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Im Westen was Neues - Der neue Bonds

 
Autor: Christoph May Freitag, 08. Mai 2009
 

dodgers_small.gifWie aus dem Nichts fegte gestern ein medialer Hurricane über die National League West, oder genauer gesagt: über Manny Ramirez und seine Los Angeles Dodgers, hinweg. Der Auslöser des Sturms: zum ersten Mal wurde ein echter MLB-Superstar für die Einnahme verbotener Substanzen belangt. Bei so einer Monstermeldung war es auch nicht verwunderlich, dass eine andere Entwicklung in der National League West, die Entlassung von Diamondbacks-Manager Bob Melvin, im Vergleich kaum mehr als ein laues Lüftchen war. Zu überraschend, zu sensationell und natürlich auch zu erschreckend kam die Manny-Nachricht daher. Bedeutend ist der Fall gleich in dreierlei Hinsicht: zunächst für den Sportler Manny Ramirez, dann für die Los Angeles Dodgers und schließlich auch für den gesamten Baseballsport.

 

Beginnen wir diese Analyse auf der Manny-Ebene.


Eines kann man jetzt schon sagen: Manny Ramirez steht nach dem Ende seiner 50-Spiele-Sperre eine schwere Zeit bevor. Denn sobald er wieder auf dem Platz steht, darf er das legitime Erbe von Barry Bonds als unbeliebtester Spieler des Sports annehmen. Ich bin mir sehr sicher, dass Ramirez in Auswärtsstadien in Zukunft genauso viel einstecken muss wie Bonds zu seiner Zeit. Dass man Manny dafür nicht bemitleiden muss, dürfte auch klar sein. Denn er hat sich mit dieser Geschichte einen Strick gedreht, aus dem er sich in seiner ganzen Karriere nicht mehr befreien wird. Ich sehe keinen Weg, wie er jemals plausibel die Einnahme eines weiblichen Fruchtbarkeitshormons, das häufig nach der Beendigung eines Steroid-Zyklus' eingenommen wird, erklären will. Seine fadenscheinige Erklärung, die einem windigen Doktor die Schuld in die Schuhe schiebt, macht die Sache sogar noch schlimmer.

Letztlich sind es weniger die 7,7 Millionen US-Dollar weniger Gage, die Ramirez dauerhaft schmerzen werden, denn vielmehr der enorme Image-Verlust, den er sich durch diese Dummheit selbst zugefügt hat. Genauso wie bei Bonds und den anderen “Helden” der Steroid-Ära wird auch hinter Ramirez' Namen bald das berühmte *-Symbol zu sehen sein. Obwohl es nur eine einzelne Doping-Überführung gibt, wird nun, wie immer in solchen Fällen, natürlich auch das Gesamtkunstwerk Manny Ramirez mitsamt seiner 533 Home Runs, 1745 RBI und dem Karriere-Average von .315 angezweifelt. Natürlich ist das in gewisser Weise ungerecht. Doch verdient ein (vermutlicher) Betrüger eine absolut gerechte Behandlung?


Natürlich ist nicht nur Manny Ramirez persönlich sondern auch sein Team schwer betroffen. Betreten wir nun die Dodgers-Ebene.


Ganz nüchtern betrachtet verlieren die Dodgers mit Manny ihren besten Hitter für immerhin ein Drittel der Saison. Wie man in den ersten Wochen wieder beobachten konnte, hat Manny Ramirez  das gesamte Team auf eine neue Stufe geführt. Das beste Beispiel dafür ist Andre Ethier, der durch die Präsenz von Manny Ramirez einen kometenhaften Aufstieg erlebt hat. Zweifellos wird die offensive Leistung des Teams nun einen Abfall erleben. Doch sollten Dodger-Fans, was die sportliche Seite angeht, nicht in lautes Wehklagen verfallen. Der Vorsprung in der Division ist komfortabel (5 ½ Spiele vor San Francisco). Und selbst ohne Manny dürfte die Mannschaft auf dem mittelmäßigen Niveau der anderen Teams mitspielen können.

Vielleicht sogar ermöglichen ihnen die über sieben Millionen Dollar, die sie durch Mannys Suspendierung zusätzlich in den Kassen haben, sich im Sommer einen Pitcher zu ergattern, der bisher außerhalb ihres Budget-Rahmens lag. Was man außerdem nicht vergessen darf: Manny kehrt bereits Anfang Juli wieder zurück und steht dem Team damit noch die restlichen drei Saisonmonate zur Verfügung. Die Chancen auf den Divisionstitel stehen also weiterhin sehr gut.

Viel schwerer als der sportliche Part wiegt die psychologische Seite. Die absolute Hochstimmung, die Los Angeles seit der Ankunft des Baseball-Messias' im letzten Sommer erfasst hat, dürfte nun erst einmal vorüber sein. Und das Gefühl der Unbesiegbarkeit gleich mit. Innerhalb nur eines Tages hat sich Manny Ramirez vom großen Glücksfall zum unvorstellbaren PR-Desaster der Dodgers entwickelt. Die Marketing-Strategie des Clubs war in dieser Saison so auf eine Person zugeschnitten, dass mich selbst eine Umbenennung der Franchise in “Ramirez Dodgers” nicht mehr gewundert hätte.

Nun ist die “Mannywood”-Sektion im Left Field, die zur besonderen Huldigung des Superstars ins Leben gerufen wurde, bereits geschlossen. Zudem bieten die Dodgers den Umtausch aller Manny-Fanklamotten an. Ob man die neue Platz-Kapazität des Dodger Stadium von 57 099 auch rückgängig macht, ist noch nicht sicher. Die Flitterwochen zwischen Manny Ramirez und Los Angeles sind auf jeden Fall beendet. Es wird spannend sein zu beobachten, wie die Dodgers-Fans nach seiner Rückkehr auf den gefallenen Superstar reagieren.


Selbstverständlich betrifft eine solche Meldung den gesamten Sport. Ein kurzer Abstecher auf die Baseball-Ebene ist daher unvermeidlich.


Das Schlimme an der Suspendierung von Manny Ramirez ist die Tatsache, dass es einen Spieler erwischt hat, den man nicht als Dopingsünder vermutet hätte. Das vergrößert natürlich die Schockwellen. Bisher war der allgemeine Glaube, dass Manny zwar ein ziemlicher durchgeknallter Typ sei, mit Doping aber nicht viel am Hut habe. (Zugegeben, Jose Canseco äußerte vor einem  Monat einen vagen Verdacht. Doch den hat bisher, vielleicht zu Unrecht, keiner so wirklich ernst genommen). Nun wurde aus einem der größten Stars der Liga ein Dopingsünder, was natürlich wieder auf das Image des ganzen Sports abfärbt. Für die Fans der Divisions-Rivalen, die gestern sehr hämisch auf die Nachricht reagierten, war gestern vielleicht ein guter Tag, weil die Chancen ihres Teams kurzfristig wieder gestiegen sind. Auf lange Sicht wird sich aber zeigen, dass es einer der schlechteren Momente für diesen Sport war.

 

Kommentare
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Johannes
(Publisher) 08-05-2009 19:46
Klasse Analyse und sehr guter Schluss Christoph. Wenn man auch noch die Sturmböen über dem
Yankee-Stadium (oder besser A-Rod) hinzuzieht, durchlebt die MLB derzeit wirklich harte Zeiten.
 
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Willitouch
(Registered) 12-05-2009 15:05
Ich finde, besonders wir in Deutschland reagieren viel zu heftig, dramatisch und hysterisch auf
Doping (zumndest bei Top-Stars). Da werden immer alle Karriereleistungen nicht nur in Frage
gestellt, sondern gleich aberkannt; der sympathische Sportler wird zum gerissenen Gangster, der
allen aus niedrigsten Beweggründen etwas vorgespielt hat und in aller Welt nie mehr salonfähig ist.



Schon im Radsport kann ich es nicht mehr hören, wenn vor und während eines Tour de France-Rennens im
öffentlich-rechtlichen Fernsehen nur über den allerneuesten Doping-Fall berichtet wird, und wenn es
keinen gibt, dann halt über die Historie der Doping-Skandale seit 1588. Am Ende wird die
Rechtmäßigkeit des Siegers sch...
 
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Kolumnen - Im Westen was Neues

Christoph May

 
christoph65x90Christoph May ist 21 Jahre alt und studiert in Mainz Publizistik, Amerikanistik und Politikwissenschaft. Bei Baseballinsider.de führt er die wöchentliche Kolumne Im Westen was Neues, die aktuelle Themen aus der National League West behandelt.
Der langjährige Fan der San Francisco Giants schreibt ebenfalls für eine regionale Tageszeitung und spielt selbt begeistert Baseball.