Im Westen was Neues - Der ungeliebte Workaholic tritt ab

Mit Jeff Kent hat heute ein Spieler seinen Rücktritt angekündigt, der die National League im vergangenen Jahrzehnt wie kaum ein anderer Akteur geprägt hat. Fällt der Name Jeff Kent, denkt man an einen National League MVP, einen fünffachen All-Star und den Second Baseman mit den meisten Home Runs in der Geschichte des Sports. Beinahe im nächsten Gedankengang erinnert man sich aber auch an einen Spieler, der meist als schwieriger Typ und übellauniger Sturkopf beschrieben wurde.
Wer es gut mit Jeff Kent meint, wird diesen Artikel mit seinen zahlreichen Ehrungen, seinen großen Jahren bei den Giants und seiner Leidenschaft für den Baseballsport beginnen. Wer es weniger gut mit dem 40-jährigen Kalifornier meint, erzählt die vielen negativen Geschichten, die ihn als Einzelgänger, schwer zugänglichen Teamkollegen und Ausgangspunkt vieler Scherereien dargestellt haben. An einem Tag, an dem ein zweifellos großer Baseballspieler sein Karriereende angekündigt hat, halte ich es für angemessen, mit ersterem Teil zu beginnen.
Der Einsatz stimmte immer
Den bemerkenswerten Arbeitsethos, den Kent immer an den Tag gelegt hat, lehrte ihm wohl sein Vater, ein Motorradpolizist, der schon vom jungen Jeff Kent größtmöglichen Einsatz erwartete. Am College an der University of California war Kent für seinen Ehrgeiz und seine rigorose Arbeitseinstellung bekannt. Dieses Markenzeichen sollte sich durch seine ganze Karriere ziehen und kann ohne Frage als entscheidender Faktor für seinen späteren Erfolg bezeichnet werden. Obwohl er nicht mit dem Talent vieler seiner späteren Mitspieler gesegnet war, gelangte er durch großen Fleiß und Akribie zu beträchtlichen Ehren.
Kent gelang es, sich im Laufe der Jahre stetig zu verbessern. Den Höhepunkt dieser langsam aber sicher ansteigenden Karrierekurve erreichte er im Jahr 2000, als er zum MVP der National League gewählt wurde. Man könnte Kent als einen „late bloomer“ bezeichnen. Kein Wunderkind, sondern vielmehr der Typ Spieler, der erst in seinen 30ern die Früchte seiner harten Arbeit ernten kann.
Die besten Jahre
Der entscheidende Moment in Kents Karriere, der seinen Aufstieg zum Superstar begründen sollte, war sein Wechsel nach San Francisco. Es ist beinahe symptomatisch, dass ihm weder die Mets-Fans eine Träne nachweinten, noch die Giants-Fans ihn besonders euphorisch empfingen, gab man im Tausch für Kent doch den beliebten Matt Williams ab. Kent war im Laufe seiner Karriere höchstens akzeptiert und geschätzt, niemals aber beliebt. Für Giants-Manager Brian Sabean erwies sich der Tausch nach zuerst harscher Kritik jedoch als Glücksfall. Kent sollte die besten Jahre seiner Karriere in San Francisco erleben, wo er 2002 nur haarscharf an einem World Series-Ring vorbeischrammte.
Bei den Giants profitierte er von einem Teamkollegen, mit dem ihm wohl so etwas wie eine Hassliebe verband: Barry Bonds. Liebe deshalb, weil sie beide das offensiv wohl gefährlichste Tandem der National League bildeten und sich gegenseitig zu Höchstleistungen pushten. Hass, nun ja, sie mochten sich einfach nicht, was Berichte über zahlreiche Dugout-Konfrontationen zeigen. Ein Grund für den Ärger zwischen den beiden könnte Kents strikte Ablehnung von Steroiden sein, zu denen Bonds ja bekanntlich eine eher lockere Einstellung hatte.
Karriereende bei den Dodgers
Wie so ziemlich jedes seiner Teams verließ Kent die Giants in Ungnade, nachdem er gegen seine Vertragsklauseln verstieß und sich einen Motorradunfall leistete. Nach zwei Jahren in Houston kam er schließlich in die National League West zurück, wo er bei den Los Angeles Dodgers die letzten vier Jahre seiner Karriere verbrachte. Zwar konnte er nicht mehr an alte Giants-Tage anknüpfen, was auch mit seiner nachlassenden Physis zu tun hatte, doch blieb er auch in L.A. ein gefürchteter Hitter. Ihm gelangen in seiner Zeit bei den Blauen 73 Home Runs. Laut Jon Weisman zählt er zu den besten Second Baseman, die der Verein jemals auf das Feld schickte. Und das, obwohl er erst mit 37 Jahren zu den Dodgers kam.
Ein wieder einmal unrühmliches Kapitel in seiner
Karriere wurde gleich in seinem ersten Dodgers-Jahr geöffnet. Es kam
wieder zu einer Konfrontation mit einem Mitspieler, der diesmal Milton
Bradley hieß. Bradley warf Kent vor, nicht zu wissen, wie man mit
schwarzen Mitspielern umgehen müsse und beschuldigte ihn daraufhin als
Rassist. Da Bradley natürlich auch kein unbeschriebenes Blatt ist was
Dugout-Querelen angeht, muss man mit Schuldzuweisungen hier aber
vorsichtig sein.
Dass Kent auch vor Legenden nicht zurückschreckt, bewies er im letzten Sommer. Als die Dodgers-Institution Vin Scully anmerkte, dass Kents Leistungen von Manny Ramirez beflügelt würden, fühlte er sich wohl an alte Aussagen, die Barry Bonds die gleiche Fähigkeit attestierten, erinnert. Kent beklagte sich fürchterlich und äußerte den Vorwurf, dass Vin Scully „zu viel redet“. Viel redet Vin Scully auf jeden Fall. Aber die Behauptung, dass die Dodgers-Legende zu viel rede, grenzte an Blasphemie. Da war er wieder, der grantige und niemals kompromissbereite Jeff Kent, der immer das sagt, was er denkt und keine Rücksicht auf andere nimmt.
Jeff Kent: Ein Hall of Famer?
Was bleibt von Jeff Kent? Sicherlich war er einer der besten Spieler, die je an der Second Base gestanden haben. Er hat neue Standarts für diese Position gesetzt, indem er den Typus Power-Hitter auch dort etablierte. Man kann Kent daher als einen der Vorgänger von Chase Utley, Brandon Phillips und Co. bezeichnen, die den modernen Second Baseman verkörpern. Von den Statistiken, die er vorweisen kann, ist er ein sicherer Hall of Famer. Er hat 74 Home Runs mehr als Ryne Sandberg vorzuweisen, und dazu noch einen besseren Karrieredurchschnitt. Sandberg hat es in die Hall of Fame geschafft, bei Kent sollte es im Normalfall ebenfalls zu einem Ticket für Cooperstown reichen. Dabei kann er aber nur darauf hoffen, dass er neben den Fans, Teamkollegen und Managern nicht auch noch bei den amerikanischen Journalisten unbeliebt ist.
"weichen" Faktoren wie der Persönlchkeit wählen.
dürften die "weichen" Faktoren keine so große Rolle mehr spielen.
noch rechtzeitig..
karrierelangen Eindruck vollständig zu korrigieren.
Mein Kommentar war im Übrigen auch nicht ganz so ernst zu nehmen. Aber es war schon sehr
interessant, wie ein sonst so missmutiger Spieler auf einmal wirkt, wenn er seine Karriere beendet.
Christoph May
Christoph May ist 21 Jahre alt und studiert in Mainz Publizistik, Amerikanistik und Politikwissenschaft. Bei Baseballinsider.de führt er die wöchentliche Kolumne Im Westen was Neues, die aktuelle Themen aus der National League West behandelt. Der langjährige Fan der San Francisco Giants schreibt ebenfalls für eine regionale Tageszeitung und spielt selbt begeistert Baseball.


