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Sidearm Slider - Die Rückkehr des Wackeldackels
Sonnenbrille, Kriegsbemalung, Halsschmuck, Schlaghandschuhe - Aussehen ist für einen Baseballspieler ab einem bestimmten Niveau mindestens so wichtig wie sein "Average". Eine neue Kleidungsvorschrift könnte diesen Trend bald empfindlich treffen.
ode-Trends kommen und gehen, Kult-Trends bleiben. Der feine Unterschied zwischen einem modischen und einem kultigen Trend ist insofern wichtig, als dass von ihm Millionen von Talern abhängen. Während ein Modetrend eine geringe Halbwertszeit hat und Unsummen kostet, hält ein Kult-Trend nahezu ewig und ist in der Entstehung dazu noch spottbillig.
Jedes Unternehmen würde Unsummen locker machen, um das Patentrezept für einen Kult-Trend in die vor Geldgier schwitzenden Finger zu bekommen. Schließlich wird es so auf ewig und immer noch größere Unsummen scheffeln. Allerdings verhält es sich mit einem Patenrezept für Kulterscheinungen in etwa wie mit dem Stein der Weisen, der so ziemlich jedes gammelige Metall in pures Gold verwandeln soll: Beide existieren höchstens in den Comicheften mit Mickey Maus und Donald Duck.
Dabei ist zumindest die Sache mit dem Kult-Rezept gar nicht so schwierig. Meistens ist es das Detail eines Produkts, eine Randerscheinung in einem Werbespot, die eine wahre Kultwelle lostritt. Kult entsteht, so die Faustregel, also meistens ganz beiläufig.
Ölwechsel für Kurt Cobain
Bestes Beispiel ist ein Werbespot, mit dem eine große Tankstellenkette vor einigen Jahren auffiel. Ein knallroter Ford Granada steuert eine Tankstelle besagter Kette an. Während ein Mitfahrer eilig zum Tankstellenbistro eilt, verbleiben seine drei Mitfahrer im Auto. Alle drei vergöttern Rockmusik, das verrät schon ihre Kleidung, außerdem sieht der Fahrer aus wie der junge Kurt Cobain. Aus den Boxen dröhnt Paranoid, der größte Hit der wirren Rockband Black Sabbath, die Köpfe der Autoinsassen fliegen auf und ab, auf und ab. Der freundliche Tankstellenangestellte unterdessen glaubt, seine Kunden nicken freundlich seine Angebote nach Ölwechsel, Fensterputze undsoweiter ab, die lustige Geschichte nimmt ihren Lauf. Ganz zum Schluss aber – und das ist der Trick – ganz zum Schluss und nur ganz kurz wird der berühmte Plüschdackel eingeblendet, dessen übergroßer, beweglicher Kopf im Takt mitrockt. In den kommenden acht Monaten wanderte der Wackeldackel 500 000 Mal über die Ladentheke.
In der Führungsetage der amerikanischen Baseball-Liga haben sie dieses Kultpotenzial anscheinend für sich entdeckt. Ab nächster Saison müssen alle Minor-League-Spieler unbedingt einen neuen Helm tragen. Das Neue daran: Ein Kunststoffgemisch macht den Helm unverwundbar gegen bis zu 100 Meilen schnelle Würfe des gegnerischen Pitchers (daher auch der Name S100). Der Nachteil: Durch die Extraschicht ist der Helm mächtig gewachsen. Der Hersteller versicherte inzwischen hoch und heilig, dass dies tatsächlich an der Polsterung und nicht einem eingebauten MP3-Spieler oder einer Mini-Klimaanlage liege.
Lord Helmchen ohne Maske
Doch wenn man mitansah, wie Ryan Dempster von den Chicago Cubs am vergangenen Sonntag dieses Monstrum benutzte, konnte man gar nichts anderes empfinden als Mitleid. Der Helm erinnerte irgendwie an Lord Helmchen aus dem Star-Wars-Parodiestreifen Spaceballs, allein die vordere Schutzmaske fehlte. Und als sei Lord Helmchen noch nicht peinlich genug vermittelte Dempster auch noch den Eindruck, die schwere Kopfbedeckung würde sein Haupt jede Sekunde nach vorne ziehen, woraufhin er seinen Kopf wieder hochziehen würde, woraufhin... – also jedenfalls ganz wie bei diesem Wackeldackel.
Bevor wir jetzt eine endlos lange Kostenaufstellung für die Produktion dieses neuen Helms aufstellen sei gesagt, dass es für die Problematik, Spieler vor 160 Studenkilometer schnellen Geschossen zu schützen, eine deutlich billigere Lösung gibt: Die Strafen für eindeutige Körpertreffer müssen drastisch erhöht werden. Wenn Trainer oder Catcher wissen, dass es für absichtliche Treffer saftige Sperren hagelt, werden sie gründlich überlegen, ob sie ihrem Werfer tatsächlich den Befehl zum Abschuss geben werden.
Derzeit müssen sie sich nicht sorgen. Die Sperren für die Übeltäter - die Pitcher allein - sind ein Witz. Dabei darf man ruhig davon ausgehen, dass viele der sogenannten "Hit by Pitches" absichtlich geschehen. Dafür ist die Kontrolle der Profischmeisser viel zu gut. Also muss man die Abschreckung für die Werfer vergrößern, anstatt die Schlagmänner unzureichend auszupolstern. Den Erreger abtöten und nicht die Symptome bekämpfen. Wer sich als Pitcher nicht anfreunden kann, hat entweder ein massives Problem mit seiner Wurfkontrolle oder ein noch viel massiveres Problem mit seiner Psyche. Spätestens, wenn der billige Körpertreffer-Trend das erste Todesopfer fordert, wird es richtig teuer.
Johannes Knuth
Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider. Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.
Klar kann bei Hamelsmehr passieren, wenn sich Harper blöd wegdreht oder der Pitch nicht ganz dort...
(19-05-2012 06:34)Rene
Kann man doch nicht vergleichen, oder?! Nen Helm wegwerfen und einen Ball mit über 150 km/h auf
Da geht's sowieso nur um heurige Saison, da der Terminplan mit dem alten Playoffmodus gemacht wur...
(18-05-2012 17:35)Rene
Nee Joey das ist falsch, Hamels hat bewusst auf den Rücken gezielt. Da muss es schon mit dem Teuf...
(18-05-2012 13:30)Basti
Hallo Ihr Beiden, mal wieder ein sehr gelungener Podcast. Zu den Yankees. Da stimme ich euch zu,<...
(18-05-2012 11:36)Erich