Im Westen was Neues - Rivalen im Tabellenkeller (2)
Im Mittelpunkt meiner letzten Kolumne stand der schwere Weg, der den San Francisco Giants in diesem Jahr bevorsteht. Diese Woche soll es um ihren Erzrivalen gehen, die Los Angeles Dodgers, deren letztjähriges Abschneiden einige Fragen aufgeworfen hat. War die letzte Saison für die Dodgers nur ein peinlicher Ausrutscher oder muss man in SoCal befürchten, sich dauerhaft mit den hinteren Plätzen in der NL West abfinden zu müssen?
Ende Juli war die Dodgers-Welt noch in Ordnung: ein Spiel nur Rückstand hatte das Team aus Los Angeles auf die Überraschungsmannschaft der Saison, die Arizona Diamondbacks. Doch dann verletzte sich Jeff Kent – wichtigster „run producer“ der Dodgers – am Oberschenkel und musste mehrere Spieltage pausieren. Prompt gingen sechs Spiele in Serie verloren. Man fand man sich auf einmal auf dem vorletzten Platz der NL West wieder. Eine Talfahrt, von dem sich die Dodgers in der verbleibenden Saison nicht mehr recht erholen konnten.
Hinzu kommt, dass die Chemie innerhalb des Teams anscheinend nicht die allerbeste war. Da gehen zum Beispiel Gerüchte um, wonach die Spielergeneration 35+ mit dem youth movement des Clubs nicht ganz einverstanden war. Dass Spieler wie James Loney, Matt Kemp oder Andre Ethier im Laufe der Saison vermehrt Spieltzeit bekamen, kommentierte Left Fielder Luis Gonzalez, inzwischen 39 Jahre alt und inzwischen bei den Marlins unter Vertrag, nach der Saison wie folgt: „They're all great players, but we weren't winning games. They're getting three and four hits, but you're not winning games." Aus diesen Aussagen kann man eine Menge Frustration heraushören. Verständlich, wenn man bedenkt, dass die Dodgers ab dem 1. August eine Bilanz von 24 Siegen und 31 Niederlagen hingelegt haben. Das war zu wenig, um ernsthaft um die Playoffplätze in der National League mitspielen zu können.
Doch das Kapitel 2007 ist endgültig geschlossen. Und damit das neue Jahr erfolgreicher wird als das vergangene, hat General Manager Ned Coletti den Kader um ein allseits bekanntes und ein nur Fernostexperten vertrautes Gesicht erweitert. Das bekannte Gesicht ist natürlich Andruw Jones. Der Ex-Atlanta Brave gilt als einer der besten Power-Hitter in den Major Leagues, hatte jedoch 2007 ein miserables Jahr. Ein unwürdiger Average von .222 und „nur“ 26 Home Runs (zum Vergleich: 2005 waren es 51, 2006 immerhin noch 41) haben seinen Wert auf dem Markt stark sinken lassen, so dass die Dodgers Jones zu relativ (!) günstigen Konditionen (zwei Jahre, 36 Mio. $) verpflichten konnten. Zu diesem Preis ist das eine gute Verpflichtung. Jones ist immer noch ein überdurchschnittlicher Center Fielder und bei einem Blick auf seine Karriere kann man davon ausgehen, dass letztes Jahr tatsächlich seine lädierte Schulter für seine schwachen Leistungen verantwortlich war. Und außerdem bringt er eines in die Stadt der Engel, das die Dodgers dringend benötigen: Home Runs. Denn letztes Jahr schlugen nur die Nationals in der National League weniger.
Hiroki Kuroda heißt der zweite wichtige Neuzugang der Dodgers. Von den herausragenden Leistungen ihres aktuellen Closers Takashi Saitos beflügelt, waren die Dodgers erneut bereit, auf dem teuren japanischen Pitchermarkt zuzuschlagen, der ja bekanntlich zumeist einem Lotteriespiel gleicht. Von teuren Flops wie Kei Igawa bis hin zu guten Major Leaguern wie Hideo Nomo haben die amerikanischen Teams in diser Hinsicht schon so ziemlich alles aus Fernost importiert. Kurodas Chancen, zu einem soliden dritten bis vierten Starter für die Dodgers zu avancieren, scheinen nicht schlecht. Schließlich war er in den letzten 10 Jahren für Hiroshima einer der besten Pitcher der japanischen Liga. Aber Vorsicht: wie bei allen Neuzugängen aus dem Land der aufgehenden Sonne sind Prognosen äußerst schwierig. Man muss tatsächlich erst einmal die ersten Monate der neuen Saison abwarten, um sich ein Urteil über Kuroda erlauben zu können. Einen ersten Eindruck konnte ich heute schon einmal gewinnen. Kuroda pitchte sein erstes offizielles Spieler in Dodger Blue. Ein sehr guter Auftritt. Sein harter Sinker (91 - 94 mph) führte zu vielen Groundballs gegen ein gutes Lineup der Braves mit Teixeira, Chipper und Jeff Francoeur. Ein vielversprechender Auftritt in einer allerdings frühen Phase des Spring Trainings, wo die Hitter meistens noch ein gutes Stück hinter den Pitchern her hinken.
Vieles spricht dafür, dass die Dodgers in der Saison 2008 den Weg aus der Talsohle der NL West finden werden. Wirft man einen Blick auf den Kader der Dodgers, sind wirkliche Schwachpunkte schwer auszumachen. Solides Starting Pitching mit Brad Penny und Derek Lowe an der Spitze der Rotation, ein guter Bullpen mit Jonathan Broxton und Takashi Saito, eine Gruppe vielversprechender Talente, angeführt von Catcher Russell Martin uns Outfielder Matt Kemp, und Veteranen wie Nomar und Jeff Kent. X-Faktor für den Erfolg der Dodgers wird der schon erwähnte Andruw Jones sein. Kann er an alte Leistungen in neuer Umgebung wieder anknüpfen, ist mit den Dodgers dieses Jahr auf jeden Fall zu rechnen. Außerdem wird interessant zu sehen sein, ob Starting Pitcher Jason Schmidt an alte (Giants-)Tage anknüpfen kann. Meine Prognose: Schmidt wird die Kurve nicht kratzen können und schon zu Mitte der Saison in den Bullpen verbannt. Ersetzen könnte ihn Clayton Kershaw. Der wird von vielen Experten als bester linkshändiger Nachwuchspitcher des Landes angesehen.
Und beinahe – einige werden es bemerkt haben -, hätte ich Joe Torre vergessen. Von George Steinbrenner in New York geschasst, unterschrieb Torre am 1. November bei den Dodgers und wird als Manager die sportlichen Geschicke in LA leiten. Trotz des schwachen Abschneidens der Yankees in den letzten Playoff-Jahren darf man nicht vergessen, dass Torre immerhin in seinen ersten fünf Jahren als Manager der „Bronx Bombers“ fünf Meisterschaften gewonnen hat. Torre weiß, wie man ein Team in die Playoffs führt. Genau daran wird er in Los Angeles gemessen, denn Oktober-Baseball scheint in diesem Jahr Pflicht für die Dodgers zu sein.
Christoph May
Christoph May ist 21 Jahre alt und studiert in Mainz Publizistik, Amerikanistik und Politikwissenschaft. Bei Baseballinsider.de führt er die wöchentliche Kolumne Im Westen was Neues, die aktuelle Themen aus der National League West behandelt. Der langjährige Fan der San Francisco Giants schreibt ebenfalls für eine regionale Tageszeitung und spielt selbt begeistert Baseball.
