Im Westen was Neues - Viel Frust zur Halbzeit
Für die meisten Spieler ist das All-Star-Game eine willkommene Pause in einem Terminkalender, der während der Saison wenig Zeit für Erholung und Reflektion lässt. Nach über 100 Saison-Tagen, die zumeist aus Reisestress und Saisonspielen bestanden, bleiben nun für die Spieler einige wenige Tage zwischen erster und zweiter Saisonhälfte, um eine Zwischenbilanz zu ziehen. Wahrscheinlich werden viele Spieler die bisherige Saison schon einmal vor ihrem geistigen Auge abgespult haben. Bei den meisten Spielern der National League West dürfte danach das Fazit nicht sehr positiv ausfallen. Denn als Beobachter der NL West muss man konstatieren: in etwas mehr als drei Monaten hat sich die vermeintlich beste Liga im Baseball zur grauen Maus des Sports entwickelt. Ein einfacher Satz macht dies deutlich: Der Erste in der Division hat mehr Niederlagen als Siege auf seinem Konto.
Was wird sich also Eric Byrnes denken, der für eben diesen
Tabellenersten, die Arizona Diamondbacks spielt? Zunächst wird er sich
wahrscheinlich ärgern, dass er gerade eben nicht spielt. Sein
Oberschenkel, der ihn schon die gesamte Saison geplagt hat, meldete
sich vor kurzem schlimmer denn je zurück. Er wird vermutlich die
restliche Saison fehlen. Für jemanden wie Byrnes, der immer spielen
will, muss das besonders schlimm sein. Aber mindestens genauso wird er
sich über die erste Saisonhälfte der Diamondbacks ärgern. Hätte ihm
jemand vor der Saison gesagt, dass sein Team die NL West zum
All-Star-Game anführt, hätte er wahrscheinlich nickend zugestimmt. Doch
bei der Art, wie diese Führung zu Stande gekommen ist, kann man wohl
einfach nicht zufrieden sein. Nach einem überragenden April mit 20
Siegen und komfortablem Abstand zum Rest der Division meldeten sich von
da an die D-Backs des vergangenen Jahres zurück. Nur, dass ihnen neben
ihrer Offense auch noch der Killer-Instinkt, der sie im letzten Jahr
auszeichnete, abhanden gekommen ist. So stehen sie nun mit wenigen
Lichtblicken wie Dan Haren, Brandon Webb und Conor Jackson da, aber nun
mal auch mit einer wahrscheinlich ebenso langen Liste an Problemen. GM
Josh Byrnes muss sich überlegen, wie er das Team aus der offensiven
Misere führen will. Ein Trade, der Pittsburghs Jason Bay nach Arizona
bringen soll, ist im Gespräch. Bei dem Gedanken, dass im Gegenzug wohl
weitere Prospects den Club verlassen würden, bekäme ich aber an Byrnes'
Stelle gehörige Zahnschmerzen. Denn Spieler wie Dan Uggla, Scott
Hairston oder Carlos Quentin, die dem Team in seiner momentanen
Verfassung sicher sehr gut tun würden, hat Josh Byrnes in den letzten
Jahren alle abgegeben. Spiritus rector Eric Byrnes wird den Club wohl
so schnell nicht verlassen. Denn er hat in seinem Vertrag eine
komplette „No-Trade“-Klausel stehen.
Andruw Jones von den Los Angeles Dodgers denkt sich wohl, dass ihm eine
solche Klausel gar nichts bringen würde. Denn welcher Verein würde
gerade auch nur im Traum daran denken, ihn, den (Ex-)Superstar, zu
verpflichten? Jones hat eine erste Saisonhälfte gespielt, die man
eigentlich nur als historisch schlecht bezeichnen kann. Er steuert
geradewegs darauf zu, der erst vierte Spieler der Geschichte zu werden,
der in einer Saison doppelt so viele Strikeouts wie Hits verbucht. Wenn
er so weiter spielt, wird er die Saison mit einem Average von .167,
fünf Homeruns und 21 RBI beenden. Das würde bedeuten, dass er für jeden
RBI, den er schlägt, fast eine Million Dollar bekommen würde. Trotz
allem: Jones kann nicht der einzige Grund sein, warum die vor der
Saison hoch gehandelten Dodgers zur Halbzeit drei Spiele unter .500
liegen. Die komplette Offense kommt nicht so recht in Gang. Es fehlt an
offensiver Power (nur die Giants haben weniger Homeruns in der National
League) und vor allem fehlt Rafael Furcal. Er war zu Saisonbeginn der
Katalysator der Dodgers-Offense und hat in vielen Spielen einfach den
Unterschied gemacht. Die junge Garde der Dodgers mit Russell Martin,
James Loney oder Matt Kemp spielt zwar eine gute Saison. Jeder der drei
hat Statistiken aufzuweisen, die über dem Ligadurchschnitt liegen. Aber
um dauerhaft sehr guten Baseball spielen, braucht ein Team eben auch
einen überragenden Spieler, der dieses überdurchschnittlich, aber nun
mal nicht herausragend besetzte Team tragen kann. Die Dodgers müssen
für die zweite Hälfte der Saison also hoffen, dass Furcal nach seiner
Rücken-OP doch noch rechtzeitig wieder fit wird. Oder sie vertrauen auf
die Künste des neuen Hitting Coaches Don Mattingly. Der steht gleich
unter anderem vor der gigantischen Aufgabe, aus Andruw Jones anno 2008
wieder Andruw Jones anno 2005 zu machen. Es ist fraglich, ob ihm das
gelingt. Wenn aber, dann sieht es gut für die Dodgers aus.
Ob Jeff Francis von den Colorado Rockies dieser Tage wohl wehmütig an
den vergangenen Oktober, den besten Monat seiner Karriere, zurückdenkt?
An einen Monat, in dem als Starting Pitcher im ersten Spiel von gleich
drei Playoff-Serien stand und sich endlich als einer der Top-Pitcher
der National League etabliert hat. Man darf davon ausgehen, denn die
Gegenwart bietet für ihn sportlich wenig Grund zu ausgelassener Freude.
Das Oktober-Märchen ist vorbei und die Realität hat Francis und die
Rockies brutal wieder eingeholt. Die vielen Innings des letzten Jahres
haben beim Linkshänder ihre Spuren hinterlassen. Vor letzter Saison hat
Francis noch keine einzige Saison bestritten, in der er über 200
Innings warf, im letzten Jahr waren es aber gleich 230 inklusive
Postseason. Da darf es nicht verwundern, dass Francis nie wirklich in
die Saison fand. In den Spielen, wo er als Rockies-Starter auf dem
Mound stand, hat das Team eine Bilanz von 5 Siegen und 12 Niederlagen.
Inzwischen befindet er sich mit einer Schulterverletzung auf der
Verletzenliste. Francis' bisherige Saison mit schwachen Leistungen und
Verletzungspech steht sinnbildlich für seinen Club. Die auch von mir
stark eingeschätzte Starting Rotation enttäuscht bisher mit Ausnahme
von All-Star Aaron Cook. Ubaldo Jimenez ist noch zu unkonstant,
Franklin Morales in den Minor Leagues auf der Suche nach seinem
verloren gegangenen „Stuff“ und Jason Hirsh seit dem Spring Training
nicht einsatzbereit. Natürlich kann ein Verein keinen Erfolg haben,
wenn er sich auf Pitcher wie Mark Redman, Kip Wells oder Glendon Rush
verlassen muss. Und wenn man dann auch noch sieht, dass ein Todd
Helton, die personifizierte Konstante in Sachen Hitting, nur .266
schlägt, dann sind die 8 ½ Spiele Rückstand auf die D-Backs nicht mehr
verwunderlich. Jeff Francis wird insgeheim schon auf einen Neuanfang im
nächsten Jahr hoffen, wenn die Erwartungen, die vor der Saison
„mile-high“ in den Himmel geschossen sind, geringer sein werden.
Das einzige, was Tim Lincecum von den San Francisco Giants momentan
wohl ärgert, ist eine Grippe, die ihn an der Teilnahme am All-Star-Game
gehindert hat. Ansonsten ist Lincecum zusammen mit Edinson Volquez der
beste National-League-Pitcher der ersten Saisonhälfte. Quasi im
Alleingang hat Lincecum die Giants vor dem kompletten Absturz bewahrt.
14 von 20 Spielen, in denen Lincecum auf dem Mound stand, konnten die
Giants gewinnen. Ohne ihn haben sie eine schaurige Bilanz von 26-49.
Mit 135 Strikeouts führt Lincecum die National League an, sein ERA von
2.57 bedeutet Platz 2 in der Liga hinter Volquez. Man könnte noch
etliche weitere Zahlen anführen, um die Klasse des erst 24-Jährigen zu
unterstreichen. Nur würden die Giants in diesem Jahr wohl fünf
Lincecums benötigen, um im Titelrennen der NL West ein Wörtchen
mitzusprechen. Die Mannschaft befindet sich in einer Umbruchsphase.
Junge Spieler wie Fred Lewis oder John Bowker bekommen immer mehr
Spielzeit. Zwar sind die wirklichen Top-Talente des Clubs noch in den
unteren Minor Leagues, ein erster Schritt in die richtige Richtung
wurde jedoch mit der Integration von Nachwuchsspielern gemacht. Das
Vertrauen in altgediente Veteranen, die man in Frisco jahrelang Barry
Bonds zur Seite stellte, hat immer noch negative Auswirkungen auf die
Gegenwart des Vereins. Ziel für den Rest der Saison sollte daher
weniger die Tabellenplatzierung am Ende sein. Viel wichtiger ist es,
Altstars wie Rich Aurilia oder Ray Durham, die jeweils passable Saisons
spielen, gegen junge Spieler einzutauschen. Es gibt genügend Teams, die
erfahrene Offensivspieler im Playoff-Rennen gebrauchen können. Die
Giants zählen nicht dazu, denn ihre Ambitionen liegen jenseits von
2008. Das wird Tim Lincecum sicher auch so sehen. Als Anführer einer
neuen Giants-Generation kann man ihn sich aber schon jetzt gut
vorstellen.
Adrian Gonzalez von den San Diego Padres wird sich dieser Tage einsam
fühlen. Nicht nur, weil er der einzige Padres-Vertreter beim
All-Star-Game war. Nein, das war bei der verkorksten Saison des Teams
aus Südkalifornien nun wirklich zu erwarten. Vielmehr ist es die
Offense seines Teams, die ihm schlaflose Nächte bereiten dürfte,
spätestens seitdem die Blutarmut der Padres-“Slugger“ auch seine
eigenen Leistungen nach unten zieht. Zwar zeigen junge Spieler wie
Kevin Kouzmanoff und Chase Headley ordentliche Leistungen. Um der
Offense aber einen entscheidenden Schub zu geben, fehlt dem Lineup
insgesamt die Klasse. Platz 29 in der Liga beim Schlagdurchschnitt und
Platz 30 bei den Stolen Bases sprechen da eine deutliche Sprache. Die
Manager der gegnerischen Teams wissen inzwischen, dass Gonzalez zu den
Top-Hittern der Liga zu zählen ist. Da um ihn herum aber kein weiterer
Padre dieses Prädikat verdient, können sie Gonzalez sozusagen
umspielen. Er bekommt schlicht und einfach mehr Pitches außerhalb der
Strike-Zone zu sehen. Wenn der Erfolg des Teams dann dadurch ausbleibt,
kann das bei einem Ausnahme-Schlagmann schnell zur Frustration führen.
So wahr es wohl bei Gonzalez, dessen Schlagdurschnitt im letzten Monat
um über 20 Punkte gesunken ist.
Bei 10 Spielen Rückstand auf Arizona können die Padres in der zweiten
Hälfte nur noch Schadensbegrenzung betreiben. Ähnlich wie die Giants
müssen die Padres nun versuchen, schon für die nächste Saison
aufzubauen. Ein Top 3 Draft Pick dürfte ihnen nächstes Jahr sicher
sein. Vielleicht schafft es General Manager Kevin Towers ja auch, den
ein oder anderen jungen Spieler zu verpflichten, um das mittelmäßige
Farm System wieder aufzubauen. Aber eigentlich kommt da nur Brian Giles
in Frage, der einzige Spieler im Team, der über .300 schlägt. Adrian
Gonzalez würde einen solchen Trade sicher mit einem lachenden und einem
weinenden Auge betrachten. Einerseits könnte er sich nämlich über eine
Investition in die Zukunft freuen. Auf der anderen Seite würde bei
einem Weggang von Giles die Zahl der guten Pitches für ihn nicht
unbedingt wieder zunehmen.
Christoph May
Christoph May ist 21 Jahre alt und studiert in Mainz Publizistik, Amerikanistik und Politikwissenschaft. Bei Baseballinsider.de führt er die wöchentliche Kolumne Im Westen was Neues, die aktuelle Themen aus der National League West behandelt. Der langjährige Fan der San Francisco Giants schreibt ebenfalls für eine regionale Tageszeitung und spielt selbt begeistert Baseball.

