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Im Westen was Neues - Viel Frust zur Halbzeit

 
Autor: Christoph May Donnerstag, 17. Juli 2008
 

Für die meisten Spieler ist das All-Star-Game eine willkommene Pause in einem Terminkalender, der während der Saison wenig Zeit für Erholung und Reflektion lässt.  Nach über 100 Saison-Tagen, die zumeist aus Reisestress und Saisonspielen bestanden, bleiben nun für die Spieler einige wenige Tage zwischen erster und zweiter Saisonhälfte, um eine Zwischenbilanz zu ziehen. Wahrscheinlich werden viele Spieler die bisherige Saison schon einmal vor ihrem geistigen Auge abgespult haben. Bei den meisten Spielern der National League West dürfte danach das Fazit nicht sehr positiv ausfallen. Denn als Beobachter der NL West muss man konstatieren: in etwas mehr als drei Monaten hat sich die vermeintlich beste Liga im Baseball zur grauen Maus des Sports entwickelt. Ein einfacher  Satz macht dies deutlich: Der Erste in der Division hat mehr Niederlagen als Siege auf seinem Konto.


diamondbacks_small.gifWas wird sich also Eric Byrnes denken, der für eben diesen Tabellenersten, die Arizona Diamondbacks spielt? Zunächst wird er sich wahrscheinlich ärgern, dass er gerade eben nicht spielt. Sein Oberschenkel, der ihn schon die gesamte Saison geplagt hat, meldete sich vor kurzem schlimmer denn je zurück. Er wird vermutlich die restliche Saison fehlen. Für jemanden wie Byrnes, der immer spielen will, muss das besonders schlimm sein. Aber mindestens genauso wird er sich über die erste Saisonhälfte der Diamondbacks ärgern. Hätte ihm jemand vor der Saison gesagt, dass sein Team die NL West zum All-Star-Game anführt, hätte er wahrscheinlich nickend zugestimmt. Doch bei der Art, wie diese Führung zu Stande gekommen ist, kann man wohl einfach nicht zufrieden sein. Nach einem überragenden April mit 20 Siegen und komfortablem Abstand zum Rest der Division meldeten sich von da an die D-Backs des vergangenen Jahres zurück. Nur, dass ihnen neben ihrer Offense auch noch der Killer-Instinkt, der sie im letzten Jahr auszeichnete, abhanden gekommen ist. So stehen sie nun mit wenigen Lichtblicken wie Dan Haren, Brandon Webb und Conor Jackson da, aber nun mal auch mit einer wahrscheinlich ebenso langen Liste an Problemen. GM Josh Byrnes muss sich überlegen, wie er das Team aus der offensiven Misere führen will. Ein Trade, der Pittsburghs Jason Bay nach Arizona bringen soll, ist im Gespräch. Bei dem Gedanken, dass im Gegenzug wohl weitere Prospects den Club verlassen würden, bekäme ich aber an Byrnes' Stelle gehörige Zahnschmerzen. Denn Spieler wie Dan Uggla, Scott Hairston oder Carlos Quentin, die dem Team in seiner momentanen Verfassung sicher sehr gut tun würden, hat Josh Byrnes in den letzten Jahren alle abgegeben. Spiritus rector Eric Byrnes wird den Club wohl so schnell nicht verlassen. Denn er hat in seinem Vertrag eine komplette „No-Trade“-Klausel stehen.

dodgers_small.gifAndruw Jones von den Los Angeles Dodgers denkt sich wohl, dass ihm eine solche Klausel gar nichts bringen würde. Denn welcher Verein würde gerade auch nur im Traum daran denken, ihn, den  (Ex-)Superstar, zu verpflichten? Jones hat eine erste Saisonhälfte gespielt, die man eigentlich nur als historisch schlecht bezeichnen kann. Er steuert geradewegs darauf zu, der erst vierte Spieler der Geschichte zu werden, der in einer Saison doppelt so viele Strikeouts wie Hits verbucht. Wenn er so weiter spielt, wird er die Saison mit einem Average von .167, fünf Homeruns und 21 RBI beenden. Das würde bedeuten, dass er für jeden RBI, den er schlägt, fast eine Million Dollar bekommen würde. Trotz allem: Jones kann nicht der einzige Grund sein, warum die vor der Saison hoch gehandelten Dodgers zur Halbzeit drei Spiele unter .500 liegen. Die komplette Offense kommt nicht so recht in Gang. Es fehlt an offensiver Power (nur die Giants haben weniger Homeruns in der National League) und vor allem fehlt Rafael Furcal. Er war zu Saisonbeginn der Katalysator der Dodgers-Offense und hat in vielen Spielen einfach den Unterschied gemacht. Die junge Garde der Dodgers mit Russell Martin, James Loney oder Matt Kemp spielt zwar eine gute Saison. Jeder der drei hat Statistiken aufzuweisen, die über dem Ligadurchschnitt liegen. Aber um dauerhaft sehr guten Baseball spielen, braucht ein Team eben auch einen überragenden Spieler, der dieses überdurchschnittlich, aber nun mal nicht herausragend besetzte Team tragen kann. Die Dodgers müssen für die zweite Hälfte der Saison also hoffen, dass Furcal nach seiner Rücken-OP doch noch rechtzeitig wieder fit wird. Oder sie vertrauen auf die Künste des neuen Hitting Coaches Don Mattingly. Der steht gleich unter anderem vor der gigantischen Aufgabe, aus Andruw Jones anno 2008 wieder Andruw Jones anno 2005 zu machen. Es ist fraglich, ob ihm das gelingt. Wenn aber, dann sieht es gut für die Dodgers aus.

rockies_small.gifOb Jeff Francis von den Colorado Rockies dieser Tage wohl wehmütig an den vergangenen Oktober, den besten Monat seiner Karriere, zurückdenkt? An einen Monat, in dem als Starting Pitcher im ersten Spiel von gleich drei Playoff-Serien stand und sich endlich als einer der Top-Pitcher der National League etabliert hat. Man darf davon ausgehen, denn die Gegenwart bietet für ihn sportlich wenig Grund zu ausgelassener Freude. Das Oktober-Märchen ist vorbei und die Realität hat Francis und die Rockies brutal wieder eingeholt. Die vielen Innings des letzten Jahres haben beim Linkshänder ihre Spuren hinterlassen. Vor letzter Saison hat Francis noch keine einzige Saison bestritten, in der er über 200 Innings warf, im letzten Jahr waren es aber gleich 230 inklusive Postseason. Da darf es nicht verwundern, dass Francis nie wirklich in die Saison fand. In den Spielen, wo er als Rockies-Starter auf dem Mound stand, hat das Team eine Bilanz von 5 Siegen und 12 Niederlagen. Inzwischen befindet er sich mit einer Schulterverletzung auf der Verletzenliste. Francis' bisherige Saison mit schwachen Leistungen und Verletzungspech steht sinnbildlich für seinen Club. Die auch von mir stark eingeschätzte Starting Rotation enttäuscht bisher mit Ausnahme von All-Star Aaron Cook. Ubaldo Jimenez ist noch zu unkonstant, Franklin Morales in den Minor Leagues auf der Suche nach seinem verloren gegangenen „Stuff“ und Jason Hirsh seit dem Spring Training nicht einsatzbereit. Natürlich kann ein Verein keinen Erfolg haben, wenn er sich auf Pitcher wie Mark Redman, Kip Wells oder Glendon Rush verlassen muss. Und wenn man dann auch noch sieht, dass ein Todd Helton, die personifizierte Konstante in Sachen Hitting, nur .266 schlägt, dann sind die 8 ½ Spiele Rückstand auf die D-Backs nicht mehr verwunderlich. Jeff Francis wird insgeheim schon auf einen Neuanfang im nächsten Jahr hoffen, wenn die Erwartungen, die vor der Saison „mile-high“ in den Himmel geschossen sind, geringer sein werden.

giants_small.gifDas einzige, was Tim Lincecum von den San Francisco Giants momentan wohl ärgert, ist eine Grippe, die ihn an der Teilnahme am All-Star-Game gehindert hat. Ansonsten ist Lincecum zusammen mit Edinson Volquez der beste National-League-Pitcher der ersten Saisonhälfte. Quasi im Alleingang hat Lincecum die Giants vor dem kompletten Absturz bewahrt. 14 von 20 Spielen, in denen Lincecum auf dem Mound stand, konnten die Giants gewinnen. Ohne ihn haben sie eine schaurige Bilanz von 26-49. Mit 135 Strikeouts führt Lincecum die National League an, sein ERA von 2.57 bedeutet Platz 2 in der Liga hinter Volquez. Man könnte noch etliche weitere Zahlen anführen, um die Klasse des erst 24-Jährigen zu unterstreichen. Nur  würden die Giants in diesem Jahr wohl fünf Lincecums benötigen, um im Titelrennen der NL West ein Wörtchen mitzusprechen. Die Mannschaft befindet sich in einer Umbruchsphase. Junge Spieler wie Fred Lewis oder John Bowker bekommen immer mehr Spielzeit. Zwar sind die wirklichen Top-Talente des Clubs noch in den unteren Minor Leagues, ein erster Schritt in die richtige Richtung wurde jedoch mit der Integration von Nachwuchsspielern gemacht. Das Vertrauen in altgediente Veteranen, die man in Frisco jahrelang Barry Bonds zur Seite stellte, hat immer noch negative Auswirkungen auf die Gegenwart des Vereins. Ziel für den Rest der Saison sollte daher weniger die Tabellenplatzierung am Ende sein. Viel wichtiger ist es, Altstars wie Rich Aurilia oder Ray Durham, die jeweils passable Saisons spielen, gegen junge Spieler einzutauschen. Es gibt genügend Teams, die erfahrene Offensivspieler im Playoff-Rennen gebrauchen können. Die Giants zählen nicht dazu, denn ihre Ambitionen liegen jenseits von 2008. Das wird Tim Lincecum sicher auch so sehen. Als Anführer einer neuen Giants-Generation kann man ihn sich aber schon jetzt gut vorstellen.

padres_small.gifAdrian Gonzalez von den San Diego Padres wird sich dieser Tage einsam fühlen. Nicht nur, weil er der einzige Padres-Vertreter beim All-Star-Game war. Nein, das war bei der verkorksten Saison des Teams aus Südkalifornien nun wirklich zu erwarten. Vielmehr ist es die Offense seines Teams, die ihm schlaflose Nächte bereiten dürfte, spätestens seitdem die Blutarmut der Padres-“Slugger“ auch seine eigenen Leistungen nach unten zieht. Zwar zeigen junge Spieler wie Kevin Kouzmanoff und Chase Headley ordentliche Leistungen. Um der Offense aber einen entscheidenden Schub zu geben, fehlt  dem Lineup insgesamt die Klasse. Platz 29 in der Liga beim Schlagdurchschnitt und Platz 30 bei den Stolen Bases sprechen da eine deutliche Sprache. Die Manager der gegnerischen Teams wissen inzwischen, dass Gonzalez zu den Top-Hittern der Liga zu zählen ist. Da um ihn herum aber kein weiterer Padre dieses Prädikat verdient, können sie Gonzalez sozusagen umspielen. Er bekommt schlicht und einfach mehr Pitches außerhalb der Strike-Zone zu sehen. Wenn der Erfolg des Teams dann dadurch ausbleibt, kann das bei einem Ausnahme-Schlagmann schnell zur Frustration führen. So wahr es wohl bei Gonzalez, dessen Schlagdurschnitt im letzten Monat um über 20 Punkte gesunken ist.
Bei 10 Spielen Rückstand auf Arizona können die Padres in der zweiten Hälfte nur noch Schadensbegrenzung betreiben. Ähnlich wie die Giants müssen die Padres nun versuchen, schon für die nächste Saison aufzubauen. Ein Top 3 Draft Pick dürfte ihnen nächstes Jahr sicher sein. Vielleicht schafft es General Manager Kevin Towers ja auch, den ein oder anderen jungen Spieler zu verpflichten, um das mittelmäßige Farm System wieder aufzubauen. Aber eigentlich kommt da nur Brian Giles in Frage, der einzige Spieler im Team, der über .300 schlägt. Adrian Gonzalez würde einen solchen Trade sicher mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachten. Einerseits könnte er sich nämlich über eine Investition in die Zukunft freuen. Auf der anderen Seite würde bei einem Weggang von Giles die Zahl der guten Pitches für ihn nicht unbedingt wieder zunehmen.

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Kolumnen - Im Westen was Neues

Christoph May

 
christoph65x90Christoph May ist 21 Jahre alt und studiert in Mainz Publizistik, Amerikanistik und Politikwissenschaft. Bei Baseballinsider.de führt er die wöchentliche Kolumne Im Westen was Neues, die aktuelle Themen aus der National League West behandelt.
Der langjährige Fan der San Francisco Giants schreibt ebenfalls für eine regionale Tageszeitung und spielt selbt begeistert Baseball.