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Ein amerikanischer Herbst
Ich habe mein erstes Baseballspiel am 17. Oktober 2004 gesehen. Zu dieser Zeit studierte ich an der University of Massachusetts in Amherst, drei Stunden westlich von Boston. Natürlich war mir in den zwei Monaten seit meiner Ankunft in Neu-England aufgefallen, dass viele Studenten auf dem UMass Campus mindestens eine Red Sox Mütze im Schrank hatten, und dass die meisten nicht sonderlich gut auf die New York Yankees zu sprechen waren. Und ich hatte mitbekommen, dass der Club aus Boston gerade in einer best-of seven Endspiel-Serie mit 0:3 gegen die großen Rivalen aus dem Big Apple zurück lag. Aber eigentlich interessierte ich mich nicht für diese amerikanischte aller Sportarten, die ich in Deutschland nie verfolgt hatte und deren Sinn und Regeln ich nicht verstand.
Als ich also an jenem 17. Oktober vor dem Zubettgehen noch einmal in den Waschraum meines Wohnheims ging, kam ich an dem Zimmer meines Kumpels Matt vorbei, in dem sich mindestens 20 Leute aufhielten. Alle starrten gebannt auf einen Computer-Flatscreen, der das Fernsehbild eines großen amerikanischen Senders zeigte – offensichtlich ein Baseballspiel. In der Mitte des Bildschirms stand ein Pitcher, der seltsamerweise nicht in Richtung des Batters (der deutsch anmutende Name auf der Rückseite des Trikots lautete Mueller) warf, sondern zur First Base, wo sich ein Mann immer wieder von der weißen Platte entfernte, nur um rechtzeitig vor dem Ball wieder zurück zu sein. Wieder und wieder ging dieses Spiel. Dann plötzlich eine Veränderung: Der Werfer (seinen Namen hatte ich inzwischen als Rivera identifiziert) feuerte zu Mueller. Gleichzeitig lief der Mann von der ersten zur zweiten Base. Er war schnell. Schneller als sein Gegenüber Derek Jeter, der versuchte, ihn mit seinem Handschuh und dem darin befindlichen Ball zu berühren.
Dave Roberts hatte eine Base gestohlen. Eine wichtige.
Als Bill Mueller kurz darauf mit einem Single für den Run zum 4:4 sorgte, explodierte die Stimmung in unserem keinen Raum, in dem sich offiziell nie mehr als 4 Menschen gleichzeitig aufhalten durften. In diesem Moment entschloss ich mich, auch noch den Rest des Spiels anzuschauen. Und dieser Rest ist bekanntlich Geschichte: die Sox gewannen nicht nur Spiel 4, sondern auch Spiel 5, jeweils durch einen Homerun von David Ortiz in den Extra Innings.
In diesen Tagen lernte ich alles, was ich heute über Baseball weiß. Nicht nur die Regeln. Auch die tragische Geschichte der Red Sox und des Fluchs, der seit 86 Jahren auf ihren Häuptern lag.
Im Jahr 1918, als der erste Weltkrieg zu Ende ging und die Spanische Grippe in Europa wütete, war Boston auf dem Baseball-Olymp angekommen. Den Gewinn der fünften World Series hatte man hauptsächlich einem Spieler zu verdanken, dessen Spitzname „Bambino“ noch Generationen von Red Sox Fans in den Ohren klingen würde. George Herman „Babe“ Ruth hatte seine Karriere als Pitcher begonnen und rangiert noch heute auf Platz 3 der ewigen Homerun-Statistik. Doch schon Ende 1919 entschlossen sich die Inhaber der Sox, den Bambino an die Rivalen von den New York Yankees zu verkaufen. Man hatte schlicht Geldsorgen.
In den folgenden 86 Jahren gewannen die Yankees 26 Meisterschaften, während Boston lediglich fünf Mal ins Endspiel kam, um dort auf oft tragische Weise in letzter Minute zu scheitern. Legendär geworden sind die Katastrophen von 1967, als Outfielder Toni Conigliaro von einem Ball am Kopf getroffen wurde und 1 ½ Jahre aussetzen musste; und von 1986, als Bill Buckner in Spiel 6 gegen die NY Mets auf verhängnisvolle Weise daneben griff. Der „Fluch des Bambino“ kannte keine Gnade. Menschen wurden geboren, lebten und starben, ohne ein einziges Mal mit ihrem Team die World Series feiern zu können. Man muss wohl in Neu-England gelebt haben, um den Schmerz nachvollziehen zu können, den jeder Red Sox Fan seit seiner Geburt mit sich herum trug. Erst im Jahr zuvor war das Team erneut im entscheidenden siebten Spiel des American League Finals an den Yankees (an wem auch sonst?) gescheitert.
Damals hatten auf dem Campus der University of Massachusetts Autos gebrannt. 2004 entlud sich die Spannung in ausgelassenen Freudenfeiern. Als durch die überirdische Leistung des eigentlich verletzten Werfers Curt Schilling (das Blut an seinem Knöchel sorgte für die ultimative rote Socke) auch das sechste Spiel gegen New York gewonnen werden konnte, gab es rund um mein Wohnheim kein Halten mehr. Die berittene Polizei, die sich wieder auf brennende Autos eingestellt hatte, nahm wahllos Studenten fest (über 100 innerhalb einer Woche) und trieb uns schließlich nach einer Stunde mit Tränengas auseinander (ernsthaft! Ich habe alles auf Video festgehalten). In Boston starb einige Tage später eine junge Frau an den Verletzungen, die ihr eine ins Auge gefeuerte Pfeffer-Patrone zugefügt hatte.
Und Spiel 7? Die Sox führten mit 6:0, bevor New Yorks japanischer Superstar Hideki Matsui überhaupt seinen ersten Schwung ausgeführt hatte. In der langen Geschichte des Baseball hatte noch nie eine Mannschaft einen 0:3 Rückstand in den Playoffs aufholen können. Bis Johnny Damon (ein Typ, der aussah wie Jesus), Manny, Pedro, David Ortiz und ein paar weitere selbsternannte Idioten kamen, um den Fluch des Bambino zu brechen. Die anschließende World Series gegen die St. Louis Cardinals geriet zum Triumphzug. Als die Red Sox nach einer souveränen 4:0 Serie endlich die Trophäe entgegennehmen konnten, waren seit meinem ersten Baseball-Spiel knapp zwei Wochen vergangen und Boston hatte kein einziges Mal verloren.
Dieser amerikanische Herbst hat mich vieles gelehrt. Erstens: Der Ausruf „Yankees Suck“ kann zu jeder denkbaren und undenkbaren Situation genutzt werden (Umbaupausen bei einem Rock-Konzert, Stromausfall in der Disko, Begrüßung im Bus, ...). Zweitens: Man sollte jeder Sportart eine Chance geben, und sei sie auf den ersten Blick auch noch so langweilig. Drittens: Ich liebe dieses Spiel!
Betreten von Fenway ein wenig der "Gluthauch der Geschichte" umweht (- ist seltsam, aber ein
wenig so als ob man zB in einem Archiv einen 200 Jahre alten Brief Napoleons aufschlägt ...)
Let's go Red Sox!
Ich habe meine liebe zu Baseball durch Philip Roths "The Great American Novel" entdeckt.
Kann es nur jedem Basball-Fan empfehlen.
Nach diesem Buch weiß man, warum es die amerikanischte aller Sportarten ist.
drei Jahren darauf hingearbeitet, wieder ein konkurrenzfähiges team aufzustellen, sich das
(zugegeben sehr früh kommende) Jahr mit drei schlechten erkauft. Zweitens hat dieses Jahr bei Miami
dieses Jahr einfach alles zusammengepasst und NE hatte durch den Ausfall von Brady den wichtigsten
Spieler verloren. 3. Warum soll das schlecht sein, wenn sich die Gewichte immer mal wieder
verschieben? Es ist ja nicht nur dem Zufall geschuldet, vielmehr muss langfristig geplant werden,
nur dass sich die Mittel immer wieder anpassen, im Gegensatz zu einem Betrieb ohne Salary Cap, wo
(Bayern ist das beste Beispiel) sic...
@Sonne: Wie man über Roths "Great American Novel" zum Baseball kommen kann, ist mir
schleierhaft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man das Buch überhaupt lesen und verstehen kann,
ohne *zuvor* ein bisschen Ahnung vom Baseball zu haben.
Auf der anderen Seite bin ich mir nicht sicher, ob der gemeine Baseball-Fan so viel mit dem Roman
anfangen kann. Ein Philologe hat sicher mehr Freude daran...
dann immer im Zug auf dem Weg zur Uni gelesen...einfach herrlich wie Roth schreibt
ich 2 oder 3 mal komplett gelesen, im Original versteht sich.
vorm schlafengehen
"Kinder wenn ihr nicht artig seit, holen euch die kleinen bösen roten socken"
Ich bin Baseball-fan durch "Die Indianer von Vleveland" geworden, aber da ich schon eine
Yankees-Jacke mein eigen nennen durfte und New York Rangers-fan war....wurde ich Yankees-Fan.
Finde Persönlich die Doku von Ken Burns auch unterhaltsam und sehr interessant.
von 2004 wird einfach nie langweilig.
P.S.: Falls jemand mal ein Weihnachtsgeschenk für mich sucht: Das Yankees-Toilettenpapier ist
wirklich eine geniale Idee!
Michael Koch
Michael Koch ist Baseballinsider.de-Redakteur der ersten Stunde und den Lesern sicherlich am besten als Gastgeber des Baseballinsider-Reports bekannt, den er gemeinsam mit Thomas Kuhnert moderiert.Im richtigen Leben schreibt er an seiner Doktorarbeit in Geschichte, in der er sich mit der Funktion von Feindbildern im amerikanischen Bürgerkrieg beschäftigt. Michael studierte mitten im Red Sox-verrückten Neu England, als Boston 2004 das größte Comeback aller Zeiten gelang, und verliebte sich auf Anhieb in den Baseball-Sport und das Team aus Massachusetts. Seitdem trägt er nicht nur stolz sein originales „Reverse the Curse“-T-Shirt, sondern soll in seiner Wahlheimat Tübingen auch schon mit einem Bat in der Hand gesehen worden sein.
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Dann mal gute Nacht Mets, sollten die es wirklich so doll treiben. Aber selbst die werden kein Ge...
(09-02-2012 18:28)Nico
Solche "Bad contract swaps" a la Milton Bradley gegen Carlos Silva gibt's normalerweise n...
(09-02-2012 16:24)Rene
Es branden immer mal wieder Spekulationen auf, wonach die METS Jason Bay für Burnett traden könnt...
(09-02-2012 15:54)USSFSteeler
Ich glaub so einfach geht das gar nicht
(09-02-2012 09:09)Basti
wegen mir kann er nach japan
(09-02-2012 08:59)wordass