Im Westen was Neues - Der neue Bonds
Wie aus dem Nichts fegte gestern ein medialer Hurricane über die National League West, oder genauer gesagt: über Manny Ramirez und seine Los Angeles Dodgers, hinweg. Der Auslöser des Sturms: zum ersten Mal wurde ein echter MLB-Superstar für die Einnahme verbotener Substanzen belangt. Bei so einer Monstermeldung war es auch nicht verwunderlich, dass eine andere Entwicklung in der National League West, die Entlassung von Diamondbacks-Manager Bob Melvin, im Vergleich kaum mehr als ein laues Lüftchen war. Zu überraschend, zu sensationell und natürlich auch zu erschreckend kam die Manny-Nachricht daher. Bedeutend ist der Fall gleich in dreierlei Hinsicht: zunächst für den Sportler Manny Ramirez, dann für die Los Angeles Dodgers und schließlich auch für den gesamten Baseballsport.
Beginnen wir diese Analyse auf der Manny-Ebene.
Eines kann man jetzt schon sagen: Manny Ramirez steht nach dem Ende
seiner 50-Spiele-Sperre eine schwere Zeit bevor. Denn sobald er wieder
auf dem Platz steht, darf er das legitime Erbe von Barry Bonds als
unbeliebtester Spieler des Sports annehmen. Ich bin mir sehr sicher,
dass Ramirez in Auswärtsstadien in Zukunft genauso viel einstecken muss
wie Bonds zu seiner Zeit. Dass man Manny dafür nicht bemitleiden muss,
dürfte auch klar sein. Denn er hat sich mit dieser Geschichte einen
Strick gedreht, aus dem er sich in seiner ganzen Karriere nicht mehr
befreien wird. Ich sehe keinen Weg, wie er jemals plausibel die
Einnahme eines weiblichen Fruchtbarkeitshormons, das häufig nach der
Beendigung eines Steroid-Zyklus' eingenommen wird, erklären will. Seine
fadenscheinige Erklärung, die einem windigen Doktor die Schuld in die
Schuhe schiebt, macht die Sache sogar noch schlimmer.
Letztlich sind es weniger die 7,7 Millionen US-Dollar weniger Gage, die
Ramirez dauerhaft schmerzen werden, denn vielmehr der enorme
Image-Verlust, den er sich durch diese Dummheit selbst zugefügt hat.
Genauso wie bei Bonds und den anderen “Helden” der Steroid-Ära wird
auch hinter Ramirez' Namen bald das berühmte *-Symbol zu sehen sein.
Obwohl es nur eine einzelne Doping-Überführung gibt, wird nun, wie
immer in solchen Fällen, natürlich auch das Gesamtkunstwerk Manny
Ramirez mitsamt seiner 533 Home Runs, 1745 RBI und dem Karriere-Average
von .315 angezweifelt. Natürlich ist das in gewisser Weise ungerecht.
Doch verdient ein (vermutlicher) Betrüger eine absolut gerechte
Behandlung?
Natürlich ist nicht nur Manny Ramirez persönlich sondern auch sein Team schwer betroffen. Betreten wir nun die Dodgers-Ebene.
Ganz nüchtern betrachtet verlieren die Dodgers mit Manny ihren besten
Hitter für immerhin ein Drittel der Saison. Wie man in den ersten
Wochen wieder beobachten konnte, hat Manny Ramirez das gesamte Team
auf eine neue Stufe geführt. Das beste Beispiel dafür ist Andre Ethier,
der durch die Präsenz von Manny Ramirez einen kometenhaften Aufstieg
erlebt hat. Zweifellos wird die offensive Leistung des Teams nun einen
Abfall erleben. Doch sollten Dodger-Fans, was die sportliche Seite
angeht, nicht in lautes Wehklagen verfallen. Der Vorsprung in der
Division ist komfortabel (5 ½ Spiele vor San Francisco). Und selbst
ohne Manny dürfte die Mannschaft auf dem mittelmäßigen Niveau der
anderen Teams mitspielen können.
Vielleicht sogar ermöglichen ihnen die
über sieben Millionen Dollar, die sie durch Mannys Suspendierung
zusätzlich in den Kassen haben, sich im Sommer einen Pitcher zu
ergattern, der bisher außerhalb ihres Budget-Rahmens lag. Was man
außerdem nicht vergessen darf: Manny kehrt bereits Anfang Juli wieder
zurück und steht dem Team damit noch die restlichen drei Saisonmonate
zur Verfügung. Die Chancen auf den Divisionstitel stehen also weiterhin
sehr gut.
Viel schwerer als der sportliche Part wiegt die psychologische Seite.
Die absolute Hochstimmung, die Los Angeles seit der Ankunft des
Baseball-Messias' im letzten Sommer erfasst hat, dürfte nun erst einmal
vorüber sein. Und das Gefühl der Unbesiegbarkeit gleich mit. Innerhalb
nur eines Tages hat sich Manny Ramirez vom großen Glücksfall zum
unvorstellbaren PR-Desaster der Dodgers entwickelt. Die
Marketing-Strategie des Clubs war in dieser Saison so auf eine Person
zugeschnitten, dass mich selbst eine Umbenennung der Franchise in
“Ramirez Dodgers” nicht mehr gewundert hätte.
Nun ist die “Mannywood”-Sektion im Left Field, die zur besonderen Huldigung des Superstars ins Leben gerufen wurde, bereits geschlossen. Zudem bieten die Dodgers den Umtausch aller Manny-Fanklamotten an. Ob man die neue Platz-Kapazität des Dodger Stadium von 57 099 auch rückgängig macht, ist noch nicht sicher. Die Flitterwochen zwischen Manny Ramirez und Los Angeles sind auf jeden Fall beendet. Es wird spannend sein zu beobachten, wie die Dodgers-Fans nach seiner Rückkehr auf den gefallenen Superstar reagieren.
Selbstverständlich betrifft eine solche Meldung den gesamten Sport. Ein kurzer Abstecher auf die Baseball-Ebene ist daher unvermeidlich.
Das Schlimme an der Suspendierung von Manny Ramirez ist die Tatsache,
dass es einen Spieler erwischt hat, den man nicht als Dopingsünder
vermutet hätte. Das vergrößert natürlich die Schockwellen. Bisher war
der allgemeine Glaube, dass Manny zwar ein ziemlicher durchgeknallter
Typ sei, mit Doping aber nicht viel am Hut habe. (Zugegeben, Jose
Canseco äußerte vor einem Monat einen vagen Verdacht. Doch den hat
bisher, vielleicht zu Unrecht, keiner so wirklich ernst genommen). Nun
wurde aus einem der größten Stars der Liga ein Dopingsünder, was
natürlich wieder auf das Image des ganzen Sports abfärbt. Für die Fans
der Divisions-Rivalen, die gestern sehr hämisch auf die Nachricht
reagierten, war gestern vielleicht ein guter Tag, weil die Chancen
ihres Teams kurzfristig wieder gestiegen sind. Auf lange Sicht wird
sich aber zeigen, dass es einer der schlechteren Momente für diesen
Sport war.
Yankee-Stadium (oder besser A-Rod) hinzuzieht, durchlebt die MLB derzeit wirklich harte Zeiten.
Doping (zumndest bei Top-Stars). Da werden immer alle Karriereleistungen nicht nur in Frage
gestellt, sondern gleich aberkannt; der sympathische Sportler wird zum gerissenen Gangster, der
allen aus niedrigsten Beweggründen etwas vorgespielt hat und in aller Welt nie mehr salonfähig ist.
Schon im Radsport kann ich es nicht mehr hören, wenn vor und während eines Tour de France-Rennens im
öffentlich-rechtlichen Fernsehen nur über den allerneuesten Doping-Fall berichtet wird, und wenn es
keinen gibt, dann halt über die Historie der Doping-Skandale seit 1588. Am Ende wird die
Rechtmäßigkeit des Siegers sch...
Christoph May
Christoph May ist 21 Jahre alt und studiert in Mainz Publizistik, Amerikanistik und Politikwissenschaft. Bei Baseballinsider.de führt er die wöchentliche Kolumne Im Westen was Neues, die aktuelle Themen aus der National League West behandelt. Der langjährige Fan der San Francisco Giants schreibt ebenfalls für eine regionale Tageszeitung und spielt selbt begeistert Baseball.



