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Sidearm Slider - Das geläuterte Schaf

 
Autor: Johannes Knuth Mittwoch, 30. Juli 2008
 

Wenn der Baseballspieler sich dem Schlagmal nähert, versinkt er in einem Tunnel der Konzentration und völligen Ruhe. Sollte man meinen...

buchstabew.jpgas wurde nicht alles über die Musik geschrieben und gedichtet. Reichlich Unfug und schiefe Bilder kursieren über die hohe Kunst, vorzugsweise verbreitet von modernen Popikonen wie Dieter Bohlen: „Deine Stimme klingt wie Kermit, wenn einer hinten drauftritt“, schimpfte er einst einen talentierten Bewerber aus einem Fernsehstudio.  Daneben gibt es aber auch eine Vielzahl an treffenden bildlichen oder gar philosophischen Zitaten. So jubelte der Schriftsteller, Ästhetiker, Politiker, Literaturwissenschaftler und Philosoph Friedrich Theodor Vischer:

„Kein Bild, kein Wort kann das Eigenste und Innerste des Herzens aussprechen wie die Musik. Ihre Innigkeit ist unvergleichlich, sie ist unersetzlich!“

Das nehme ich dem guten Mann glatt ab. Nicht nur wegen der üppigen Berufsvita. Schließlich nahm Vischer wohl nur selten ein Blatt vor dem Mund. Als er 1844 den Professorenstatus erlangte, suspendierte man ihn umgehend nach einer arg freimütigen Antrittsrede. Aber dies nur am Rande.

Uns soll vielmehr die musische Eigenheit interessieren, unser Eigenstes und Innerstes so treffend zum Ausdruck zu bringen. Wenn dem tatsächlich so wäre, lohnt sich ein Blick auf die Baseballprofis und ihre At-Bat-Lieder.

Matt Stairs, der stämmige Outfielder und Designated Hitter der Toronto Blue Jays, marschiert zu den Klängen von „Glass Shatters“ der Band Disturbed ans Schlagmal. Das sind dieselben wummernden Rock-Klänge, mit denen sich Wrestling-Haudegen Steve Austin auf seine Prügeleien einstimmt. Auch Stairs scheint immer für eine zünftige Rauferei bereit zu sein: Angeblich trainiert er im baseballfreien Winter eine Eishockeymannschaft.

Was mich nicht umbringt, macht mich nur stärker -  Cody Ross

 

           

Richie Sexson schlurfte einst zu Led Zeppelins „Immigrant Song“ an den Schlag. Damals trug er noch das Trikot der Seattle Mariners. In Zukunft wird sich Sexson wohl als Baseball-Immigrant von Klub zu Klub pilgern, je nachdem, ob er grad besser gegen Rechts- oder Linkshänder schlägt. Seine erste Station: die New York Yankees.

Travis Hafner, der bei den Cleveland Indians das erste Kissen bewacht, mag bleiernden, kräftigen deutschen Metal-Rock. Zu Saisonbeginn ließ er Ramsteins „Du Hast“ vom Band spielen, ehe er sich an der Schulter verletzte und seitdem auf der Verletztenliste darbt. Davor wies sein Schlagdurchschnitt 0.217 auf. Da böte sich ein anderes Ramstein-Lied an: „Ich hab keine Lust.“

Outfielder Cody Ross von den Florian Marlins bringt sich unter anderem mit “Stronger” von Kanye West in Wallung. „Was mich nicht umbringt, macht mich nur stärker“, sagt er selbstbewusst. Hoffentlich bezieht er sich damit auf rein legale Mittel und Wege zur Leistungssteigerung.

Ich lasse das Lied spielen, damit es alle hören - Josh Hamilton

 

              

Josh Hamilton ist in den vergangenen Jahren lieber mehr als weniger den irdischen Lastern verfallen. Mit Gottes Hilfe fand das verlorene Schaf zu seiner Herde zurück. Das spiegelt sich auch in seiner At-Bat-Musik wider: Anstatt des üblichen Hip Hop- und Rockgedudels zieht der Outfielder der Texas Rangers seine Kraft aus der spirituellen Ballade „Saved the Day“ eines Pastoren-Trios. Hamiltons neuerschlossene Nächstenliebe geht sogar so weit, dass er den Stadionsprecher anraunzte, als der die Ballade unterbrach um Hamilton anzukündigen: „ Ich bin keiner von denen, die den Song nur für sich selbst spielen. Ich lasse das Lied spielen, damit es alle hören“, sagte Hamilton. Dem Hirten wird's gefallen. 

Brian Roberts von den Baltimore Orioles ist da bei seiner Musikauswahl schon etwas lockerer. Vor seinen At-Bats läuft „We all make mistakes“ von Submersed. Und das bei jemandem, der in elf Spielzeiten 65 Fehler begangen hat.

Und was sagen uns diese Lieder nun über die innigsten Eigenheiten unserer Baseballstars? Um das herauszufinden, sollten wir vielleicht noch einen Blick auf eine letzte Testperson werfen.

Jacoby Ellsbury von den Boston Red Sox marschiert zu „Cherub Rock“ von den Smashing Pumpkins ein. Obwohl er das Lied noch nicht einmal kennt oder auch nur im Geringsten wahrnimmt, während er sich der Platte nähert: „Ich versuch mich einfach auf den Pitcher vorzubereiten und wie ich mich gegen ihn verhalten sollte“, so Ellsbury.

Nun ja, es bleiben ihm ja noch ein paar Jährchen, um uns sein Innigstes zu offenbaren.

 

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Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.