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The Sixth Sense

 
Autor: Thomas Kuhnert Freitag, 15. August 2008
 

Wie bitte? Glaubt Bonds das wirklich? Glaubt er ernsthaft, dass er seine Karriere noch mal fortsetzten wird? Welcher Verein soll einen Spieler unter Vertrag nehmen, der nächste Saison 45 Jahre alt werden wird, dann seit fast zwei Jahren kein Major League Spiel mehr gemacht haben wird und wegen Gerichtsterminen aufgrund des gegen ihn eingeleiteten Verfahrens wegen Meineids mehrere Spiele verpassen würde? Hinzu kommt noch Bonds’ Rolle als das prominenteste Gesicht der Steroids-Era, mit der kein Verein in Verbindung gebracht werden will. Und schließlich gilt Bonds noch als ein extrem schwieriger Charakter, der für Unruhe innerhalb einer Mannschaft sorgen kann.

Warum sollte ihn zur kommenden Saison jemand unter Vertrag nehmen wollen, wenn dieses Jahr niemand dazu  bereit war? Teams wie Seattle, Toronto und Cleveland in der American League oder aber auch Arizona in der National League hätten alle Bedarf für einen Spieler mit einem Karriere-OBP von .444 gehabt. Im Grunde genommen hätte jede Mannschaft Verwendung für einen solchen Spieler, vor allem wenn er sogar bereit dazu ist für das Mindestgehalt zu spielen. Dennoch wollte sich kein Verein Bonds und alle damit verbundenen Konsequenzen ins Clubhouse zu holen. Auch die Verantwortlichen der Giants antworteten am Samstag auf die Frage nach einer möglichen Zukunft Bonds’ bei den Giants, dass jetzt nicht der Zeitpunkt sei darüber zu sprechen. I haven’t retired?

Rick Reilly von ESPN zog dazu einen ebenso witzigen wie auch treffenden Vergleich: The Sixth Sense. Dort sieht ein kleiner Junge tote Menschen, die selbst nicht wissen, dass sie tot sind, so auch Bruce Willis, in der Rolle eines Kinderpsychologen. Um in diesem Bild zu bleiben: Barry Bonds ist Bruce Willis. Er ist der Letzte, der nicht weiß, dass er bereits tot ist und wird es bald schmerzhaft erfahren müssen. Er wird nie wieder in der Major League spielen und muss das endlich erkennen.

Bleibt eigentlich nur noch die Frage, warum Bonds zurückkommen durfte, denn wie wir wissen hat jeder Tote im Film, der noch mal zurückkehren darf, auf Erden noch etwas gut zu machen. Barry Bonds’ Aufgabe besteht darin, die große Baseballbühne mit Anstand zu verlassen. Vieles hat er dadurch zerstört, dass er sich durch die Einnahme von Steroiden unehrlich einen Vorteil verschaffte und es bis heute nicht einmal zugeben. Bonds ist erwiesenermaßen nicht der einzige, der zu seiner Zeit dopte und sollte auch nicht wie der einzige Betrüger behandelt werden, dass aber gerade er als der Home-Run-Rekordhalter einen besonderen Status genießt und dem Sport besonders geschadet hat, sollte aber ebenso klar sein. Es schmerzt jedes Mal aufs Neue zu sehen, wie sich einer der besten Spieler seiner Zeit der angemessenen Würdigung seiner Karriere selbst beraubte. Es ist nun an Barry Bonds dieses Mal das Richtige zu tun und die Größe zu zeigen, die er zu seiner aktiven Zeit nicht hatte, und mit Anstand abzutreten – für den Baseball und für sich selbst. 

Kommentare
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Sonne
(78.48.230.xxx) 15-08-2008 22:29
Danke Thomas für diesen sehr schönen Artikel!!



Full Ack!
 
Ralf
(82.212.58.xxx) 20-08-2008 00:07
Naja, das mit dem Doping ist immer so eine Sache. Ich will garantiert nicht für Doping plädieren,
aber mal ehrlich, was ist denn so unehrlich daran, wenn man der Beste ist unter allen, die ohnehin
auch dopen? Oder glaubt jemand an das Märchen von den unschuldigen Leistungssportlern?

Ich meine, im Radsport wird jetzt wirklich richtig gründlich geguckt (soweit man das beurteilen
kann) und trotzdem trauen sich immer noch welche, zu dopen. Die Möglichkeiten, sich zu verstecken,
werden genauso besser, wie die Möglichkeiten, dopende Sportler zu entlarven.

Das zu kriminalisieren, wird meiner Meinung nach auf Dauer nichts bringen.

Was die Lösung ist, kann ich aber auch nicht sagen. Freigeben? Keine Ahnung. F...
 
Thomas
(Registered) 21-08-2008 14:08
Nur die Tatsache, dass alle/viele etwas Verbotenes tun, macht es für mich kein bisschen besser.

Mein Hauptvorwurf an ihn ist aber nicht das Dopen an sich, sondern dass Bonds es trot aller
Eindeutigkeit der Situation nicht zugibt. Wenn alle es taten, sollte das doch noch leichter fallen.

Und ich sehe es ein bisschen aners als du: Bonds wäre auch ohne Doping einer der Größten gewesen und
war es wohl bis vor 10 Jahren auch noch. Aber gerade dieses Attributs hat er sich meiner Meinung
nach beraubt. Er hatte ja nicht mal den Druck dopen zu müssen, anders als manch anderer Spieler, der
ohne Doping aus der Liga gefallen wäre. Das kann ich manchmal noch verstehen.

Das ist für mich auch der Hauptunterschied z...
 
Thomas
(Registered) 21-08-2008 14:51
Noch ein Nachtrag:

Warum werden eigentlich immer solche Spieler und Charaktere als "Typen" bezeichnet? Muss man
sich dazu so arrogant und überheblich präsentieren?

Typen waren für mich ganz andere Spieler, die ihre Meinung sagten, auch wenn es zu ihrem Nachteil
sein konnte, menschlich Großes geleistet haben oder einfach nur offen und ehrlich sind, auch wenn es
manchmal unangemessen und unbequem ist: Gehrig, Jackie Robinson, Hank Greenberg, Roberto
Clemente...aktuell vielleicht Griffey oder Manny.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass das, was ich schlichtweg als "A...loch" bezeichnen würde,
oft als "Typ" verkauft wird.

Ich sehe einfach nicht, was Bonds außer tollen Zah...
 
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Thomas Kuhnert

 
thomas65x90 Thomas Kuhnert ist 29 Jahre alt und seit Beginn an Mitglied der Redaktion von MLBInsider.de. Zusammen mit Michael Koch moderiert er regelmäßig den seiteneigenen Podcast MLBI-Report.
Seine Magisterarbeit schrieb er über die Bedeutung Jackie Robinsons für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung und schloss 2008 das Studium der Neueren und Neuesten Geschichte und Amerikanistik an der Universität Tübingen ab. Bei den Stuttgart Reds spielte er acht Jahre lang aktiv Baseball. Ursprünglich aus Stuttgart stammend wohnt er derzeit in Tübingen.