Im Westen was Neues - Rivalen im Tabellenkeller (1)
Dass in der Offseason das Fundament für die neue Saison gelegt wird, ist eine altbekannte Weisheit. Gerade deshalb lohnt ein Blick auf die beiden Letztplatzierten der National League West '07 – die Los Angeles Dodgers und die San Francisco Giants -, die ja scheinbar (!) vor besonders großen Bauarbeiten im Hinblick auf die neue Saison stehen.
Zum ersten Mal seit 1992 belegten im vergangenen Jahr die Los Angeles Dodgers und San Francisco Giants die beiden letzten Plätze der National League West. Während die meisten Experten den Giants schon vor Beginn der Saison die rote Laterne in die Hand gedrückt hatten, kam das schwache Abschneiden der Dodgers überraschend, zumal sie bis in den August hinein noch aussichtsreich im Rennen um die Playoffplätze lagen.
Aus Sicht der Giants war es ein düsteres Jahr 2007. Zwar waren Barry Bonds' „Road to History“, das stimmungsvolle All-Star Game im eigenen Ballpark oder Tim Lincecums tolles Major League Debüt für Giants-Anhänger angenehme Ausnahmen vom tristen Tagesgeschäft, über die enttäuschende Bilanz von 71 Siegen und 91 Niederlagen konnten diese Lichtblicke aber nicht hinwegtrösten. Stellvertretend für die '07er Giants stand Ray Durham: im Jahr 2006 noch bester Offensivspieler des Teams (26 Home Runs, .293 Avg.), kam er nach Vertragsverlängerung 2007 auf einem katastrophalen Schlagdurschnitt von .217 und nur 11 Home Runs. Eine einzige Enttäschung. Auch die in die Jahre gekommenen Neuzugänge Ryan Klesko und Rich Aurilia spielten eine wenig überzeugende Saison. Naja, und über die Leistungen von 126-Millionen-Dollar-Pitcher Barry Zito hüllen Giants-Fans lieber einen ganz großen Mantel des Schweigens (zur Errinerung: eine Bilanz von 11-13 und einen ERA von 4.53). Kurz und knapp gesagt: die Giants waren vergangene Saison einfach zu alt und kränklich, um in der jungen und dynamischen NL West mithalten zu können.
Das letzte Jahr hat bewiesen: GM Brian Sabeans Taktik der letzten Dekade, um Barry Bonds eine schlagkräftige Truppe aus Veteranen zu versammeln, ist gescheitert. „Rebuilding“ heißt das Zauberwort. Doch wie soll ein Neuanfang gelingen, wenn das junge Spielermaterial fehlt. Colorado und Arizona hatten mit Top-Talenten wie Matt Holiday, Troy Tulowitzki oder Chris Young Erfolg bei ihrer Verjüngungskur, wie das letzte Jahr eindrucksvoll bewiesen hat. Die Giants hingegen planen mit jungen Spielern wie Nate Schierholtz, Kevin Frandsen, Rajai Davis oder Freddy Lewis. Sie sollen die Offense 2008 in Schwung bringen. Ohne diesem Quartett zu nahe treten zu wollen – im Gegenteil, ich halte besonders Schierholtz und Frandsen für talentiert genug, um auf Dauer gute Major Leaguer zu werden -, die Qualität, sich zu „Franchise Playern“ zu entwickeln haben sie wohl nicht.
Vorsichtig könnte man die Offseason der Giants als zurückhaltend bezeichnend. Grant Brisbee vom exzellenten Giants-Blog McCovey Chronicles hat die Offseason folgendermaßen beschrieben: „Boredom upon boredom before the eternal torment“. Das trifft es auch..
Dennoch war Sabean nicht ganz untätig. Als ersten Move gab es einen neuen Einjahreskontrakt für Shortstop Omar Vizquel. In Anbetracht des dünnen Free Agent Marktes und der herausragenden defensiven Fähigkeiten, die Vizquel ohne Zweifel immer noch besitzt, war das eine gute Entscheidung. Außerdem kann man nicht behaupten, dass sich aus den Minor League Teams der Giants ein geeigneter Ersatz für Vizquel aufgedrängt hat. Das große Manko aber an Vizquel: im Vergleich zu den anderen etatmäßigen Shortstops in der NL West (Tulowitzki, Drew, Furcal und Greene) ist Vizquel in allen offensiven Kategorien eindeutig der Schwächste.
Die zweite nennenswerte Verpflichtung ist Aaron Rowand. Mit einem „career year“ für die Phillies (27 Home Runs, Batting Average von fast .300) steigerte er seinen Marktwert um ein Vielfaches. Am Ende sprang für den rechtshändigen Schlagmann, der mit den White Sox 2005 die World Series gewann, ein Fünfjahresvertrag heraus, der ihm insgesamt 60 Millionen Dollar einbringen wird. Die Unterschrift von Rowand macht für die Giants sicherlich insofern Sinn, als dass er eine gewisse Home Run-Power in das ohne Barry Bonds zwar flinke, aber äußerst „powerlose“ Outfield der Giants bringt. Als ausgewiesene Kämpfernatur (man erinnere nur an seinen schmerzhaften Erfahrungen mit der Mauer des Citizens Bank Parks) könnte er außerdem eine neue Mentalität ins Clubhouse bringen. Zu bezweifeln ist aber, ob Rowands Zahlen aus dem schlägerfreundlichen Citizens Bank Park sich ohne Weiteres auf den pitcherfreundlichen AT&T Park transferieren lassen. Ich fürchte, dass sich die Giants mit höchstens 20 Home Runs von Rowand im kommenden Jahr begnügen müssen – und damit könnte er sogar das Team anführen.
Eine Großbaustelle mit vielen Fragezeichen ist das Infield. Nach dem Abgang von Pedro Feliz in Richtung Philly – den übrigens die wenigstens Giants-Fans bedauern – ist die Third Base-Position unbesetzt. Aus dem schon fast traditionell schwachen Farm-System der Giants darf man sich auf dieser Position wenig Vielversprechendes erhoffen. Als Beweis dafür: das letzte Eigengewächs, das sich als „Nicht-Pitcher“ auch tatsächlich in den Major Leagues etabliert hat, war Bill Mueller. Und der spielte 1997 seine erste volle Saison und sitzt inzwischen im Front Office der Dodgers. Man könnte es mit Kevin Frandsen versuchen, der in seinen vier Jahren in den Minor Leagues immerhin einen Schlagdurchschnitt von .328 aufweisen kann. Aber Frandsens Zukunft liegt eher auf seiner angestammten Position, der zweiten Base. Dort wird er nächste Saison seine Chance bekommen, wenn Ray Durham (mal wieder) verletzt auf der DL landet. Ein Trade für Joe Crede von den White Sox wäre eine Möglichkeit und wird auch weiterhin spekuliert.
Und auch auf der ersten Base stehen viele Fragezeichen. Eine dauerhafte Besetzung mit Rich Aurilia und Dan Ortmeier? Klingt nicht sehr vielversprechend, aber man hat wohl keine andere Wahl...
Wie unschwer zu erkennen ist, steht den Giants 2008 ein schweres Jahr ins Haus. Ein Mittelfeldplatz in der National League scheint wohl das höchste der Gefühle für die „Gigantes“ zu sein. Und das auch nur, wenn die Starting Rotation um Tim Lincecum und Matt Cain, das Herzstück des Clubs, die schwache offensive Produktion abfedern kann. Andernfalls steht allen Giants-Fans erneut eine frustrierende Saiso ins Haus.
Im zweiten Teil wird es kommende Woche um den zweiten Part der Rivalität, die L.A. Dodgers, gehen.
Christoph May
Christoph May ist 21 Jahre alt und studiert in Mainz Publizistik, Amerikanistik und Politikwissenschaft. Bei Baseballinsider.de führt er die wöchentliche Kolumne Im Westen was Neues, die aktuelle Themen aus der National League West behandelt. Der langjährige Fan der San Francisco Giants schreibt ebenfalls für eine regionale Tageszeitung und spielt selbt begeistert Baseball.

