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Sidearm Slider - Drogenboss versus Drittklässler

 
Autor: Johannes Knuth Mittwoch, 16. September 2009
 

Überall wird gespart und gekürzt, das war schon vor drei Wochen Thema bei Sidearm Slider. Diese Woche geht es um die Kunst der kurzen, knappen Worte - eine Ausdrucksform, die im Baseball akut vom Aussterben bedroht ist!

buchstabe_jetzt auch noch die Bäckereien. Wortkarge, pampige Auskünfte war unsereins ja bisher nur von Bankangestellten am Einzahlschalter oder greisen Lateinlehrern gewohnt, doch die gepflegt-ruppige Ansprache gehört mittlerweile auch im Backwarenvertrieb zum guten Ton.

Kaum hat sich der Kunde der Theke auf fünf Meter genähert und aus Versehen einen schiefen Blick auf die viel zu fettig glasierte Nussecke geworfen, schallt ihm ein bestimmtes „Nächster“ entgegen. Während er sich noch fragt, was ein Bundeswehr-Ausbilder denn hinter einer Backwaren-Theke verloren hat, kapituliert er nach fünf weiteren „Nächster“-Zwischenrufen (der Ausbilder entpuppt sich unterdessen als stämmige Verkäuferin mit leichtem Bartflaum) und ordert verschüchtert eine Nussecke. Oder nein, besser doch ein...hier...Dings... – „CROISSANT?“ – ja g-genau, ein C-Croissant. „Alles?“ J-jaaha. „Zettel?“ Wie bitte? „ZETTEL?“ Was für ein... „QUITTUNG?“ Achsoneedanke.

Während die Verkäufer also immer unfreundlicher werden, nimmt das ruppige Verhalten unter Sportlern und Schiedsrichtern ab. Zumindest in der Beletage des Baseballs, der amerikanischen Major League Baseball (MLB).

Beängstigende Quote

Die Zahl der Platzverweise (Ejections) in der MLB geht seit der Jahrhundertwende stetig zurück. 2003 waren es noch 289 Rauswürfe, in den Spielzeiten darauf 236 (04’), 227 (05’), 218 (06’), 215 (07’) und 208 (08’). Seit Beginn des Spring Trainings 2009 durften bisher 150 Spieler vor Spielschluss andere Termine wahrnehmen – eine beängstigend niedrige Quote. Bleiben die Unparteiischen diesem Rhythmus nämlich treu, stünde die Bilanz nach Ende der Meisterschaftsrunde bei mickrigen 182 Rausschmissen.   

Es bedarf also schon einer mächtigen Frust-Flut bei Athleten und Betreuern, ja eigentlich sogar einer Sturmflut, um den Rauswurf-Negativrekord der jüngeren Baseballgeschichte noch zu vereiteln. Eine Flut ist derzeit aber nicht in Sicht, was eigentlich sehr schade ist.

ZambranoUmpire
Krawall und Remmi-Demmi: Carlos Zambrano trägt keine Schuld daran, dass immer weniger Trainer und Spieler vom Spielfeld fliegen                                    Foto: delusionalcubsfan

Denn die Diskussions-Choreographie zwischen Umpire und Übeltäter ist so albern, dass sie eigentlich schon wieder anspruchsvollen Unterhaltungscharakter besitzt. Erst schreiten beide Parteien aufeinender zu – der Trainer im Wiegeschritt, der Umpire im gemütlichen Schlendertempo – und beginnen dann freundlich aber bestimmt mit der Unterredung. Schon bald fangen beide Köpfe ein wenig zu wackeln an, die Mundwinkel hüpfen immer aufgeregter auf- und ab. Schließlich nimmt der Trainer noch die Hände dazu, immer wieder zuckt sein Finger nach vorne. Doch wie von Zauberhand prallt der Finger Millimeter vor dem Umpire an einer unsichtbaren Wand ab, die auch das wild hüpfende, rundliche Bäuchlein des Übungsleiters abwehrt.

Auf dem Weg zurück ins Klubhaus schickt der Trainer dem Unparteiischen noch ein paar Verwünschungen hinterher, die an einen kolumbianischen Drogenboss erinnern, der seinem Opfer und dessen Familie mit Tod und Vernichtung droht. Wahlweise erwidert der Umpire diese Abschiedsworte noch in Manier eines Drittklässlers auf dem Pausenhof nach einem zünftigen Streit mit dem besten Freund („Ich spiel’ nieeeee wieder mit dir!!!“).

Warum steckt diese nahezu einzigartige Streitkultur in der Krise? Zwei Erklärungsmodelle bieten sich an.

Anschreien mit Mundschutz

Modell eins: die Schweinegrippe. Wenn sich zwei Personen auf kurzer Distanz anschreien, tauschen sie nicht nur Worte sondern auch menschliche Körperflüssigkeiten aus. Das fördert die Verbreitung der Schweinegrippe ungemein. Eine Lösung wäre eine Mundschutz-Vorschrift, aber Anschreien mit Mundschutz sieht dämlich aus und kostet auch noch die Arbeitsplätze der Lippenleser beim Fernsehen. Also dürfen derzeit nur Akteure mit Grippeschutz rumbrüllen. Die sind aber wohl (noch) in der Minderheit.

Modell zwei: Die Schiedsrichter sind besser geworden. Zum einen dank des Videobeweises für strittige Homerun-Entscheidungen. Und zum anderen, weil sie alle anderen Entscheidungen nicht mehr ganz so unfreundlich verkaufen.

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Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.