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Ein halbes Jahrhundert in Kalifornien

 
Autor: Christoph May Freitag, 15. August 2008
 

dodgers_small.gifgiants_small.gifAls die Dodgers und Giants 1957 den Big Apple verließen und nach Kalifornien auswanderten, war das für viele Baseballfans eine Katastrophe. Der Wegzug war gleichzeitig aber auch der Anfang einer neuen Ära. Die älteste Rivalität des Sports wurde nun im Westen mit gleicher Brisanz weitergeführt. In diesem Jahr feiern die Los Angeles Dodgers und San Francisco Giants ihr 50. Jahr in der neuen Heimat. Sie können auf eine bewegte Geschichte zurückblicken, in der auf beiden Seiten gleichermaßen große Triumphe gefeiert, aber auch bittere Niederlagen durchlebt wurden. 


Der Exodus


Man ist oft dazu geneigt, sportliche Niederlagen oder Enttäuschungen dramatischer darzustellen als sie es in Wirklichkeit sind. Den Verlust der New York Giants und Brooklyn Dodgers im Jahre 1957 darf man aber zweifellos als tragischen Moment in der Geschichte der Stadt New York bezeichnen, der  im Leben von Hunderttausenden Bürgern eine große Lücke hinterlassen hat. Es war ein kurzes Telefongespräch, das den spektakulärsten und zugleich traurigsten Umzug der Baseballgeschichte ins Rollen brachte. Walter O'Malley, der Besitzer der Dodgers, wählte die Nummer von Horace Stoneham, dem Eigentümer der Giants, und schlug ihm einen Wechsel der beiden Clubs an die Westküste der Vereinigten Staaten vor. Stoneham war von Beginn an nicht abgeneigt, zumal es um seine Giants finanziell nicht besonders gut bestellt war. O'Malley hingegen machte gutes Geld mit den Brooklyn Dodgers, die Gier nach noch mehr Dollars trieb ihn aber zu diesem riskanten Projekt. Obwohl Umzugsgerüchte schon die Runde machten, konnte sich kein New Yorker vorstellen, dass auch nur eines der beiden Teams die Stadt wirklich verlassen würde. Damals in den ausgehenden 50ern sahen die Menschen ihre Clubs noch als öffentliches Eigentum und nicht als Spielzeug profitorientierter Unternehmer. Deshalb waren die Fans in Manhattan und Brooklyn umso schockierter, als der Umzug nach San Francisco bzw. Los Angeles nach Ende der 1957er Saison bekannt wurde. Der Frust und die Enttäuschung saßen tief. Beide Eigentümer konnten sich danach nie wieder in New York sehen lassen. Der Autor George Plimpton sagte, dass der Wegzug der Dodgers die Seele aus Brooklyn herausgerissen habe. „Brooklyn hat sich nie wieder davon erholt“.

Neuer Start im Westen

In Kalifornien wurden die beiden Teams aber mit offenen Armen empfangen. Lange Zeit war es unvorstellbar, dass ein Major-League-Team in Kalifornien spielen würde, denn bis dahin war es ab St. Louis vorbei mit großem Baseball. Dass jetzt gleich zwei Teams im Golden State angesiedelt wurden, war eine kleine Sensation. Glücklicherweise zog auch die bittere Rivalität zwischen den Dodgers und Giants mit in den Westen, von der die Teams bei ihrem ungewissen Start in neuem Terrain nur profitieren konnten. Die älteste Rivalität im Baseball blieb erhalten und wurde genau so verbissen fortgeführt wie in alten New Yorker Tagen. Beim ersten Spiel der Dodgers in Los Angeles am 18. April 1958, das noch im alten Coliseum ausgetragen wurde, kamen fast 80 000 Zuschauer.   Auch heute noch sind die Spiele der Giants gegen die Dodgers Zuschauermagneten und gehören zu den seltenen Momenten, in denen auch die ostküstenverliebten US-Medien den Blick in Richtung Westen wagen.

Die Rivalität blieb also erhalten. Eines hat sich nach dem Umzug aber doch geändert: die Dodgers wurden zum erfolgreicheren der beiden Teams. Während in New York noch die Giants dominierten und fünf Meisterschaften gewinnen konnten (die Dodgers gewannen eine), haben in Kalifornien die Dodgers Oberwasser bekommen. Gleich in ihrer zweiten Saison in L.A. konnten sie im Jahr 1959 die World Series gegen die White Sox gewinnen. In den 60er Jahren setzten sie den Erfolg fort. Es waren die überragenden Jahre von Sandy Koufax, dem besten Pitcher in der Geschichte des Clubs. Der Hall of Famer war an den Meisterschaften der Jahre 1963 und 1965 maßgeblich beteiligt, in beiden Serien wurde er zum wertvollsten Spieler gekürt. Sein Meisterstück lieferte er in Spiel 7 der 65er World Series ab, als er den Dodgers-Sieg gegen die Twins mit einem 3-Hit-Shutout sicherte.

Giants hinken hinterher

An solche Erfolge kam man in San Francisco nicht heran. Obwohl die Giants in den 60ern ein ganzes Ensemble zukünftiger Hall of Famer aufs Feld schickten, gelang ihnen kein World Series-Triumph. Mit Gaylord Perry, Juan Marichal, Willie Mays, Willie McCovey und Orlando Cepeda hatten sie allein fünf Spieler in ihrem Kader, die später einmal in die Ruhmeshalle des Baseballs berufen werden sollten. Besonders nah kamen sie 1962 an den Titel heran. In einem 3-Spiele-Playoff, das den Sieger der National League ermitteln sollte, konnten sie ausgerechnet gegen die Dodgers triumphieren und den Einzug in die Finalrunde klar machen. Gegen die Yankees schrammten sie nach einer Niederlage im 7. Spiel aber haarscharf am Titel vorbei. Und auch 2002 gelang ihnen der Titelerfolg nicht, obwohl sie gegen die Angels nur acht Aus vom Gesamtsieg entfernt waren. Deshalb zuckt auch heute noch jeder Giants-Fan zusammen, wenn er die Worte „Eight Outs“ hört, die ihn so schmerzlich an die verpasste Gelegenheit erinnern.

In Südkalifornien sind die sonnigen Meisterschaftsjahre allerdings auch schon eine Weile vorbei. Seit der letzten World Series im Jahr 1988, die durch Kirk Gibsons berühmten Homerun im ersten Spiel noch vielen in Erinnerung ist – und bei dem es sogar Reporterlegende Vin Scully die Sprache verschlug –  konnten sie keine einzige Playoff-Serie mehr gewinnen. So ziehen sich die Fans der beiden Clubs dieser Tage häufig mit den Misserfolgen des Rivalen auf. Die größte Wirkung hat das, wenn man einen Giants-Fan auf die lange, meisterschaftslose Zeit anspricht und einen Dodgers-Fan auf die Dürreperiode in den Playoffs, die nun schon beinahe 20 Jahre anhält.

Als Juan und Johnny sich stritten...

Auch abseits von Playoffs und Meisterschaften gab es eine Reihe denkwürdiger gemeinsamer Momente – leider nicht immer positive. Am 22. August 1965 zeigte sich nämlich, dass eine Rivalität auch schnell in Gewalt überspringen kann. Eigentlich war es ein Freudentag für jeden Baseballfan, denn mit Juan Marichal und Sandy Koufax standen zwei der absolut besten Pitcher dieser Zeit auf dem Mound. Zudem waren die Dodgers und Giants in ein denkbar knappes Rennen um den Titel der National League verwickelt. Statt eines spektakulären Pitching-Duells kam es aber leider zu einer äußerst unrühmlichen Aktion von Pitcher Marichal. In aufgeheizter Atmosphäre kam es in diesem Spiel von Beginn an zu vereinzelten Nicklichkeiten. Als Dodgers-Catcher Johnny Roseboro dann einen Ball direkt an Marichals Ohr (er stand als Schlagmann an der Platte) in Richtung Koufax zurück warf, fingen Roseboro und Marichal an, sich zu beschimpfen. Roseboro bäumte sich vor Marichal auf, eine Prügelei drohte, doch Marichal machte das Ganze noch viel schlimmer. Er verpasste seinem Gegenüber einen Schlag mit seinen Baseballschläger direkt gegen den Kopf.  Roseboro trug eine blutende Wunde am Kopf davon, es kam zu einem Schlagabtausch der beiden Teams, der erst nach 14 Minuten ein Ende fand. Marichal wurde für diese Aktion für acht Spiele gesperrt und musste eine Strafe von 1750 $ zahlen. Im engen Playoffrennen hat Marichal, der sonst als netter und sehr zugänglicher Typ bekannt war, mit diesem Aussetzer auch seinem Team enorm geschadet. Ohne den Dominikaner fehlte den Giants ein entscheidendes  Puzzleteil für den Titelerfolg.

Wenigstens dem Anderen geschadet


Bei bitteren sportlichen Rivalitäten kann ein Sieg gegen den Erzrivalen eine ansonsten mittelmäßige Saison aus Sicht von Fans und Spielern retten. Besonders, wenn man durch den Sieg den Playoffambitionen des Konkurrenten einen kräftigen Strich durch die Rechnung macht. Genau so ist es schon mehrfach in der langen Dodgers-Giants-Geschichte geschehen. Der 3. Oktober ist dabei eine Art Schicksalstag für beide Clubs. Zuerst gelang es den Giants, an diesem Datum im Jahr 1962 das schon erwähnte 3-Spiele-Playoff  zu gewinnen. Exakt 20 Jahre später war es dann der heutige ESPN-Kommentator Joe Morgan, der die Playoffträume der Dodgers am 3. Oktober zum Zerplatzen brachte. Die Dodgers mussten das letzte Spiel der Saison gewinnen, um ihre Chancen auf die Postseason zu wahren. Am Tag zuvor hatten sie schon die Giants mit einem deutlichen Sieg aus dem Playofrennen geworfen. Alles, worauf die Fans in San Francisco an diesem Tag noh hofften, war, dass es die Giants nun den Dodgers gleich tun würden und die Rivalen in Blau im Kampf gegen die erstplatzierten Braves eliminieren. Morgan tat den Fans genau diesen Gefallen mit einem dramatischen 3-Run-Homerun im 8. Inning des Spiels. Der Sieg der Giants am 3.10.1982 gilt immer noch als einer der größten Momente in 50 Jahren Giants-Baseball in San Francisco. Frei nach dem Motto: wenn wir schon selbst nicht weiter kommen, dann sollt ihr es auch nicht in die Playoffs schaffen!

Elf Jahre später konnten sich die Dodgers für diese tragische Niederlage aber revanchieren. Der Held des Tages war Mike Piazza. Zwei Homeruns schlug er im entscheidenden letzten Saisonspiel um vermieste den Giants mit dieser Heldentat eine ansonsten sehr erfolgreiche Saison, in der sie 103 Spiele gewinnen konnten. Profiteur der Rivalität waren mal wieder – na klar – die Braves. Auch in diesem Jahr könnte es wieder zu einem Herzschlagfinale am letzten Saisonwochenende kommen, wenn die Dodgers in San Francisco zu Gast sind. Die Giants werden in einem Umbruchsjahr, in dem sie viele junge Spieler ausprobieren, an diesem Wochenende nicht mehr aktiv ins Playoffrennen eingreifen können. Aber sie können sich den verfeindeten Dodgers, die gute Aussichten auf den Titel in der National League West haben, erneut in den Weg stellen. Auch in diesem Jahr würden die Fans der Giants sicher etwas wohlwollender in die Offseason gehen, wenn ihnen ein solcher Coup gelänge.

Die Legenden leben weiter

Nach 50 Jahren Giants gegen Dodgers in Kalifornien wurde das Jubiläum von beiden Teams in diesem Jahr ausgiebig gefeiert. Noch häufiger als sonst wurden auf den großen Videoleinwänden die besten Momente der traditionsreichen Rivalität gezeigt. Man erinnerte sich an die legendären Spiele, an die denkwürdigsten Leistungen und an die großen Helden der beiden Teams. Man erinnerte sich an Legenden wie Maury Wills, Sandy Koufax oder Don Drysdale auf Seiten der Dodgers und Willie Mays, Juan Marichal oder Will „The Thrill“ Clark auf  Seiten der Giants, die so großen Anteil am Fortbestehen der Rivalität in Kalifornien hatten. Als am letzten Wochenende die Giants vor dem Spiel gegen die Dodgers ihre größten Outfielder ehrten, war auch ein besonders streitbarer Giant Teil dieses elitären Grüppchens – es war Barry Bonds. Bei aller gerechtfertigten Kritik, die Bonds für seine vermutliche Dopingvergangenheit einstecken musste, darf man eines nicht vergessen. Ohne Bonds hieße es heute vielleicht Los Angeles Dodgers gegen Tampa Bay Giants anstatt San Francisco Giants. Denn hätte Bonds die Giants Anfang der 90er nicht zurück auf die Baseball-Landkarte gebracht, wäre ein Umzug á la 1958 nicht unwahrscheinlich gewesen. Mit der Konsequenz, das eine der lebendigsten und attraktivsten Rivalitäten des Baseballs verloren gegangen wäre.

Wer am vergangenen Wochenende die Giants-Dodgers-Serie gesehen hat, der weiß, dass die Rivalität auch nach 50 Jahren noch am Leben ist. Spiele der Dodgers gegen die Giants sind immer noch etwas besonderes, für Spieler wie für Zuschauer. Hoffen wir, dass uns die älteste Rivalität des Baseballs noch mindestens weitere 50 Jahre erhalten bleibt.

Kommentare
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Wow
Patrick Krämer
(88.68.199.xxx) 15-08-2008 11:34
Klasse Artikel, schön sowas im Deutschsprachigen Raum zu lesen. Ich hoffe, das ich in Zukunft
ähnlich gute Stücke beitragen. *Hut ab*
 
avatar
melog
(Registered) 15-08-2008 16:14
Jep, kann dem nur zustimmen...Gerade für mich als Baseball-Jüngling (bin erst seit einem Jahr dabei
:) ) sehr sehr interessant! Freue mich auf viele weitere Artikel dieser Art :)
 
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