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Sidearm Slider - 16 Millionen Dollar Weihnachtsprämie

 
Autor: Johannes Knuth Dienstag, 20. Oktober 2009
 

sliderDer  unglückliche Spieler aus Übersee, hoch bezahlt aber wenig gemocht von seinen Teamkameraden, hat seinen Klub vorzeitig verlassen – auf den ersten Blick erscheint es so, als hätten die Seattle Mariners ihre Mannschaft von einem Stinkstiefel befreit. Doch das Gegenteil ist der Fall.


buchstabewer glaubt, das penetrante Lächeln der Japaner sei ja sowieso nur aufgesetzt, der sollte sich die folgende Geschichte zu Gemüte führen.

Vor einigen Monaten erhielt unsere Baseballmannschaft Zuwachs aus Fernost. Ein kleiner Japaner stellte sich bei einer Trainingseinheit vor. Nachdem sich der zehnte Spieler erfolglos an der korrekten Aussprache seines Vornamens versucht hatte (Tetsuya), einigten wir uns auf einen Spitznamen (Teddy).

Unser Neuzugang trug eine Jeans mit der gefühlten Kindergröße 146, in der er trotzdem wie ein Hip-Hop-Künstler im Baggy-Stil aussah. Sein Rucksack im Brotdosenformat schien seinen schmächtigen Oberkörper jeden Moment zu Boden zu reißen. Aber Teddy blieb standhaft, lächelte und buchstabierte allen Spielern, die zu spät gekommen waren, seinen Vornamen (natürlich erfolglos).

Teddy war zierlich, aber sein Baseballspiel sah mächtig gut aus.

Vor jedem Wurf vollführte er diesen eigenwilligen Tanz, den fast alle japanischen Baseballer zeigen – Beine und Arme von sich strecken, Schwungbein nach oben schmeißen – ganz so, als wolle er den Baseballgott mit dieser Choreographie um einen guten Wurf bitten (meistens erfolgreich). Sein Handschuh hätte jedem Schülerspieler fürchterliche Fingerschmerzen bereitet, doch Teddy fing einen Ball nach dem anderen im Outfield. Und beim Schlagen stand er wie ein dünner Pinselstrich auf Papier viel zu weit weg von der Platte, um mit Körper und Schläger im letzten Moment doch noch Richtung Schlagmal zu kippen und den Ball (erfolgreich) in allen Winkeln des Feldes zu verteilen.

Putzmunter auf der Bank

Teddy  kam zu fast jedem Spiel. Doch spielen durften andere. Bei einer wichtigen Auswärtspartie in Österreich standen neun völlig übermüdete Spieler auf dem Feld, einer von ihnen hatte nach einer Insektenattacke Medikamente geschluckt, die sein Reaktionsvermögen dramatisch verlangsamten. Teddy war putzmunter, saß trotzdem über die volle Spieldauer auf der Bank. Beim nächsten Duell durfte er einmal an den Schlag. Er schlug einen knackigen Fastball ins Outfield, stolperte beim Umrunden des ersten Kissens, riss sich fast alle Bänder, erreichte aber dennoch das zweite Mal mit einem RBI-Double. Nachdem er später einen Run nachgelegt hatte, nahm er auf der Bank Platz – und blieb bis zu Spielende dort sitzen.

Ein böses Wort habe ich von Teddy bis heute nicht gehört. Persönliche Interessen schienen ihn nicht zu interessieren. Er freute sich, wenn es der Mannschaft gut ging.

Doch mit dieser Einstellung ist er unter seinen Landsleuten nicht allein. Wie das Beispiel Kenji Johjima zeigt.

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Hatte nicht immer gut lachen bei den Mariners: Kenji Johjima (li., mit Landsmann Ichiro Suzuki) in seiner ersten Saison in Seattle                                       CC-BY-ND - Foto von Matt McGee

Kenji Johjima spielt ebenfalls Baseball, er ist Catcher, um genau zu sein. Der Catcher ist der heimliche Kapitän eines jeden Baseballteams. Er navigiert seinen Pitcher durch das Fahrwasser der gegnerischen Schlagmänner, ist für das Feintuning seiner Verteidigung zuständig und hält die feindlichen Läufer in Schach. Dazu muss der Catcher viel reden, vor allem mit seinem Pitcher. Da viele japanische Catcher aber nur ungenügend Englisch parlieren, hatte sich bis vor vier Jahren keiner von ihnen in die amerikanische Profiliga getraut.

Dann kam Johjima. 2005, im Alter von 29 Jahren wagte er als erster japanischer Catcher den Sprung über den Teich, heuerte bei den Seattle Mariners an.

Johjima überzeugte so schnell, dass Seattles Bosse Johjima vor dieser Spielzeit mit 24 Millionen Dollar vor der Nase rumwedelten. Die gehören dir, wenn du noch mal drei Jahre bei uns bleibst, war ihre Botschaft. Johjima blieb, so ein Angebot lehnt man nicht ab.

Wie unter Lothar

Seit ein paar Tagen steht fest, dass der Pionier heimkehrt. Zurück lässt er eine verblüffte Klubführung und 16 Millionen Dollar, die ihm in den nächsten zwei Jahren garantiert gewesen wären. Der Grund ist einfach. Johjima, wie anscheinend so ziemlich alle japanischen Baseballspieler, sind nur zufrieden, wenn es der Mannschaft gut geht. Doch Johjima fühlte sich zuletzt unwohl, einige Pitcher wollten nicht mehr so recht mit ihm zusammearbeiten. Und einer Mannschaft mit einem missmutigen Catcher wird ungefähr so auftreten wie eine Mannschaft, die von Lothar Matthäus trainiert wird.

Der mittlerweile 33-Jährige hätte noch zwei Jahre auf die Zähne beißen, die Kohle kassieren und abhauen können. Stattdessen räumte er freiwillig seinen bequemen Sessel am Kommandostand, damit ein anderer Kapitän die Mariners-Flotte wieder auf Kurs bringt.

Selbstverständlich ist diese Einstellung nicht. Schließlich jubilierte die örtliche Presse nicht umsonst halb verdutzt, halb erfreut, Johjima habe dem Verein ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk bereitet.

Unser Baseballspieler, der Teddy, hat uns neulich übrigens auch ein vorzeitiges Geschenk bereitet. Er möchte nach seiner ersten Saison (ein Hit in zwei At-Bats) gerne noch eine Saison bleiben. Dafür verlängert er eigens sein Studium an der Universität um zwei Semester. Die Stimmung in der Mannschaft habe ihm so gut gefallen.

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Kolumnen

Johannes Knuth

 
johannes65x90Johannes Knuth ist 23 Jahre alt und von Beginn an für Baseballinsider.de tätig. Der Red Sox Fan berichtet über Spiele, aktuelle Ereignisse und beleuchtet die Baseballszene in seiner wöchentlichen Kolumne Sidearm Slider.
Johannes wanderte 2007 vom niedersächsischen Göttingen ins schwäbische Tübingen aus und nahm dort das Studium der Sportpublizistik auf. Nebenbei ist freier Mitarbeiter zweier Lokalzeitungen und bei der Deutschen-Presse-Agentur.