Im Westen was Neues - Ohne Shortstop nichts los
Die Position „Shortstop“ war im Baseball viele Jahre lang für Artisten mit dem Handschuh reserviert. Ein akzeptabler Shortstop musste kein überragender, eigentlich nicht einmal ein mittelmäßiger, Schlagmann sein, solange er es zu verhindern wusste, dass die Bälle das Infield verlassen. Anders ist es nämlich nicht zu erklären, dass sich Spieler wie Mario Mendoza, nach dem vermutlich die bekannte „Mendoza Line“ benannt ist, in den 70ern und 80ern fast zehn Jahre in den Major Leagues gehalten haben.. Unter die „Mendoza Line“ zu fallen, also einen Average von jämmerlichen unter .200 zu haben, kann sich in modernen Baseball kein Spieler mehr auf Dauer leisten, egal wie gut er defensiv ist.
Heute ist die Position des Shortstops auch eine offensive Position.
Troy Tulowitzki und Rafael Furcal stehen für diesen neuen Stil. Sie
sind nicht nur talentierte Verteidiger, sondern auch offensive Leader
ihrer Teams. Ohne Tulowitzkis 27 Homeruns und 99 RBIs wären die Rockies
im vergangenen Jahr niemals in die World Series gelangt. Und ohne
Rafael Furcals .367er Schlagdurchschnitt im April wäre die Offense der
Dodgers noch lebloser als ohnehin schon gewesen.Wie wichtig beide
Spieler für ihre Teams sind, zeigte sich in den vergangenen Wochen.
Nämlich in der Zeit, als sie verletzungsbedingt nicht auf dem Feld
stehen konnten. Tulowitzki zog sich Ende April eine
Oberschenkelverletzung zu, die sich als langwierig entpuppte. Für
Furcal war es einige Tage später eine Rückenverletzung, die ihn lahm
legte.
Der ohnehin schon nicht sehr gelungene Start in die neue Saison wurde für
die Rockies nach „Tulos“ Verletzung noch weiter ausgedehnt und sogar
verschlimmert. 11-16 war ihre Bilanz vor seiner Verletzung, also noch
nicht aussichtslos. Doch statt des erhofften Aufwärtstrends folgten
weitere Niederlagenserien in Abstinenz des Shortstops. Mit 24 Siegen
und 38 Niederlagen stehen die Rockies nun ganz am Ende der Division da.
Wie wichtig Rafael Furcal als Katalysator der Dodgers-Offense ist,
zeigte sich für die Dodgers nach seinem verletzungsbedingten Abgang. Im
April waren die Dodgers offensiv noch das sechstbeste Team der Liga mit
einem Average von .278. Im Mai, den sie zu weiten Teilen ohne Furcal
absolvierten, rutschten sie auf Platz 20 in dieser Kategorie ab und
punkteten über 20 Runs weniger. Da zeigt sich mal wieder, was ein
starker Leadoff-Hitter für eine Offense so alles bewirken kann. Ob es
nun ein Chin-lung Hu und Luis Maza in Los Angeles oder Jonathan Herrera
und Omar Quintanilla in Denver waren, die die beiden Stammkräfte
vertreten sollten: es gelang bei beiden Teams natürlich nicht. Die
Dodgers haben inzwischen den ehemaligen American League Rookie of the
Year Angel Berroa von den Royals verpflichtet, der bis zu Furcals
Rückkehr als Shortstop in L.A. spielen soll. Aber Berroa hat seit
seiner guten Rookie-Saison in Kansas City auch nicht mehr viel
geleistet, so dass die Hoffnungen in ihn wohl auch unter Dodgers-Fans
nicht unrealistisch groß sind.
Zum Schluss aber das Positive: womöglich müssen die Fans aber nicht
mehr allzu lange auf ihre Star-Shortstops warten. Ursprünglich ging man
bei Tulowitzki davon aus, dass er mindestens bis zum All-Star-Game
fehlen würde. Doch jetzt ging alles schneller. Er wird eventuell schon
in der nächsten Woche in den Minor Leagues auflaufen und könnte noch in
diesem Monat wieder das Trikot der Rockies tragen. Auch Furcal erholt
sich gut. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass er am 17. Juni in
Cincinatti wieder im Lineup der Dodgers steht. Für die Rockies kommt
Tulowitzkis Rückkehr wohl zu spät in einer bisher verkorksten Saison.
Denn alleine wird er die Rockies auch nicht aus dem Tabellenkeller
schlagen. Für die Dodgers aber könnte Furcals Comeback wohl gerade
rechtzeitig kommen, um einen Angriff auf die erstplatzierten D-Backs zu
starten.
Christoph May
Christoph May ist 21 Jahre alt und studiert in Mainz Publizistik, Amerikanistik und Politikwissenschaft. Bei Baseballinsider.de führt er die wöchentliche Kolumne Im Westen was Neues, die aktuelle Themen aus der National League West behandelt. Der langjährige Fan der San Francisco Giants schreibt ebenfalls für eine regionale Tageszeitung und spielt selbt begeistert Baseball.

