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Sidearm Slider - Autogrammpapierdünnes Nervenkostüm

 
Autor: Johannes Knuth Dienstag, 09. Juni 2009
 

Manche Politiker können gar nicht genug von dem Szenario bekommen, dass wir zusehends in einem Überwachungsstaat leben. Für Profisportler ist dieses Szenario (fast) schon Realität. Dank moderner Aufnahmegeräte und moderner Internetplattformen.

buchstabee.jpgnde der 90er Jahre spielte die ruhmreiche Spielvereinigung Göttingen, kurz SVG, noch hochklassig genug, um renommierte Gegner zu Testspielen ins Stadion am Sandweg einzuladen. Eines Tages folgte der renommierte Sportverein Werder Bremen einer Einladung der SVG. Fasziniert beobachtete ich, wie Oliver Reck das grün-weiße Tor hütete, der erste fußballerische Höhepunkt im Leben eines zehnjährigen Stöpsels. Pünktlich zum Schlusspfiff stürmte ich dann mit sämtlichen zehnjährigen Stöpseln der Stadt das Spielfeld – Bahn frei zur Autogrammjagd!

Die Bremer Stammkräfte waren auf das Getümmel anscheinend gut vorbereitet. Pünktlich zur Platzeroberung war auf dem breiten Feld nicht ein einziger verdammter Superstar mehr aufzutreiben. Allein Jens Todt, knorriger Mittelfeldspieler mit markantem Arnold-Schwarzenegger-Kinn, hatte die Flucht in die Umkleidekabine nicht mehr rechtzeitig angetreten und kämpfte sich mit mürrischer Miene durch das Gewühl.

Noch schlechter erging es zwei Ersatzspielern, die von unzähligen Autogrammjägern noch auf der Ersatzbank umzingelt worden waren. In meiner Verzweiflung – für ein Autogramm von Jens Todt hatte es dann doch nicht gereicht – reckte ich den Auswechselspielern meine Eintrittskarte entgegen. Stolz erzählte ich am nächsten Tag auf dem Pausenhof von meiner Eintrittskarte mit zwei schwungvollen Signaturen. Ein Klassenkamerad erzählte mir daraufhin die Geschichte von einer Handvoll sechsjähriger Stöpsel, die in der Werder-Kabine auf Olli Recks Schoß hatten sitzen dürfen. Ich überlegte, wer die beiden Unterschreiber auf meiner Karte wohl sein könnten. Bis heute habe ich es nicht herausbekommen.

Eigentlich ist das äußerst bedauerlich. Denn beim Autogrammsammeln geht es ja eigentlich darum, mit der eigenhändigen Unterschrift eines Prominenten, und sei sie noch so unleserlich, ein Stück Prominenz in Tinte ewig und immer für sich zu haben. Unbekannte Ersatzspieler genießen dabei freilich einen geringeren Prominenz-Status als ein Oliver Reck.

Das kümmert doch niemanden einen Dreck! Gleiches dachte sich vergangene Woche anscheinend auch ein zehnjähriger Stöpsel, als er den prominenten Alex Rios, schwerverdienenden Slugger der Toronto Blue Jays, auf offener Straße sichtete. Rios hatte seine soziale Pflicht gerade bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung seines Vereins abgeleistet und schien es nun nicht mehr für nötig zu erachten, dem Kleinen einen Autogrammwunsch zu erfüllen. Einen Beobachter brachte Rios‘ Verhalten derart auf die Palme, dass er dem Baseballprofi zurief, gefälligst glücklich zu sein, dass nach seinen fünf Strikeouts im vergangenen Spiel überhaupt noch jemand seine Unterschrift haben wolle. Die anschließende Diskussion zwischen Rios und dem Betrachter sind für zehnjährige Stöpsel nicht mehr geeignet. Nur so viel: „Das kümmert doch niemanden einen Dreck“ (entschärfte Übersetzung), rief Rios dem aufgebrachten Fan immer wieder zu - praktischerweise alles von einem weiteren Betrachter in Wort und Bild festgehalten und auf einer bekannten Videoplattform veröffentlicht.

Womit sich nun aber noch Frage stellt, was Rios mit diesem „Dreck“ wohl meinte. Wohlmöglich forderte der kleine Fan ja gar kein Autogramm von Rios. Vielleicht ging er ja mit Papier und Zettel zu Rios und sagte…

  • „…so ein Blatt ist echt dünn, fast so dünn wie deine Nerven, wenn du in entscheidenden Situationen an den Schlag kommst!“
  • „…guck mal, ich habe nachgerechnet und alles aufgeschrieben, mit deinen 6,4 Millionen Jahresgehalt verdienst du im Schnitt 17,500 Euro pro Tag, 730 Euro pro Stunde, 12 Dollar allein pro Minute, so viel verdient mein Papa grad' mal pro Stunde!"
  • „…hi Alex, kannst du mal kurz ein Foto von meinem Papa und mir machen, er steht da hinten mit seiner Kamera…!?"
  • „…hier, ich hab noch mal eine Slomo-Reihe von einem deiner At-Bats gemacht, dein Trainer hatte Recht, dein Schwung ist ja echt grauenhaft!“
  • „…guck mal, ich habe nachgerechnet und alles aufgeschrieben, dir fehlen nach den fünf Strikeouts heute nur noch 23 Strikeouts, um David Ortiz‘ Schlagdurchschnitt zu erreichen.“


Alex Rios hat sich für sein Verhalten mittlerweile entschuldigt. „Das hätte ich niemals tun sollen, ich habe meine Beherrschung verloren“, sagte Rios. Bleibt nur noch zu klären, welche der oben aufgeführten fünf Aussagen den Outfielder derart zum Kochen brachten.

Vielleicht findet Ihr ja eine Lösung. Das Video zur besseren Analyse gibt es HIER.

 

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Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.