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Sidearm Slider - Die Flucht des Zappelphilipps

 
Autor: Johannes Knuth Dienstag, 02. September 2008
 

Gestern hui, heute pfui, morgen...? Einige Wochen nach der Wechselfrist ist die Saison für manchen Playoff-Kandidaten schon gelaufen. Zeit, am Kader für die glorreiche Zukunft zu basteln.

buchstabe_n.jpgeulich setzte ich nach langer Zeit mal wieder einen Fuß in unsere kleine Dorfkirche. Nachdem mich die schwere Holztür mit einem ächzenden Quietschen begrüßt hatte, rieselte mir ein wenig rosa-weißer Putz aufs Haupt. Wenn man im Eingangsbereich unserer Dorfkirche steht, fällt einem sofort eine blaue Holztreppe auf, die sich hinauf zur Empore windet, sie schmiegt sich an den welligen Putz, der die klobigen Steine der Außenmauer nicht verdecken mag. Zur Rechten erstreckt sich der Innenraum mit einer Handvoll babyblauer Bänke, getrennt durch einen dunkelroten Teppich mit schwarzen Tupfern, der mich ein wenig an die roten und schwarzen Johannisbeeren erinnert, die es bei uns im Sommer zum Nachtisch gibt. Kaum hat man das fruchtige Dessert betreten, steht man schon vor dem kleinen Altar, flankiert von einer Kanzel und einer Bank für die höheren Würdenträger. Wer jetzt ein wenig übermütig auf die Kanzel klettert, muss aufpassen, dass er sich nicht den Kopf an der harten Wand anstößt. Unsere Kirche ist tatsächlich so klein, dass die massiven Wände sich sofort ein wenig nach innen neigen, sobald sie aus dem Boden herausgekrochen sind.

Ich erinnerte mich an die Weihnachtsgottesdienste, wenn Kerzen die andächtige Stille mit Wärme und Geborgenheit füllten, während dicke Schneeflocken von draußen an die Fensterscheiben klopften. Aber nun war der Innenraum kalt und leer. An vielen Stellen lugte die graue Steinfassade hinter zerbröckeltem Putz hervor. Die vielen dunklen Stellen zeugten von Nässe, die seit eh und je unbarmherzig an der zarten Innenfassade nagt. Und dann fiel mein Blick auf die Spinnenweben, jede Menge Spinnenweben. Beim monatlichen Gottesdienst hausen mittlerweile wohl mehr Spinnen als menschliche Besucher zwischen Bänken und Fensterrahmen.

Großer Verfall auf kleinem Raum – damit haben auch einige MLB-Vereine ihren Anhang im bisherigen Verlauf dieser Saison erfreut. Die sportlichen Leitungen legten sich dann meistens eine einfache Erklärung zurecht, indem sie ihren Fans die Talfahrten als Neuaufbau verkauften. Allein den Verantwortlichen in Cleveland dürfte mit der Sanierung ihres Kaders nicht ganz so plötzlich gerechnet haben. Schließlich gewann die Indianerbande im vergangenen Jahr immerhin die AL-Central-Division und stand bereits mit einem Fuß im Weltfinale des Baseballs, ehe die Red Sox ihnen die Finaltür doch noch vor der Nase zuschlug. Jetzt dümpelt Cleveland im Niemandsland der Tabelle herum. Die warme Geborgenheit der Oktober-Playoffs ist plötzlich der modrigen Kälte des Tabellenkellers gewichen.

Einer der damals Unterlegenen hatte die Kälte nun endgültig satt und wechselte vor kurzem flugs die Fronten: Paul Byrd trieb vor einem Jahr noch seinen neuen Arbeitgeber zur Weißglut, als er vor jedem Wurf wie Wilhelm Buschs Zappelphilipp auf dem Wurfhügel herumkasperte. Mittlerweile hat Byrd seine Hampeleien im Griff, verdient seine Brötchen in Boston und befindet sich damit voll im Trend. Zahlreiche alte Teamkameraden haben sich ebenfalls verschiedenen Titelkandidaten angeschlossen.

CC Sabathia schwächte die ohnehin schon gebeutelte Rotation, als er sich Ende Juli nach Milwaukee absetzte. Jetzt treibt er die Schlagmänner der National League zur Verzweiflung. Joe Borowski musste nach einem katastrophalen Saisonstart seinen Hut nehmen. Zu dem Zeitpunkt hatte in Casey Blake ein weiterer Routinier die Indians bereits in Richtung Los Angeles verlassen. Man würze das Ganze mit einer Prise hartnäckiger Verletzungen à la Travis Hafner, Victor Martinez und Fausto Carmona und fertig ist der verdorbene Indians-Salat.

So sehr der schnelle Abstieg eines Playoff-Mitfavoriten vielleicht überrascht – Achterbahnfahrten von der Spitze der Division bis in den Tabellenkeller gehören in der MLB zum Geschäft. Das ständige Auf und Ab der meisten Vereine ist so sicher wie das Kommen und Gehen von Ebbe und Flut. So wird es auch im Falle der Indians sein, die ihr Aufgebot im Laufe der Saison notgedrungen verjüngt haben. Anstelle von Sabathia und Carmona dürfen sich Neulinge wie Jensen Lewis oder Zach Jackson beweisen, statt Casey Blake wirbelt nun Shin-Soo Choo um die Kissen. In Oakland, Atlanta und Cincinnati setzen die Manager bei der Sanierung ihrer bröckelnden Fassade ebenfalls auf das Projekt „Jugend forscht“.

Die brüchige rosa-weiße Fassade in unserer Dorfkirche wartet übrigens immer noch auf eine Generalüberholung. Immerhin: Vor ein paar Jahren bekam die Gemeinde schon mal eine neue Orgel spendiert, ein hoffnungsvolles Talent auf dem Wurfhügel sozusagen.

 

Kommentare
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Patrick Krämer
(213.61.190.xxx) 03-09-2008 12:13
Schöner Artikel!
 
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Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.