei mir war's irgendein anderer Song, aber Stimmung war die gleiche!
 
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Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.