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Strasburg is oKKKKKKKKKKKKKK

 
Autor: Michael Koch Mittwoch, 09. Juni 2010
 

Ich bin 29, Single, und habe plötzlich einen Kinderwunsch. Denn von dieser Nacht will ich meinen Enkeln erzählen. Möglichst bald.

Die Sportszene des District of Columbia ist derzeit dem größten Wandel seit Jahrzehnten ausgesetzt. Washington ist eine Stadt, die ihr Football-Team liebt und 2005 dankbar die Rückkehr des Baseball in Gestalt der Nationals gefeiert hat. Doch nennenswerte Erfolge blieben aus, seit die Redskins 1991 zuletzt die Super Bowl gewinnen konnten. Schlimmer noch: eine ganze Generation von Hauptstädtern musste ohne einen Superstar in den Reihen ihrer Mannschaften auskommen. Sicher, Michael Jordan gab ein kurzes Intermezzo bei den Wizards und Alexander Ovechkin hat zweifellos die Persönlichkeit und spielerischen Fähigkeiten, die Massen zu begeistern, doch blieb „His Airness“ in den Herzen der Menschen stets ein Chicago Bull und Ovechkin spielt, nun ja, Hockey. In ihrer Verzweiflung wandten sich die Washingtoner den Orioles im nahegelegenen Baltimore zu. Aber keiner hätte wohl ernsthaft Cal Ripken Jr. als einen der Ihren bezeichnet.

Und heute? Innerhalb weniger Monate gelang es DC, Donovan McNabb als Quarterback zu verpflichten, sich den ersten Pick im Baseball- und Basketball-Draft zu sichern (Bryce Harper und wahrscheinlich John Wall) und, gestern Abend, ein Jahrhunderttalent auf den Pitchers Mound an den Navy Yards zu schicken. Schon in den Wochen zuvor konnte man im Nationals Park mehr Stephen Strasburg-T-Shirts als Ryan Zimmerman-Trikots auf den Schultern der zumeist wenigen Fans sehen. Der 8. Juni 2010 sollte nicht weniger werden als ein Meilenstein in der Geschichte des Franchises, wenn nicht gar der gesamten Sportart.

Strasburg_2
Stephen Strasburg wird vorgestellt

Es ist mit Worten kaum zu beschreiben, wie die Vorfreude auf Strasburgs ersten Start seit Wochen die amerikanische Hauptstadt elektrisierte. Die ohrenbetäubenden Buh-Rufe der Stadionbesucher nach dem ersten Pitch, den der Homeplate Umpire (völlig zurecht) als Ball wertete, waren vielleicht das deutlichste Anzeichen der unermesslichen Erwartungen, die die Nats-Fans in ihren Rookie gesetzt hatten. Schon zwei Stunden nach Ankündigung des Debüts war der ansonsten spärlich besuchte Ballpark ausverkauft – und ich war einer der gut 40.000 Glücklichen, die eine Karte ergattert hatten.

Hier im sechsten Stock der Library of Congress (Madison Building), wo ich diese Zeilen schreibe, kann ich mit einem Blick nach Süden durch den Regen des heutigen Tages nur schemenhaft die Stätte des Triumphs erahnen. Gestern dagegen strahlte die Sonne, als das neue Wunderkind des Baseballs unter Standing Ovations erstmals zum Werferhügel schritt. Später sollte Strasburg erzählen, er könne sich nur noch an den ersten Pitch erinnern, alles andere sei nur verschwommen in seiner Erinnerung. Seltsam: mir geht es ganz genau so. Trotzdem will ich versuchen, einige Eindrücke und Gefühle zu schildern.

Strasburg_3
Stephen Strasburgs erster Major League Pitch

Strasburg hatte zunächst Probleme, die Strikezone zu treffen und entging nur mit viel Glück einem Hit des ersten Batters, als Andrew McCutchen einen Linedrive direkt in Richtung Shortstop feuerte. Auch im zweiten At-Bat standen bereits drei Balls zu Buche, bevor ein Groundout das Duell beendete. Danach war es das Publikum, das Strasburg mit bedingungsloser Unterstützung zu seinem ersten Strikeout brüllte. Nummer-drei-Hitter Lastings Milledge hatte sich bei seinem kurzen Engagement in DC 2009 nicht gerade viele Freunde unter den Nationals-Fans gemacht („Lastings, are you in the Hall of Fame yet?“ war nur einer der zahlreichen hämischen Kommentare, die aus meinem Block Richtung Homeplate schallten). Als er mit drei aufeinanderfolgenden Strikes auf die Bank geschickt wurde, explodierte die Stimmung im Stadion – nicht zum letzten Mal an diesem Abend.

Ich will aber nicht nur von den positiven Momenten des Spiels berichten. Mindestens genauso beeindruckend wie der Jubel war die ungläubige, verwirrte Stimmung, als Delwyn Youngs Home Run die Pirates zwischenzeitlich in Führung brachte. So dominant hatte Strasburg gepitcht (6 Ks in den ersten drei Innings), dass die Möglichkeit einer Niederlage einfach unglaublich – und unfair – erschien. Gemeinsam mit ganz Natstown fühlte ich mich eines perfekten Abends beraubt. Am Ende waren es Ryan Zimmerman, Adam Dunn und Josh Willingham, die mit ihren langen Bällen den Abend retteten.

Oh, und natürlich Stephen Strasburg himself, der seine letzten sieben Batter mit Strikeouts (insgesamt 14) erledigte. Das Adrenalin, das während des siebten Innings durch meine Adern als Zuschauer strömte, habe ich die ganze Nacht hindurch gespürt. Wahrscheinlich habe ich nicht viel mehr geschlafen als der Debütant selbst. Doch das war es zweifellos wert. Nicht oft ist man vor Ort, wenn Sportgeschichte geschrieben wird. In einer Nacht wie dieser werden Zuschauer zu Fans. Die Nationals werden ab sofort immer einen Platz in meinem Herzen haben. Jetzt geht es aber erst einmal zu meiner ersten großen Liebe: Kommenden Mittwoch bin ich in Fenway. Auch das wird hoffentlich einmal meine Enkel interessieren.

Fotos: © Michael Koch

Kommentare
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Johannes
(Publisher) 09-06-2010 22:06
Sehr schön Michael, und du wirst sehen, sobald die eine Liebe aus den Augen ist, zählt nur noch die
andere oder neue. B)
 
Michael
(Registered) 09-06-2010 22:24
BTW: Den ersten Pitch gab Ken Burns, Regisseur der wundervollen Baseball-Doku ab. Ungemein passend,
dass der bekannteste Baseball-Historiker an diesem historischen Event teilnahm.

Ich habe noch viele andere Fotos von gestern Abend. Darunter richtig gute. Aus purem Zufall habe ich
z.B. genau in der Millisekunde abgedrückt, als Strasburg die Shaving Cream ins Gesicht kriegte. Ihr
findet das Webalbum unter http://picasaweb.google.de/116375964260178535342/Strasburgs1
stStart080610#
 
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Tulo
(Registered) 10-06-2010 15:32
Hey Michael, danke für das Webalbum...
 
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Bijan
(Registered) 13-06-2010 21:39
Danke Michi! Guter Artikel!
 
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Michael Koch

 
michael65x90 Michael Koch ist Baseballinsider.de-Redakteur der ersten Stunde und den Lesern sicherlich am besten als Gastgeber des Baseballinsider-Reports bekannt, den er gemeinsam mit Thomas Kuhnert moderiert.
Im richtigen Leben schreibt er an seiner Doktorarbeit in Geschichte, in der er sich mit der Funktion von Feindbildern im amerikanischen Bürgerkrieg beschäftigt. Michael studierte mitten im Red Sox-verrückten Neu England, als Boston 2004 das größte Comeback aller Zeiten gelang, und verliebte sich auf Anhieb in den Baseball-Sport und das Team aus Massachusetts. Seitdem trägt er nicht nur stolz sein originales „Reverse the Curse“-T-Shirt, sondern soll in seiner Wahlheimat Tübingen auch schon mit einem Bat in der Hand gesehen worden sein.