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Wie viel Qualität hat der Quality Start?

 
Autor: Remo Gebert Dienstag, 26. Mai 2009
 

9 Spiele gestartet (GS) – 6 Quality Starts (QS). Man müsste angesichts der derzeitigen Statistik von Colorados Starting Pitcher Ubaldo Jimenez meinen, er spiele eine sehr gute Saison mit entsprechend guten Werten. Beim zweiten Hinschauen stellt jedoch auch ein Nicht-MLBInsider fest, dass Jimenez diese Saison doch kein Sieggarant für die Rockies ist: ERA 4.25 bei 3-5.

Nun will ich nicht die Saison von Jimenez bewerten, sondern eher die Pitcher-Statistik „Quality Start“. Dieser soll also über ein „Qualitätsstart“ Auskunft geben. Dabei wird wohl fast jeder davon ausgehen, dass dies eine positiv ausgerichtete Statistik ist – je mehr QS, desto besser der Pitcher. Nun, man darf hier geteilter Meinung sein.

Seitdem der heute für die Detroit Free Press aktive Journalist John Lowe 1985 bei der Suche nach einer weiteren statistischen Bewertung für einen Pitcher auf den QS kam, wird dieser dann vergeben, wenn ein Pitcher in mindestens sechs Innings Pitched (IP) maximal drei Earned Runs (ER) zulässt.

Nehmen wir das Ganze mal auseinander: drei ER in sechs IP bedeuten einen ERA von 4.50 – dies mit Qualität in Verbindung zu setzen ist doch sehr schmeichelhaft für den Pitcher. Sicherlich wird der Pitcher selten genau 6.0 Innings pitchen in denen er auch noch genau drei ER zulässt, dennoch halte ich diese Maximalgrenze für sehr weitläufig gesetzt. Umgesetzt würde dies heißen, jeder Pitcher mit einem ERA unter 4.50 wäre „qualitativ“ gut – Ansichtssache.

Zweiter Kritikpunkt am QS ist die „Bestrafung“ von Pitchern, die bis tief ins siebte oder achte Inning pitchen. Gehen wir hier mal weiter und davon aus, dass ein CC Sabathia ein Complete Game (CG) abliefert und dabei vier ER zulässt. Sicherlich kein schlechter Wert in der American League, dennoch würde er dafür keinen QS angerechnet bekommen. Ein Pitcher, der die QS-Vorgaben mit 6.0 IP bei drei ER ganz genau erfüllt und dem Bullpen dann das Feld überlässt, erhält jedoch einen QS – trotz eines Spiel-ERA von 4.50. CC Sabathias Spiel-ERA von 4.00 bei seinem erwähnten CG hätte hingegen keinen QS verdient!

Ein ähnlicher Kritikpunkt wie beim ERA gesellt sich zudem auch beim QS hinzu: die fehlende Ballpark-Beachtung. Egal, ob der Pitcher im für ihn „freundlicheren“ Oakland Coliseum pitcht oder ob er im Home-Run-freundlichen neuen Yankee Stadium auf den Mound steigt – die QS-Voraussetzungen bleiben unverändert. So hat es – um das vorherige Beispiel aufzugreifen – ein Yankee-Starter wie CC Sabathia bei einem Heimspiel rein statistisch gesehen deutlich schwerer, in mindestens 6.0 IP maximal drei ER zuzulassen. So kann im Yankee Stadium ein „Dinger“ bei zwei Läufern auf Base schnell drei Runs verursachen, während „The Green Monster“ im Fenway Park das zu verhindern wüsste und ein daraus resultierendes Double wahrscheinlich nur ein bis zwei Runs verursacht. Demnach kann man hier nicht von einer ausgeglichenen Chancenverteilung für einen QS ausgehen.

Nun ziehen wir uns mal ein paar Daten heran, um die Aussagekraft des QS zu prüfen. Nehmen wir die letzte Saison (2008), zunächst die Übersicht der League-Leaders in Sachen QS (Anzahl):

1.    Johan Santana (Mets)                28
2.    Tim Lincecum (Giants)               26
3.    CC Sabathia (Indians/Brewers)       25
4.    Mark Buehrle (White Sox)            24
4.    Brandon Webb (D-Backs)              24

Die Top drei im Anhäufen von QS hatten am Saisonende alle einen ERA unter 3.00, sicherlich nicht überraschend, denn hier tummeln sich reihenweise Rotation-Aces der Teams. Oder anders ausgedrückt: Je mehr Spiele, umso mehr Chancen auf einen QS. Daher ist die folgende Statistik aussagekräftiger:

1.    Johan Santana (Mets)                82 %
2.    Tim Lincecum (Giants)               79 %
3.    Cliff Lee (Indians)                 74 %
4.    Tim Hudson (Braves)                 73 %
5.    Zack Greinke (Royals)               72 %
5.    Ricky Nolasco (Marlins)             72 %

Hier wird aufgeführt, wie oft ein Pitcher seine GS mit einem QS abschloss. Zur gerechteren Verteilung sind hier nur Pitcher aufgeführt, die mindestens zehn Spiele begonnen haben. Auch hier steht mit Santana kein Unbekannter oben, in 28 seiner 34 begonnen Spiele holte er sich einen QS. Demnach hat er in nur sechs Spielen (18 %) mehr als drei ER in mindestens sechs Innings zugelassen. Ein ähnliches Bild beim zweitplatzierten Tim Lincecum: in nur sieben von 33 begonnen Spielen (21 %) kein QS für das Ace der Giants. Die anderen drei in der ersten Statistik genannten Pitcher sind hier mit je 71 % QS/GS nur knapp außerhalb der Top fünf.

Nun, unbestritten ist es eine Ansammlung von Top-Pitchern bei den beiden QS-Statistiken – aber ehrlich, wer hätte das anders erwartet? Nicht umsonst haben diese Pitcher einen solch niedrigen ERA bzw. sind die Aces ihrer Teams!

Daher ein Vergleich, der mehr spezifische Aussagekraft haben könnte: der Vergleich zwischen den ERA-Leadern der letzten Saison mit deren jeweiligen QS-Anzahl sowie den QS im Verhältnis zu den GS:

1.    Johan Santana (Mets)            2.53        28        82 %
2.    Cliff Lee (Indians)             2.54        23        74 %
3.    Tim Lincecum (Giants)           2.62        26        79 %
4.    CC Sabathia (Indians/Brewers)   2.70        25        71 %
5.    Roy Halladay (Blue Jays)        2.78        23        70 %
6.    Jake Peavy (Padres)             2.85        19        70 %
7.    Daisuke Matsuzaka (Red Sox)     2.90        14        48 %
8.    Ryan Dempster (Cubs)            2.96        21        64 %
9.    Ben Sheets (Brewers)            3.09        18        58 %
10.   Cole Hamels (Phillies)          3.09        23        70 %

Eine interessante Statistik, denn man sieht hier doch z.T. gravierende Unterschiede: Santana, Lee und Lincecum nicht nur top in Sachen ERA, sondern auch in der Wahrscheinlichkeit für ein QS (und nix anderes bedeutet der Anteil von QS pro GS). Ein Matsuzaka hingegen spielte zwar eine sehr starke Saison 2008 für Boston und konnte seinen Karriere-ERA um mehr als einen Run verringern. Dennoch konnte er nur 48 % seiner Starts mit einem QS abschließen, also in mehr als der Hälfte seiner Spiele als Starting Pitcher ließ er vier Runs + x zu (in 6 + x Innings versteht sich). Auch Ben Sheets ließ in fast der Hälfte seiner GS mehr als drei Runs zu. Weitere Beispiele bekannter Pitcher mit gutem ERA, aber schlechten QS-% in der letzten Saison sind Mike Pelfrey (Mets, 3.72 ERA, 59 % QS/GS), John Danks (White Sox, 3.32 ERA, 58 % QS/GS),  Jamie Moyer (Phillies, 3.71 ERA, 58 % QS/GS) und Matt Garza (Rays, 3.70 ERA, 50 % QS/GS).

Was lässt sich also aus dem QS tatsächlich deuten? Weniger wie gut oder schlecht ein Pitcher ist (siehe Nichtbeachtung von z.T. weit mehr als sechs gepitchten Innings und „Pitcher-unfreundlichen“ Ballparks), sondern vielmehr, wie stabil bzw. verlässlich ein Pitcher über eine Saison gesehen auftritt. Eine hohe Anzahl von QS gibt darüber nicht unbedingt Aufschluss (gerade wenn ein Ace verletzt war und damit weniger Spiele bestritt), jedoch die prozentuale Aufführung von QS in den gestarteten Spielen.

Übersetzt kann das z.B. heißen (um kurz auf die vorher genannten Beispiele zurückzukommen): Ein Santana, Lee oder Lincecum wird weitaus wahrscheinlicher ein solides, gutes Spiel (um nicht „Quality Start“ zu gebrauchen) pitchen, als ein Matsuzaka, Sheets oder Pelfrey. Sicherlich noch nicht ganz aussagekräftig (und teils durch Verletzungen bedingt), aber doch interessant, dass ein Matsuzaka, Danks oder Moyer in der laufenden Saison z.T. weit weg sind von ihrer Vorjahresleistung, während Santana, Lee und Lincecum ihren ERA klar niedriger bzw. der letzten Saison entsprechend halten können, demnach also bedeutend kontinuierlicher bzw. verlässlicher in ihren Auftritten sind.

Insgesamt kann man also durchaus gute, logische Schlüsse aus der QS-Statistik (insbesondere der prozentualen) ziehen, dennoch halte ich das „Quality“ für ziemlich unpassend. Die bessere Bezeichnung wäre wohl „Average Start“, denn in der MLB ist ein ERA von 4.50 – wie ihn der QS durchaus vorsieht – wohl eher Durchschnitt.

Kommentare
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dancariaz
(Registered) 26-05-2009 20:18
sehr interessant und sehr gut geschrieben :)



Hoffentlich bekommen wir öfter was von dir zu lesen, ich würde mich darüber sehr freuen
 
Erich
(Publisher) 26-05-2009 22:10
Sehr schöner Artikel.:)



Was man bei den QS mitbetrachten sollte. Ein solcher schont den Bullpen und ist m.Meinung nach
Aussagekräftiger als die W-L Statistik.
 
Thomas
(Registered) 27-05-2009 00:09
Generell eine sehr berechtigte Kritik am Standard von Quality. Schon allein an beide Leagues den
gleichen Anspruch zu stellen ist nicht gerechtfertigt...die Stadien sind wie erwähnt noch ein
weiteres Problem.



Wie bei so vielen Statistiken geht es auch hier darum, die Statistik richtig zu interpretieren - wie
du sagst als ein Zeichen für Konstanz, nicht aber als ein (alleiniges) Zeichen von Klasse.



Was man aber dennoch sagen sollte: Ein QS kann zwar mit einem ERA von 4.50 erreicht werden, in der
breiten Masse der Fälle ist das aber nicht so. Zwischen 1984 und 1991 lag der ERA bei einem
durchschnittlichen QS bei 1.91, in den letzten Jahren meines Wissens nach um die 2.00.



Für ...
 
Rene
(Publisher) 27-05-2009 13:07
"Quality Start" - najo, einerseits sind 6 IP, 3 ER doch eine Leistung, die es dem Team
ermöglichen, das Spiel zu gewinnen, andererseits sind die Schwachstellen dieser Statistik deutlich
und wurden ganz richtig angesprochen.

Was ich noch hinzufügen möchte: Quality Start "erbt" natürlich auch die Schwächen der earned
run Statistik, insbesondere, daß ein Pitcher nicht mehr bestraft wird, wenn das Inning für ihn
virtuell vorbei ist. Fallbeispiel: bei bases loaded 2 outs, 6. Inning mit bisher 3 ER (Stand 3-3)
begeht ein Infielder einen error, der Pitcher verliert komplett den Faden und läßt am Schluß noch 10
runs zu bevor er das letzte out bekommt. Quality Start mit 13 abgegebenen runs? Naja...
 
Thomas
(Registered) 27-05-2009 13:27
Zustimmen muss ich jimmy1138 beim letzten Satz: 5 Innings ohne Run sind deutlich besser als 6 mit 3
ER - ein Inning hin oder her: 5/0 ist besser als 6/3.

Beim ersten allerdings weniger: Theoretisch ermöglicht man auch mit 5 ER in 6 Innings seinem Team
einen Sieg - in den meisten Fällen allerdings nicht.



3 Runs/9 Inn. reichen zu 33,9 % zum Sieg.

4 Runs zu 47,1 %.

5 Runs zu 59,3 %.



Und das gilt für den Zeitraum von 2000 bis 2004 als mehr Runs/Spiel erzielt wurden als in den letzen
2-3 Jahren. Folglich sind die oben genannten Prozentwerte aktuell sogar noch etwas höher.



Dass heißt, dass 4 erlaubte (nicht nur earned) Runs über 9 Innings dem Team ca. ein 50/50 Chance auf<...
 
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Basti
(Publisher) 27-05-2009 18:08
Ein sehr schöner Artikel über den Quality Start: Zu den %-Zahlen von Thomas gebe ich nur noch an,
dass da in gewisserweise der Run-Support eines Pitchers ja drin enthalten ist.



Aber es ist interessant wie sich sich die Zahlen in den letzten Jahren entwickelt haben mit wieviel
Runs man in etwa break even oder besser läuft ein Spiel für sich zu entscheiden.



Dass ein Perfect Game und ein 6 Innings, 10 Hits, 3 ER beides ein Quality Start darstellt ist halt
eigentlich ein Witz..



Ich wäre eher für 7 Innings und 3 ER, wobei man sagen muss, dass heutzutage ein Starter im
Durchschnitt nicht mal sieben Innings pitchen darf und der Bullpen viel früher eingesetzt wird.
Früher war es ei...
 
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