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Im Westen was Neues - Opfern die Giants ihr Ace?

 
Autor: Christoph May Samstag, 16. Mai 2009
 

Der Anti-Modernist

Dieser eher altmodische Ansatz übertragt sich auch auf den Umgang mit seinen Pitchern. Wie kaum ein anderer Manager ist Bochy bereit, seinen Werfern weit mehr als 100 Pitches pro Spiel abzuverlangen. Dabei lautet die Devise: „Früher waren hohe Pitch Counts gang und gäbe – warum sollte ich meine Philosophie den anderen Managern anpassen?“. Es liegt ein wenig Sturheit in diesem Verhalten. Ein Widerwille, sich den Trends der Moderne anzupassen und äußerst vorsichtig mit den eigenen Pitchern umzugehen. Gerade im Umgang mit Tim Lincecum musste sich Bochy im Vorjahr viel Kritik anhören, weil er das Pitching-Phänomen der Giants immer wieder sehr lange auf dem Mound ließ.

Besonders die Entscheidung, Lincecum im September – die Giants lagen zu diesem Zeitpunkt meilenweit abgeschlagen in der National League West – noch 138 Pitches in einem Complete Game werfen zu lassen, brachten Bochy mächtig unter Beschuss. Berechtigterweise wurde meiner Meinung nach die Frage gestellt, ob Bochy den erst 24-jährigen Lincecum in seiner ersten kompletten MLB-Saison nicht besser schützen müsste? Die Fakten gaben zunächst Bochy recht. Lincecum warf die gesamte Saison wie von einem anderen Stern und ließ sich die hohe Belastung nicht anmerken. Am Ende sprang der Cy Young Award für ihn heraus, aber auch gefährliche Indikatoren: mit 227 geworfenen Innings über 80 Innings mehr als noch im Vorjahr, fast 110 Pitches pro Spiel und die meisten Pitcher Abuse Points der gesamten Liga.

Verducci-Effekt oder alles beim Alten?

Kein Wunder, dass Lincecum vor der Saison als mögliches Opfer des Verducci-Effekts gehandelt wurde. Diese Theorie besagt, dass junge Spieler unter 25 Jahren, deren Belastung sich im Vergleich zum Vorjahr erheblich erhöht hat, in der nächsten Saison unter ihren Möglichkeiten bleiben und zudem verletzungsanfälliger sind. Im Zusammenhang mit Lincecum wurde allerdings auch immer noch angeführt, unter anderem von Bruce Bochy, dass Lincecum schlichtweg ein „freak of nature“ sei und solche Gesetzmäßigkeiten auf ihn nicht anzuwenden wären. Beim ersten Blick auf die Statistiken scheint auch alles beim Alten: Lincecum bleibt weiterhin eine Strikeout-Maschine. In diesem Jahr hat er seine Strikeout-Rate sogar erhöht. Außerdem hat sich die Zahl der Walks im Vergleich zu den Strikeouts verringert.

Augenscheinlich also wirklich alles in bester Ordnung. Wer Lincecum gestern Nacht aber gegen die Mets gesehen hat, kann den Statistiken nicht ganz trauen. Auffällig oft verschwand Lincecums Fastball unter der 90-Meilen-Marke, seine Kontrolle war nur mittelmäßig und die Mets-Hitter machten oft gute Kontakte. Zwar waren sie trotz ihrer zehn Hits weit davon entfernt, Lincecum die Bälle um die Ohren zu schlagen. Doch ein Tim Lincecum in Cy-Young-Form stand an diesem Abend nicht auf dem Mound. Ein möglicher Grund für das Schwächeln von Tiny Tim: er hat in diesem Jahr beinahe zwei Meilen bei seinem Fastball verloren, der von 94 auf etwa 92 Meilen im Durchschnitt gesunken ist. Parallel dazu stieg der Batting Average der Gegner um fast 40 Punkte auf .260 an. Die Stichprobe ist noch recht klein, doch ein Warnzeichen sind diese Daten allemal.

Mehr Schonzeit für Lincecum nötig

Doch was hat das Ganze mit Bruce Bochy zu tun? Nun, selbst Bochy dürfte aufgefallen sein, dass Lincecum ein wenig von seiner Dominanz verloren hat – natürlich ausgenommen, er pitcht gegen die D-Backs. Gerade in dieser Phase müsste er besonders vorsichtig mit Lincecum ungehen. Ihn vielleicht sogar etwas schonen und Lincecums Arbeitstag auch schon einmal nach 95 Pitches beenden. Mit einigen etwas weniger stressigen Auftritten würde vielleicht auch wieder die Geschwindigkeit seines Fastballs zurückkommen, die ihn zu dem wirklich dominanten Pitcher macht, der er 2008 war.

Stattdessen tut Bochy aber genau das Gegenteil und zieht sich damit den Unmut der Giants-Fans zu. Obwohl Bochy nach dem Spiel gegen die Mets eingestehen musste, dass Lincecum an diesem Abend nicht seinen besten „Stuff“ hatte, schickte er Lincecum nach 104 Pitches im siebten Inning erneut auf den Mound. Das Resultat: Lincecum erlaubt zwei Baserunner, wird nach 114 Pitches aus dem Spiel genommen und der Bullpen verliert das Spiel.

Natürlich ist es schwer nachzuweisen, ob Lincecums Schwächeln wirklich mit den vielen Pitches zu tun hat, die er Woche für Woche werfen muss. Doch so lange nicht das Gegenteil bewiesen ist, sollte Bochy die Vernunft walten lassen und seinem Ace einige Verschnaufpausen mehr gönnen. Momentan opfert Bochy den langfirstigen Erfolg von Tim Lincecum dem kurzfristigen Erfolgsstreben der Giants. Für einen Manager, der wahrscheinlich keinen neuen Vertrag bekommt, wenn er in diesem Jahr nicht gewinnt, mag dies verständlich sein. Ihm muss allerdings auch klar sein, dass Tim Lincecum das Wertvollste ist, das die Giants momentan besitzen. Mit diesem Pitcher auch nur ansatzweise ein Risiko einzugehen, das ihm auf Dauer schaden könnte, ist ein grobes Fehlverhalten des Managers. 

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