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Sidearm Slider - Baseball sucht den Superstar (BSDS)

 
Autor: Johannes Knuth Mittwoch, 26. November 2008
 

Superstars, Talente, Idole und Models - so langsam gehen der Unterhaltungsindustrie die Branchen aus, die sich mit künstlich gezüchteten Jungspunden aus klebrigen Talentshows füttern ließen. In den Vereinigten Staaten hat man die Talentschau unterdessen um einen Zweig erweitert. Eine Spieleragantur warf ein "Baseball-Casting" als Köder aus - eine Organisation biss an.

buchstabe_j.jpgetzt ist es raus! Pünktlich zur neuen Auflage einer bekannten deutschen Talentsichtungskasperei haben die feuilletonistischen Edelfedern der Nation festgestellt: Bei diesem Kasperkram geht es gar nicht um die Talente! Dem Sender hinter der „modernen Form der Pest (FAZ)“ gehe es…

a) um die Schadenfreude der Zuschauer, die dringendst befriedigt gehöre,
b) um brutale Bohlen-Beschimpfungen gegen die Kandidaten („Bei mir kommen solche Geräusche aus anderen Öffnungen“),
c) um die Zurschaustellung peinlicher Kandidaten und
d) um reine Quotengeilheit.

Ach ja, gesungen werde auch noch, für ein paar Wochen sogar in den oberen Rängen der deutschsprachigen Hitparaden, bis der künftige Superstar seinen Absturz auf die Marktplätze und in die Supermärkte der Nation vollziehe.
 
Eigentlich müsste Deutschlands Talentwiese ja schon längst abgegrast sein, doch dem scheint nicht so. Tatsächlich brauchen die Leute vor und hinter der Bühne alle paar Monate ein neues, singendes Maskottchen. Eine Weile vergnügen sich die Millionen vor der Mattscheibe mit dem „Sozialhilfe-Entlein, das zum Superstar wird (WELT)“, ganz wie ein 5-jähriges Kind mit einem Kuscheltier, bis den Millionen und dem Kind (wo ist da eigentlich der Unterschied?) die Lust am Stoffhasi vergeht und das Viech in einer dunklen Ecke verstaubt.

Man sollte ja meinen, dass der Berufssport vor derlei Eingriffen der glitschigen Unterhaltungsbranche gefeit ist, doch dem ist nicht so. Zumindest nicht mehr in Amerika, dem Land der unbegrenzten Modevormacher. Dieses Mal haben sich die Modevormacher die Inder vorgenommen. Eine amerikanische Spieleragentur mit dem Namen „Pro Access“ bahnte die Fährte ins Riesenreich und warf flugs die Talentsuchmaschine an. Gesucht waren selbstbewusste Männer, die einen kleinen Hartlederball beständig und schnell in eine 18 Meter entfernte Zone warfen. Wie praktisch, dass  diese Beschreibung nahezu deckungsgleich mit dem Berufsbild des amerikanischen „Pitchers“ im Baseball war. Und wie außerordentlich praktisch, dass der Gewinner dieser Schleuderer-Suche einen Gratisflug in die Staaten sowie eine Gratiseinheit vor einer Gruppe amerikanischer Baseball-Talentspäher spendiert bekommen würde. 

 

„Moderne Form der Pest“  - Frankfurter Allgemeine Zeitung

Sieben Monate später: Die Pittsburgh Pirates verpflichten den 20-jährigen Linkshänder Rinku Singh und den 19-jährigen Rechtshänder Dinesh Kumar Patel. Zum ersten Mal in der ewigen Geschichte der Major League Baseball (MLB) schmeißt eine amerikanische Baseballorganisation zwei Inder ins bitterkalte Talentbecken. Singh und Patel hatten einen Baseball mit 85 Meilen oft genug gegen ein Catcher-Pappmännchen geschmissen und damit 30.000 weitere Bewerber in ihrem Heimatland ausgestochen. Jetzt stehen sie vor dem verschlungenen Labyrinth der amerikanischen Baseballligen. Nur wenige Wege führen an die Spitze.

Von einer gewissen Quotengeilheit darf man die Pirates beim ihrem Indien-Experiment nicht freisprechen. Ihr Vizepräsident und Chefmanager Neil Huntington versuchte erst gar nicht zu verschleiern, dass die amerikanische Talentagentur nur die Vorhut einer riesigen Gefolgschaft war, die bald einen jungfräulichen Baseballmarkt erschließen soll. Hoffentlich haben die indischen Ansprechpartner bei den amerikanischen Indianerkriegen in der Schule aufgepasst.

Für eine erfolgreiche Erschließung müssen die Singh und Patel zunächst den Weg ins Profigeschäft finden.  Und doch – und das ist der große Unterschied zum Talentshredder des Dieter B. – haben beide anscheinend tatsächlich das Zeug zum Profischmeisser. Als Singh und Patel zum ersten Mal auf einem amerikanischen Aufwärmplatz warfen, verkniff sich der amerikanische Amateurfilmer hinter der Kamera nur mühsam das Lachen. Seine Models vor der Kamera stolperten nach jedem Wurf in Richtung Schlagmann wie ein zehnmonatiges Baby bei seinem ersten misslungenen Gehversuch. Mittlerweile sind die Babys erwachsen und feuern die Bälle mit weit mehr als 140 Stundenkilometern und einwandfreien Ausholbewegungen ab, die manchen Späher schon an Mariano Rivera erinnerten.  Außerdem wissen Singh und Patel ein Riesenreich hinter sich, das einst von den Briten gezwungen wurde, das Cricketspiel, eine langwierige Kopie des Baseballspiels, zu spielen und zu lieben. Cricket ist so langwierig, dass es zwischen den einzelnen Spielabschnitten sogar eine reglementierte Teepause gibt.

Und allein wegen der Teepause werden die beiden Inder in Piratenhemden das Baseballspiel lieben lernen und die MLB im Sturm erobern. Beim Baseball haben sie nämlich stets mindestens neun Teepausen.

 

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Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.