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Fact or Fiction? #6

 
Autor: Nils Braselmann Montag, 22. September 2008
 

Fact or Fiction? geht in die sechste Runde mit der heutigen Ausgabe. Unsere Redakteure diskutieren in der monatlichen MLB-Kolumne kontroverse Behauptungen und begründen ihre Meinung.

Unter anderem geht es in der aktuellen Ausgabe über die Entlassung von Ned Yost. Ist sie zu vertreten? Weiterhin wird über die Zukunft von Jamie Moyer diskutiert und ob die Philadelphia Phillies die New York Mets hinter sich lassen können. Zudem wird unter die Lupe genommen, ob Brian Cashman für das schlechte Abschneiden der Yankees verantwortlich ist und diskutiert, ob ein Salary Cap in der Major League Baseball Sinn machen würde.

Ich begrüsse euch recht herzlich zur sechsten Ausgabe von Fact or Fiction? Eine kontroverse Behauptung wird in den Raum gestellt, und anschließend begründet der jeweilige Redakteur, ob diese Behauptung für ihn Fact (wahr) oder Fiction (falsch) ist. In der heutigen Ausgabe sind drei Redakteure zu Gast, die schon von Beginn an für MLBInsider.de schreiben und keine Minute unserer jungen Geschichte verpasst haben.

Ich wünsche euch in diesem Sinne viel Spaß beim Lesen der Meinungen von Phil, Marcus und Johannes!


1. Fact or Fiction: Die Entlassung von Ned Yost ist durchaus verständlich aus Sicht der Milwaukee Brewers.


Phil: Fact. Wie schon 2007 verspielen die Brewers die Playoffs am Ende des Jahres. Doch es war und ist wahrscheinlich die letzte Möglichkeit für Milwaukee mit diesem Team im Oktober Baseball zu spielen, müssen sie doch am Ende des Jahres mit Ben Sheets und auch CC Sabathia ihre beiden besten Starter abgeben und wahrscheinlich auch Prince Fielder, der zu viel Geld kostet. Aus dem Grund ist es absolut verständlich, dass Besitzer Mark Attanasio nicht noch einmal mit ansehen wollte wie seine Felle davon schwimmen. Zudem sagen Insider, dass Yost am Kollaps Mitschuld hat, da er selbst im Clubhouse einem Nervenbündel gleicht, anstatt seine Spieler zu beruhigen und ihnen Selbstvertrauen mit auf den Weg gibt.

Marcus: Fact. Ein wenig überrascht war ich schon, denn eigentlich lief es ja ganz gut dieses Jahr. Doch die Leistungskurve ging zuletzt steil nach unten. Wer da keine Parallelen zur letzten Saison sieht, hat wohl die letzte Saison nicht verfolgt. Man muss sich wirklich fragen, warum dieses Team immer gegen Ende des Jahres auseinander bricht. Und da ist es irgendwo naheliegend, das am Manager festzumachen, denn die andere Alternative wäre der General Manager. Und Doug Melvin hat alles für den Erfolg getan. Er hat u. a. CC Sabathia geholt und auch sonst ein mehr als fähiges Team zusammengebaut. Außerdem setzt man generell alles auf eine Karte in dieser Saison, was der Sabathia-Deal ohne große Chance auf eine Weiterverpflichtung mehr als deutlich machte. Und da kann ein Wechsel an der Spitze durchaus einen kurzfristigen Schub geben – hat ja bei den Mets auch geklappt.

Johannes: Fact. Allerdings nur zu diesem Zeitpunkt. Die Entlassung von Ned Yost war der wohl letzte Versuch, eine Alles-oder-Nichts Saison noch zu retten. Oder anders gesagt: die Playoffs zu erreichen. Denn nichts anderes hatten die Brewers im Sinn, als sie den Kader vor der Saison mit altgedienten Veteranen auffüllten und CC Sabathia für die zweite Saisonhälfte von den Indians loseisten. Bis vor ein paar Wochen ging das Konzept auf. Doch jetzt versagt mit Ryan Braun eine der jungen, sehr wichtigen Stützen. Das schien auch den Rest der Mannschaft zuletzt derart gelähmt zu haben, dass die Vereinsführung die Schockstarre mit einem Trainerwechsel lösen wollte – anscheinend ohne Erfolg. Den vollen Preis dafür werden die Brewers in der nächsten Spielzeit bezahlen.



2. Fact or Fiction: Jamie Moyer wird pitchen bis er 50 Jahre alt ist.


Phil: Fiction. Moyer wird im November gerade einmal 46 Jahre alt. Wie will man denn voraussehen, ob er die nächsten vier Jahre verletzungsfrei übersteht, geschweige denn Teams findet, die ihn weiterverpflichten wollen. 2009 ist zwar gesichert, da die Phillies mit ihm verlängern wollen. Doch in dem Ballpark lebt er auf dünnem Eis, was Erfolg und Misserfolg angeht. Die Saison 2008 war wohl nur noch ein Aufflackern kurz vor dem Karriereende.

Marcus: Fact. Er ist jetzt 45 und wird Anfang der neuen Saison 46 sein. Da müsste er also noch fünf Jahre insgesamt spielen. Er hat aber den Vorteil, dass er ein Finesse-Pitcher ist und zudem in der National League spielt. Wenn er gesund bleibt, wird er das sicherlich schaffen, zumal er das selbst als Ziel ausgegeben hat. Und dass er es nachwievor drauf hat, zeigt sein 3.86 ERA trotz der Tatsache, dass er in der NL East aktiv ist!

Johannes: Fact. „Mr. Changeup“ spielt seit über 20 Jahren im Konzert der Großen mit. Warum sollte er das nicht noch fünf weitere Jahre schaffen? Schließlich musste er sich noch nie Sorgen machen, dass er seinen Stil irgendwann mal umstellen muss (siehe Mike Mussina). Moyer war schon immer ein Werfer, der die Schlagmänner mit Finesse und Kontrolle überlistete. Zudem scheint er über ein riesiges Archiv an Videomaterial über seine Gegner zu verfügen. Die entsprechenden Kassetten studiert er aufmerksam vor jedem Auftritt. Da bekommt man eher das Gefühl, dass Moyer zwecks seiner Erfahrung jedes Jahr eher besser und reifer wird, wie ein guter Wein. Die einzige Variable bleibt die Gesundheit: Wie sehr sein Körper die jahrelangen Belastungen bisher verkraftet hat, weiß nur er selbst.



3. Fact or Fiction: Es wäre besser für die Liga, wenn die Major League Baseball einen Salary Cap wie bei anderen US-Sportarten einführen würde.


Phil: Fiction. Warum sollte Baseball einen Salary Cap überhaupt erwägen? Der MLB geht es so gut wie noch nie zuvor in der Geschichte. Die Umsätze und Einnahmen steigen überall. Neue Ballparks schießen aus dem Boden wie Pilze. Nur dem Wetter und der schlechten wirtschaftlichen Lage in den USA ist es begründet, dass kein neuer Zuschauerrekord aufgestellt wird, was aber immer noch für den zweiten Platz aller Zeiten reichen wird. Zudem ist die Liga ausgeglichen wie noch nie zuvor. Vorbei sind die Zeiten, in denen ein Team über ein Jahrzehnt die Titel abräumte. Seit 2000 hat es in acht Jahren sieben verschiedene World Series Gewinner gegeben. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen waren nahezu alle Teams einmal in den Playoffs. Die die es nicht schafften, haben weniger mit dem Budget zu kämpfen, sondern eher mit Inkompetenz im Management. Zudem wurde mit der Luxury Tax dafür gesorgt, dass das die hohen Payrolls der Topteams nicht in das Unermessliche steigen.

Marcus: Fiction. Die Tampa Bay Rays zahlen an ihr gesamtes Team ca. fünf Mio. $ weniger als Alex Rodriguez und Derek Jeter zusammen verdienen. Und dennoch gewinnen die Rays wohl die AL East, während die Yankees den Oktober vor den Fernsehschirmen verfolgen werden. Zudem ist auch das Team mit der zweitteuersten Gehaltsliste – Detroit Tigers – weit weg von den Playoffs. Und auf Platz drei dieser Liste stehen die New York Mets, die ebenfalls noch um die Playoffs bangen müssen. Gerade im Baseball ist es nicht immer erforderlich, die besten Spieler zu haben, man muss es auch zusammenbringen und benötigt zudem einiges an Glück. Insofern ist eine Gehaltsobergrenze an sich überflüssig. Wenn die Steinbrenners auch in Zukunft 200 Mio. $ ins Team stecken wollen, viel Spaß dabei! Genauso sollte es Michael Ilitch von den Tigers, den Wilpons bei den Mets, John Henry bei den Red Sox und Jerry Reinsdorf von den White Sox weiterhin gestattet sein, nach ihrem Ermessen zu zahlen. Den Erfolg kann man allein damit ohnehin nicht kaufen.

Johannes: Fiction. Die Mutter aller Transfer-Fragen. Die Frage ist nur: was will man mit einem „Salary Cap“ oder „Payroll Cap“ überhaupt erreichen? Mit einer Gehaltsobergrenze dürften die Unternehmen weniger Geld in Spielerverträge pumpen. Die Geldflüsse würden sich also zu Lasten der Spieler und zu Gunsten des Managements verschieben. Das bedeutet NICHT, dass die Fans weniger Eintrittsgeld zahlen müssten, dass sich die Kräfteverhältnisse zwischen den Unternehmen verschieben würden oder dass sich der sportliche Wettbewerb ausgeglichener gestalten würde. Vor allem bei letzterem Punkt spielen einfach zu viele Faktoren eine Rolle, als dass man allein das liebe Geld dafür alleinverantwortlich machen dürfte. Vieles deutet darauf hin, dass eine finanzielle Beschränkung die Vereine eher eingeschränkt, zum Beispiel bei spontanen Transfers. Übrigens: Die Theorie, dass Baseball immer mehr Fans verliert, weil nur wenige Teams erfolgreich sind, auch aufgrund eines nicht vorhandenen „Salary Caps“, wackelt bedenklich: Hier spielen auch die amerikanische Fankultur und das fehlende Spanungsmoment Aufstieg/Abstieg eine erhebliche Rolle. Einer der wenigen Vorteile einer Gehaltsobergrenze wäre eine Beschränkung der teilweise astronomischen Gehaltsumfänge mancher Superstars. Aber dafür würde es ja vielleicht schon genügen, die Obergrenze der „Luxury Tax“ ein wenig herabzusenken.



4. Fact or Fiction: Brian Cashman hat aufgrund seiner Personalentscheidungen großen Anteil daran, dass die New York Yankees die Playoffs verpassen.


Phil: Fiction. Nicht Brian Cashman ist daran schuld, dass die Yankees die Playoffs verpassen, sondern die Einkaufspolitik des Clubs nach der verpassten Meisterschaft 2001. Zwar ist Cashman schon seit 1998 General Manager des Teams, aber erst 2005 bekam er die alleinige Entscheidungsgewalt von Besitzer George Steinbrenner. Seit dem versucht er das Farmsystem wieder neu aufzubauen und das Team für die nächsten Jahre gut aufzustellen. Zudem verzichtete er darauf für irgendwelche Stars (Teixeira, Santana, Sabathia) die nur für einige Monate unter Vertrag stehen, Prospects herzugeben, nur um kurzfristig Erfolg zu haben. Damit nahm er bewusst ihn Kauf, was er oder jemand anderes aus dem Front Office der Yankees nie zugeben würde, dass man in diesem Jahr die Playoffs verpassen könnte. Im Pitching Bereich sieht man seine Früchte so langsam reifen. Beim Rest des Teams dauert dies noch ein, zwei Jahre länger. Die Tatsache, dass in den nächsten beiden Winter langfristige und teure Verträge auslaufen, wird ebenfalls helfen. Doch wer glaubt, dass Sabathia oder Mark Teixeira mit Wagenladungen von Geld und längerfristigen Verträgen überhäuft werden, wird sich täuschen. Zumindest solange Brian Cashman das Ruder in der Hand hält.

Marcus: Fact. Natürlich geht der Misserfolg in diesem Jahr auch auf Brian Cashmans Kappe! Nicht zuletzt er hat Hank Steinbrenner und seine Vorstandskollegen davon überzeugt, auf die Jugend zu setzen und dafür den Santana-Deal sausen zu lassen. Ian Kennedy war eine Katastrophe in dieser Saison, das gleiche galt für Robinson Cano und auch Phil Hughes‘ Saison war eine einzige Enttäuschung. Des Weiteren hätte er nicht blind auf Melky Cabrera im Center Field setzen sollen, so ganz ohne „doppelten Boden.“ Ein weiterer grober Schnitzer war es sicherlich, nach der Unterschrift von Andy Pettitte davon auszugehen, dass ein weiterer Linkshänder nicht benötigt werden würde, was ja letztlich die Initialzündung für den Verzicht auf Johan Santana bedeutete!
Sicher waren auch die vielen Verletzungen ein großer Faktor, sowie die Inkonstanz vieler Spieler und einige fragwürdige Entscheidungen von Manager Joe Girardi. Doch gerade die genannten Personalentscheidungen von „Cash“ hatten einen großen Einfluss auf diese Saison.

Johannes: Fiction. Einen großen Anteil hat er nicht. Einen kleinen schon. Ken Davidoff von newsday.com veröffentlichte vor ein paar Tagen einen interessanten Artikel über Brian Cashman und seine Personalentscheidungen. Darin teilte er die jüngsten Yankees-Vertragsentscheidungen in drei Kategorien ein: Transfers, die Cashman voll und ganz zu verantworten hat, Transfers, die er unterstützte, bei denen er aber keinen Einfluss auf die Vertragssumme hatte, und Transfers, die er als Außenstehender beobachtete. Auf A-Rods Rückkehr hatte er demnach keinen Einfluss, auf Posadas Unterschrift schon, nicht aber auf den Preis. Die Verträge von Damaso Marte, Xavier Nady, Andy Pettite, Sydney Ponson, Darrell Rasner. Mariano Rivera und Ivan Rodriguez hat er wohl allein in die Wege geleitet. Eine schlagkräftige Truppe hat Manager Joe Girardi daraus bisher nicht geformt. Auch das Projekt „Jugend forscht“ ging bisher in die Hose. Somit trägt Cashman durchaus eine Mitschuld an der misslungenen Spielzeit. Aber: Erstens ist auch Brian Cashman nicht gegen die Verletzungen vieler Schlüsselspieler gefeit. Und zweitens reicht eine einzige Saison eigentlich nicht aus, um den Erfolg oder Misserfolg einer Strategie mit jungen Spielern zu beurteilen. Ob die Yankees das bei ihren zünftigen Planungen berücksichtigen?


 
5. Fact or Fiction: Die Philadelphia Phillies werden die NL East vor den New York Mets gewinnen.


Phil: Fact. Die Phillies haben nach dem Wochenende noch zwei leichte Serien gegen die Braves und die Nationals im Blickfeld, während die Mets sich mit den Cubs und den Marlins herumschlagen müssen. Auch wenn Chicago keine bedeutungsvollen Spiele mehr vor sich hat, dürfte das Team aus Florida heiß darauf sein, den New Yorkern noch den Wild Card Platz streitig zu machen.

Marcus: Fact. Ihr Restprogramm: drei Heimspiele gegen die Braves und drei Heimspiele gegen die Nationals. Die Mets müssen dagegen noch dreimal gegen die Cubs und die Marlins spielen, allerdings auch zu Hause. Ich sehe da schon einen leichten Vorteil für „Philly“, zumal Ryan Howard zurzeit extrem heiß ist und im September über .390 schlägt. Die Mets hingegen schwächeln schon wieder, ihr Bullpen bricht regelmäßig auseinander und ihre Starter sind überarbeitet. Dennoch gehe ich davon aus, dass beide Teams die Playoffs erreichen, denn die Brewers sehen noch desolater aus als die Mets…

Johannes: Fact. Ein halbes Spiel Vorsprung ist freilich kein Polster zum Ausruhen. Doch die Phillies sind mit deutlich mehr Schwung auf die Zielgerade der regulären Spielzeit eingebogen. Den Mets spritzt da schon eher das Laktat aus den Ohren. Außerdem haben die Phillies in Brad Lidge derzeit einen Closer in Bestform. Letzteres suchen die Mets schon seit einigen Wochen. Relativ erfolglos, wohlgemerkt. Ein historischer Kollaps der New Yorker wie anno 2007 scheint in dieser Saison allerdings unwahrscheinlich. Denn ihre Verfolger in der Wildcard-Wertung sind die kriselnden Brewers aus Milwaukee.

Vielen Dank geht an meine Kollegen für das Mitarbeiten an der Kolumne und an euch Leser. Wir sind gespannt auf eure Meinungen zu den diskutierten Themen. Schreibt einfach bei den Kommentaren zum Artikel zu einer oder zu mehreren Aussagen eure Meinung. Fact or Fiction? wird mit der siebten Ausgabe im Oktober wieder da sein.

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Nils Braselmann

 
michael65x90Nils Braselmann ist Betreiber und Chefredakteur von Baseballinsider.de und AFinsider.de und bei den Portalen für Public Relations verantwortlich. Zudem ist er für die monatliche Ausgabe von Fact or Fiction? zuständig.

Der 26jährige aus Westfalen ist CEO von Nur Original Productions, Europas größtem Sport-DVD-Shop und studiert nebenbei Amerikanistik und Germanistik in Marburg.

Seine Freizeit verbringt der Sportbegeisterte mit Tennis, dem 1.FC Köln, US-Sports, Freunden und Sportwagen.