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Sidearm Slider - Der Herr der Keulen

 
Autor: Johannes Knuth Montag, 21. Dezember 2009
 

sliderWelche Baseball-Organisation hat bisher den größten Transfercoup gelandet? Die Seattle Mariners mit Chone Figgins? Die Boston Red Sox mit John Lackey? Oder etwa doch die Landesliga-Baseballer der Tübingen Hawks mit der Entlassung des Autors dieser Zeilen? Weit gefehlt, den besten Transfer bisher tätigten die Chicago Cubs!

buchstabetraut man dem amerikanischen Philosophen Richard Rorty, hat der Mensch bis heute drei Glaubensepochen durchlaufen.

Für mehrere tausend Jahre haben wir irgendeiner göttlichen Existenz vertraut. Die Aufgabe eines dieser transzendenten Titanen bestand darin, seinen Filius erst vom bequemen Himmel auf die dreckige Erde zu scheuchen und ihn dort dann auch noch ans Kreuz nageln zu lassen. Die menschlichen Jünger hängten sich dann alle Kreuze um den Hals – gut, dass der elektrische Stuhl als Exekutionswerkzeug noch unbekannt war – und freuten sich, dass der liebe Herr da oben als Gegenleistung dann schon alles irgendwie für sie deichseln würde.

In der Antike, in unseren Gefilden erst ein paar hundert Jährchen später, rissen die Philosophen das Glaubenszepter an ihre Brust. Mit dem Glauben an Gott und seine guten Taten hatte es nie so recht geklappt und daher waren sie so frei, sich die Wahrheit über den Menschen einfach selbst zu basteln.

RTL statt Romane

Da in dieser Bastelstunde bisher aber lediglich viele unfertige Werke entstanden sind, eins verklebter als das andere, ist seit ein paar Jahrzehntchen ein neuer Basteltrend in Mode gekommen. Anstatt sich auf eine Wahrheit verbindlich zu einigen, schneidet sich jeder Mensch seine Glaubenswelt zurecht, wie es ihm beliebt. Bis zur Erfindung von RTL und den Reality-Shows taten wir dies, indem wir so viele schlaue Bücher wie möglich lasen und die wenigen Stücke, die wir halbwegs kapiert hatten, zusammenpuzzelten. Das nennt unser Philosoph Rorty den Glauben an die Literatur.

Neben Gott, dem Philosophen und dem Buch gibt es jedoch noch mindestens eine vierte Glaubens-Strömung, die Rorty schändlicherweise übersehen hat. Bisher, das sei zugegeben, schwimmen noch nicht viele Fische mit diesem Glaubensstrom, was vielleicht auch daran liegt, dass der zuständige Glaubensvater nur einer kleinen Menge an Jüngern predigt, wie sie mit armlangen Stäben aus Ahornholz einen tennisballgroßen Hartlederball treffen sollen.

Der Prediger heißt Rudy Jaramillo. Sein Beruf: Schlaginstruktor. Seine Jünger: einst 40 Spieler der Texas Rangers, ab kommender Saison 40 Spieler der Chicago Cubs, Major League Baseball (MLB). Sein Motto: Glaube an dich selbst.

"Ein Jaramillo Macchiato bitte!"

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Track, Wall....ohne Rudy Jamarillo hätten die Yankees-Reporter und Alex Rodriguez weniger Grund zum Jubeln (CC-BY-SA - Foto von Keith Allison)

Der gemeine Baseballfan mag nun einwenden, wie in aller Welt man bloß einem Mann an den Lippen hängen könne, dessen Nachname wie eine Kaffeesorte von Starbucks klingt. Doch Vorsicht, liebe Spötter! Diejenigen, die Jaramillos Ausführungen gelauscht haben, wurden zum wertvollsten Spieler der MLB gekrönt (Juan Gonzalez, Ivan Rodriguez, Alex Rodriguez), gewannen den "Batting Title" (Michael Young) und dazu noch 17 "Silver Slugger Awards", drei "Home Run Crowns" und drei "RBI Titles".

Wer so gute Schlagmänner formt wie Jaramillo, der muss seinen Jüngern ein paar unverschämt gute Gebote gepredigt haben. Stimmt, sagt Jaramillo, auch wenn er in seiner Funktion als Herr der Keulen eigentlich nur an drei Gebote glaube: Du sollst über das Können verfügen, lange in der MLB zu bestehen (Ability). Du sollst dich immer und überall der Konkurrenz stellen (Competitiveness). Und du sollst die Gabe besitzen, dich auf immer neue Situationen einzustellen (Adjustments).

Natürlich mischt Jaramillo diesem Erfolgsteig auch die eine oder andere geheime Zutat unter. Da wäre zum Beispiel der kleine Aluschläger, oberarmlang, den der Schlagmann nur einhändig einsetzen darf. So lernt er, Ellenbogen und Oberarm wie ein Katapult zu führen, an dessen Ende der Schläger baumelt oder den Schlägerknauf mit der unteren Hand Richtung Pitcher zu feuern, als wolle man dem Schmeißer ein Messer in den Unterleib rammen. Die Handflächen, glaubt Jaramillo, lernen dabei gleich mit, wie sie genug Schwung generieren, um die Lederbälle gen Zuschauerränge zu peitschen.

Ailtons kleiner Bruder

Die Baseballwelt sollte also lieber daran glauben, dass die Cubs-Schlagmänner unter ihrem neuen Schlagmeister in der kommenden Spielzeit gefährlich wie Messerwerfer und durchschlagkräftig wie Katapulte auftreten werden. Allein der erste Titel nach 102 Jahren wird den Cubs weiterhin verwehrt bleiben. Schließlich verpflichtete Chicago unlängst Carlos Silva, einen 30-jähriger Schmeisser, der glatt als Bruder von Ailton, dem pummeligen Ex-Bundesligakicker, durchgehen könnte. Silva kassierte bei den Seattle Mariners zuletzt knapp 25 Millionen US-Dollar in zwei Jahren, in denen er entweder Spiele verlor oder verletzt war.

Liebe Cubbies, da hilft dann doch wieder nur der Glaube an den lieben (Baseball-)Gott.

Kommentare
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Markus_Kampschnieder
(Publisher) 22-12-2009 14:03
johannes, du bist aber nicht der tübinger milton bradley, oder? oder wurdest du nach herrenberg oder
gammertingen getraded?
 
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Johannes
(Publisher) 22-12-2009 14:22
Nee steht noch nicht endgültig fest aber wahrscheinlich in die Hawks-Regionalliga-Mannschaft berufen
;)
 
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Markus_Kampschnieder
(Publisher) 22-12-2009 14:33
aber das ist doch super!

glückwunsch, johannes! quasi von triple-a direkt in die big leagues! dann sehen wir uns ja im
nächsten jahr vielleicht bei einem heimspiel und ich feuere dich von der tribüne aus an.

schöne weihnachtsferien,
markus
 
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Johannes
(Publisher) 22-12-2009 14:43
Ja hoffentlich, dir auch schöne feiertage!
 
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Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.