Im Westen was Neues - Dodgers oder D-Backs?

Die MLB-Saison wird häufig mit einem Marathonlauf verglichen. Umso
erstaunlicher ist es, wie schnell dann so ein Spieljahr doch vergeht.
Der Juli neigt sich unausweichlich dem Ende entgegen, und schon sind
nur noch etwas mehr als zwei Monate in der regulären Saison zu spielen.
Es gibt viele spannende Duelle um die Playoffplätze in beiden Ligen. In
der AL East beispielsweise hat sich ein hochklassiges Duell um den
Divisionstitel zwischen gleich drei Teams (Rays, Red Sox und Yankees)
entwickelt. Auch in der NL West geht es eng zur Sache – nur leider
etwas weniger hochkarätig.Uns erwartet dennoch ein interessanter
Endspurt zwischen den Arizona Diamondbacks und den Los Angeles Dodgers.
Vielleicht können die Colorado Rockies ebenfalls noch in den Kampf um
die Divisions-Krone eingreifen. Dank der offensive Explosion der
letzten Tage hat sich deren Playoff-Tor zumindest wieder einen Spalt
breit geöffnet für. Ob die Rockies aber wieder im letzten Saisondrittel
zu echten Gebirgsjägern werden, halte ich für sehr unwahrscheinlich.
Darum soll es im heutigen Playoff-Check auch nur um die Diamondbacks
und Dodgers gehen. Wer hat die besseren Chancen, ein Ticket für die
Postseason zu lösen? Vielleicht gibt uns diese Kolumne ja Aufschluss
darüber.
Offense
Produktivität verbesserungswürdig! Dieses Zeugnis in puncto offensiver Stärke muss man beiden Teams ausstellen. Nach einem wahnsinnig guten April folgten für die Diamondbacks wahnsinnig schlechte weitere Monate, so dass sie inzwischen nur noch Platz 27 in der Kategorie Schlagdurchschnitt belegen. Nur wenige Plätze davor liegen die Dodgers. In den Leistungen der jungen Spieler, die bei den Dodgers deutlich besser spielen, sehe ich aber einen wichtigen Vorteil für die Blauen. Besonders Chris Young (.234 Avg.) muss man auf Seiten der Diamondbacks als Enttäuschung sehen. Im Gegensatz dazu spielen James Loney, Matt Kemp und Russell Martin sehr guten Saisons. Das Line-Up der D-Backs hat zu viele Schwachpunkte, die auch nicht von den guten Leistung eines Conor Jacksons oder Chad Tracys kompensiert werden können. Daher geht in der Kategorie Offense der Pluspunkt an das ausgeglichenere Dodgers-Lineup.
Vorteil Dodgers
Starting Pitching
Dan Haren und Brandon Webb. Diese zwei Namen sollten im Bereich der Starting Pitcher eigentlich jede Diskussion im Keim ersticken. Denn diesem zweiköpfigen Monster haben es die D-Backs zu weiten Teilen zu verdanken, dass sie immer noch in aussichtsreicher Position liegen. Zusammen haben Haren (ERA: 2.58) und Webb (ERA: 3.11) schon 22 Siege auf dem Konto. Zwar lässt die Qualität der Rotation jenseits dieser Ausnahmepitcher logischerweise nach, doch Randy Johnson ist – wie man diese Woche gegen die Cubs sehen konnte – immer für ein starkes Spiel gut.
Vielleicht haben die Dodgers sogar die ausgeglichenere Rotation, aber es fehlt der absolute Top-Pitcher. Chad Billingsley hat zwar schon gezeigt, dass er das Potenzial hat, einmal einer der besten Werfer der National League zu werden, doch im Moment kommt er einfach noch nicht an Haren und Webb heran. Daher geht der Punkt an die Diamondbacks.
Vorteil Diamondbacks
Bullpen
Wenn man strikt nach den Zahlen geht, müsste man dem Bullpen der Dodgers hier den Vorzug geben. Der Bullpen-ERA der Dodgers (3.17) ist fast einen Punkt besser als der der Diamondbacks (4.10) Doch wäre dieser Schluss wohl ein bisschen zu voreilig, denn man muss bedenken, dass die Dodgers für unbestimmte Zeit ohne ihren überragenden Closer Takashi Saito auskommen müssen. Jonathan Broxton versucht nun in dessen Fußstapfen zu treten, was rein physisch sicher kein Problem wäre. Ob der junge Broxton aber dem psychischen Druck gewachsen ist, wird sich zeigen. Auf Seiten der D-Backs befindet sich Closer Brandon Lyon momentan mitten in einem Leistungstief. Doch seine bisherige Saison mit Ausnahme der letzten Woche war sehr gut. Zudem hat Arizona mit Jon Rauch einen guten Setup-Man verpflichtet, der möglicherweise auch in die Rolle des Closers schlüpfen kann. Die D-Backs scheinen das größere Arsenal an guten Armen auf ihrer Seite zu haben. Trotz der bisher starken Leistungen des Dodgers-Bullpen sehe ich für den Rest der Saison leichte Vorteile für die Diamondbacks.
Vorteil Diamondbacks
Verletzungen
Die Verletzung von Takashi Saito wiegt für die Dodgers natürlich schwer. Doch auch die Diamondbacks haben mit Eric Byrnes einen prominenten Langzeitverletzten. Bei beiden Teams gibt es außerdem verletzungsanfällige Spieler. Wer weiß, wie lange Randy Johnsons Rücken oder Jeff Kents Beine die Strapazen der Saison noch verletzungsfrei überstehen? Oder ob Chad Tracy oder Nomar Garciaparra dauerhaft gesund bleiben? Eine Verletzung von einem dieser Spieler würde einenn schweren Rückschlag für das Team bedeuten. Aber das ist alles Theorie. Wir können uns daher nur auf das beschränken, was sicher ist. Das wäre zum Beispiel die bevorstehende Rückkehr von Brad Penny und Juan Pierre. Penny wäre eine deutliche Verstärkung für die Starting Rotation, wenn er nur annähernd die Form des letzten jahres wiederfinden würde. Auch Pierre (trotz einer mittelmäßigen Saison) wäre im Moment ein „Upgrade“ zu Andruw Jones. Bei den D-Backs kommen demnächst Juan Cruz und Justin Upton zurück. Beide werden die Mannschaft verstärken. Weil bei den Dodgers aber das größere Potenzial in den Rückkehrern steckt, geht der Punkt nach L.A.
Vorteil Dodgers
Manager
Nicht ohne Kritik an seiner Person verlief bisher die Saison von Bob Melvin, dem Manager der Diamondbacks. So kritisieren Fans der D-Backs Melvins unglückliches Händchen für den Bullpen oder seine häufig wechselnden und teilweise zweifelhaft zusammengestellte Lineups. Der amtierende Manager des Jahres scheint sein junges Erfolgsteam weniger gut im Griff zu haben als im letzten Jahr. Wichtiger noch könnte ein weiterer Punkt sein, nämlich die Erfahrung. Der Einzug in die Postseason im letzten Jahr bedeutete Melvins ersten Kontakt mit dem Oktober-Baseball. Sein Gegenpart Joe Torre hingegen hat schon genügend Playoff-Luft geschnuppert. In seinen 12 Jahren mit den Yankees erreichte er jedes Jahr die Postseason, vier Mal gewann sein Team die World Series. Natürlich hatte Torre auch fantastische Spieler zur Verfügung. Aber allein die Erfahrung, wie man eine Mannschaft erfolgreich durch die reguläre Saison in Richtung Oktober führt, gibt hier den Ausschlag zugunsten der Dodgers.
Vorteil Dodgers
Es würde mich sehr überraschen, wenn sich eines der beiden Teams bis zum Saisonende einen komfortablen Vorsprung erarbeiten könnte. Die Mannschaften sind ähnlich stark, wie der knappe 3:2-Sieg der Dodgers im Playoff-Check zeigt. Obwohl die Dodgers momentan noch hinter den Diamondbacks liegen, bleibe ich bei meiner Einschätzung vom Beginn der Saison. Die Dodgers haben das in allen Mannschaftsteilen ausgeglichenere Team, was am Ende den Ausschlag pro Blue geben wird. Obwohl bei den Dodgers momentan ein wirklich herausragender Spieler fehlt, sehe ich den Vorteil im Rennen um den Divisionstitel beim Team von Joe Torre.
Christoph May
Christoph May ist 21 Jahre alt und studiert in Mainz Publizistik, Amerikanistik und Politikwissenschaft. Bei Baseballinsider.de führt er die wöchentliche Kolumne Im Westen was Neues, die aktuelle Themen aus der National League West behandelt. Der langjährige Fan der San Francisco Giants schreibt ebenfalls für eine regionale Tageszeitung und spielt selbt begeistert Baseball.

